"Mesut Özil – zu Gast bei Freunden"
Ein Rätsel namens Mesut Özil

  • von Eric Leimann
Mesut Özil, Fußball-Idol und deutscher Weltmeister von 2014, hat seine Karriere mittlerweile beendet. Erst wurde der elegante Spielmacher von den Deutschen verehrt. Er bekam sogar einen Bambi für Integration. Nach einem Foto mit dem türkischen Präsidenten Erdoğan kippte das Verhältnis Deutschland-Özil in gegenseitige Entfremdung. Was ist passiert?
Mesut Özil, Fußball-Idol und deutscher Weltmeister von 2014, hat seine Karriere mittlerweile beendet. Erst wurde der elegante Spielmacher von den Deutschen verehrt. Er bekam sogar einen Bambi für Integration. Nach einem Foto mit dem türkischen Präsidenten Erdoğan kippte das Verhältnis Deutschland-Özil in gegenseitige Entfremdung. Was ist passiert?
© ZDF/Foto: picture alliance/Markus Gilliar, Montage: Motor Kommunikation
Die dreiteilige Dokumentation "Mesut Özil – zu Gast bei Freunden" erzählt im ZDF und bereits ab 20. März in der ZDF-Mediathek die Geschichte von Aufstieg und Fall des Fußball-Weltmeisters von 2014. Florian Opitz' Film ist eine tiefschürfende Analyse einer gescheiterten Integration.

"Was kannst du über Mesut Özil sagen?" Sein Freund und ehemaliger Profi-Fußballer Hamit Altintop fragt zu Beginn der dreiteiligen Dokumentation "Mesut Özil – zu Gast bei Freunden" in die Kamera. Und gibt sich die Antwort selbst: "Du hast keine Information. Du kannst nicht mal ein Interview rausholen und sagen: Das sind die Eigenschaften." Man muss ergänzen: Altintop ist Gelsenkirchener Deutsch-Türke wie Özil. Und er bezeichnet den mittlerweile 37-jährigen Ex-Fußballstar und Weltmeister von 2014 als seinen Freund. Altintop schließt mit den Worten: "Aber keiner kennt ihn."

Die Dokumentation erzählt eine klassische Geschichte von Aufstieg und Fall. Denn der stille Junge aus Gelsenkirchen, der bis zur Einschulung kaum Deutsch sprach, wurde zuerst zum Aushängeschild für Integration und dann, nach seinen Fotos mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan kurz vor der WM 2018, zum Symbol ihres Scheiterns. Teil eins von "Mesut Özil – zu Gast bei Freunden" zeigt das ZDF in der Primetime. Die Episoden zwei und drei schließen sich ab 0.15 Uhr linear oder zeitunabhängig in der Mediathek an.

Grimme-Preisträger Florian Opitz ("Capital B – Wem gehört Berlin?") ist kein typischer Sport-Autor und Regisseur. Er interessiert sich für tieferliegende gesellschaftliche Fragen und deren Psychologie. Auch dieser Umstand macht diese dreimal 45 Minuten, die bereits ab 20. März in der Mediathek des ZDF zu sehen ist, so interessant. In seinem Özil-Porträt versucht Opitz, den Weg eines fußballerischen Mozarts zu erklären, der als Mensch nicht gerne redet und vor allem nicht öffentlich. Seine letztes deutsches Interview gab er dem Sportjournalisten und Moderator Frank Buschmann 2017 in London. Die ersten Minuten dieses Gespräches wurden von der Kamera aufgezeichnet. Opitz' Film nutzt diese Bilder und das gesamte Tondokument. Vor allem aber lässt er andere reden: Vater und Ex-Manager Mustafa Özil, Ex-Bundestrainer Jogi Löw und Ex-Nationalmannschaft-Manager Oliver Bierhoff, Per Mertesacker, der Mannschaftskollege in verschiedenen Teams war, und deutsch-türkische Journalisten wie Özlem Topçu (Der Spiegel) oder Volkan Agar (taz, DLF). Können sie das Phänomen Özil erklären?

2010 – ein Aufbruchsjahr der Integration?

2010, zur Fußball-WM in Südafrika, bei der Özils Stern vollends aufging, lief ein ziemlich moderner Werbespot im deutschen Fernsehen. Man sah positiv aufgeregte Menschen mittleren Alters, die ihre Lieben in verschiedensten Sprachen vor den Fernseher riefen. Weil "das Spiel" gleich beginnen würde. Dann fragte eine Stimme aus dem Off: Was haben all diese Menschen gemeinsam? Die Antwort des Spots lautete: Ihre Kinder spielen für die deutsche Fußball-Nationalmannschaft.

Die WM 2010 unter Bundestrainer Joachim Löw markierte eine Aufbruchsstimmung der Integration in Deutschland. Nicht nur, weil viele junge und hochtalentierte Spieler mit Migrationshintergrund im deutschen Team kickten: Sami Khedira, Jérôme Boateng oder Lukas Podolski beispielsweise – und natürlich Mesut Özil, der sich als erster prominenter Deutsch-Türke für das schwarz-weiße deutsche statt das rote türkische Trikot mit dem Halbmond entschieden hatte.

Darüber hinaus schien 2010, vor der europäischen Flüchtlingswelle und dem Aufstieg von Pegida und AfD, die Willkommenskultur der Deutschen über die Skepsis Fremden gegenüber zu siegen. Özil war das perfekte Aushängeschild dieses gesellschaftlichen Mindsets. Nach der WM wechselte er von Werder Bremen zu Real Madrid und wurde zu einem der begehrtesten Fußballer der Welt. Cristiano Ronaldo, damals in seiner "Prime" für die Königlichen am Ball, soll todtraurig bis wütend gewesen sein, als Özil 2013 – fast ein bisschen gegen seinen Willen – zu Arsenal London ging. Über den Transfer zerbrach so ein bisschen die Beziehung zwischen Vater/Manager Mustafa Özil und seinem Sohn. Weitere Missverständnisse wie jenes lachende Bild mit Erdogan, bei dem übrigens auch der spätere deutsche Nationalmannschafts-Kapitän İlkay Gündoğan dabei war, sollten folgen.

Ein Bruch mit Deutschland

Gerade die so unterschiedliche Karriere Gündoğans – ein weiterer Gelsenkirchener – zeigt, wie komplex die Geschichte Özils ist. Während es Ersterer schaffte, heil aus dem unglücklichen PR-Termin und der fatalen WM in Russland 2018 mit dem deutschen Vorrunden-Aus herauszukommen, trat Özil nach vielen Anfeindungen (und weiterem Schweigen) aus der Nationalmannschaft zurück.

Florian Opitz' Film versucht nicht nur geschickt, sich über Gespräche mit anderen dem Menschen Mesut Özil zu nähern, den Weggefährten stets als höflich, bescheiden und zurückhaltend beschreiben. Die Doku schafft es auch, Mechanismen der gesellschaftlichen und medialen Stigmatisierung zu durchleuchten und dabei eine äußerst interessante Karriere nachzuerzählen. Özil lebt mittlerweile zurückgezogen in der Türkei. Nach seinem Karriereende 2023 beschäftigte er sich mit Krafttraining, zuvor heiratete er und wurde Vater einer Tochter. Als Özils Trauzeuge trat in Erscheinung: Präsident Recep Tayyip Erdoğan. Mit Deutschland hat Mesut Özil, der 2010 einen Bambi für "Integration" gewann und eine kleine Rede vor deutschem Gala-Publikum hielt, vermutlich abgeschlossen.

Mesut Özil – zu Gast bei Freunden – Di. 31.03. – ZDF: 20.15 Uhr

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