Wer den Namen Harry Hole liest und dabei nicht die mittlerweile 13 Romane umfassende Kultkrimireihe des norwegischen Autors Jo Nesbø kennt, könnte annehmen, bei diesem Helden handele es sich um einen lustigen, Karotten kauenden Hasen. Doch weit gefehlt: Harry Hole – gesprochen wie man es schreibt – ist der beste, aber auch dunkelste Cop der norwegischen Metropole Oslo. Seit einem fünf Jahre zurückliegenden Einsatz, bei dem ein Kollege durch Harry verschuldet ums Leben kam, treiben Dämonen den Mann um. Als anfangs trockener Alkoholiker schielt der von Tobias Santelmann ("The Last Kingdom") gespielte Held der Serie stets ein bisschen über den Abgrund des Lebens. Rund 50 Millionen Nesbø-Bücher wurden bislang verkauft. Seine Reihe mit düsteren Nordic Noir-Krimis führt der 65-jährige Schriftsteller aus Oslo seit 1997 laufend fort. Bislang gab es erstaunlicherweise erst eine Verfilmung der Stoffe: 2017 erhielt der Kinofilm "Schneemann" mit Michael Fassbender als Harry Hole eher maue Kritiken. Die norwegische Netflix-Serie "Jo Nesbø's Harry Hole" erzählt nun ab Donnerstag, 26. März, über neun Folgen eine Geschichte, die den Roman "Das fünfte Zeichen" ("The Devil's Star") als Ausgangspunkt nimmt.
Darin vermutet Harry Hole hinter der aktuellen Mordserie einen Kollegen: Joel Kinnaman ("For All Mankind") verkörpert Holes Gegenspieler Tom Waaler – einen Polizisten, der unter Korruptionsverdacht steht. Nur beweisen kann man dem Mann nichts. Fiebrig und begleitet von Alkoholexzessen versucht Harry gemeinsam mit seiner neuen Kollegin Beate Lønn (Ellen Helinder), dem Verdächtigen etwas nachzuweisen. Dabei verfolgen die Oslo-Cops offenbar einen Serienmörder, der seine Tatorte – gewohnt skandinavisch – groß inszeniert. Selbst wenn sich "Jo Nesbø's Harry Hole" vieler Nordic Noir-Krimiklischees bedient – vom Serienmord der großen "Schaubilder" bis hin zu kaputt-coolen Charakteren, die nahe am Comichaften in Szene gesetzt werden – macht die Serie dennoch großen Spaß. Dies liegt vor allem an ihrer attraktiven Oberfläche, aber auch an gutem Schauspiel.
Sehr geschmackvoll, diese Norweger!
Sehenswert ist "Jo Nesbø's Harry Hole" wegen seines charismatischen Helden und der grandiosen, wenn auch mit vielen Farbfiltern in Szene gesetzten Schauplätze Oslos. Wer – ebenfalls bei Netflix zu finden – Fan der Serie "Dept. Q" ist, könnte auch mit Harry Hole, einem ähnlich miesepetrigem Ermittler-Helden, seinen Spaß haben. Gegen den Strich von Jo Nesbø dürfte die Serie ohnehin nicht gebürstet sein, denn der Starautor arbeitete selbst am Drehbuch mit.
Fantastisch ist auch der Soundtrack, der von niemand geringerem als Nick Cave und seinem langjährigen Mitstreiter Warren Ellis komponiert wurde. Nicht nur der Score von Cave/Ellis stimmt, sondern auch die Auswahl der in Serie gespielten Songs: Harry Hole hört in der Regel coolen Klassik-Punkrock der Ramones oder sperrige Wave-Songwriter-Perlen wie Warren Zevons "Werewolfes Of London". Und wenn es dann am Ende einer Folge komplett hoffnungslos wird, erklingt die düsterste aller Versionen des Klassikers "Ain't No Sunshine" – von der Band Wovenhand. Sehr geschmackvoll, diese Norweger!