Holland Wo weniger mehr ist


Übernachtung mit Wärmflasche und Schlafmütze: Auf holländischen Bauernhöfen kehren Urlauber in alte Zeiten zurück.

Der Gang durch den Eichenwald zum Zelt, das ist nichts, und doch, es ist alles. Die sanfte Luft, die Rufe der Vögel, die federnden Schritte, der Geruch nach Schatten am Ende eines langen sonnigen Tages. Das moderne Leben bleibt mit dem Auto auf dem Parkplatz zurück. Durch die Bäume siehst du am Waldrand die Zelte, dein Zuhause für die nächsten Tage, ein Ausstieg aus der digitalen Zeit. Du willst die Natur erfahren, zusammen mit deinen Söhnen, in den holländischen Boerenbeds - den Bauernbetten. "Zurück zu den Wurzeln", so der Slogan, "das Echte erleben". Es gibt kein Gas und keinen Strom. Also auch keinen Fernseher, kein Radio oder Internet - eine Reise in die Vergangenheit. Nichts soll zwischen den Gästen und der Naturerfahrung stehen. Fast nichts. Ein Wochenende kostet bis zu 415 Euro, da hat auch der Realismus Grenzen. So halten diese ungewöhnlichen Zelte einen Holzboden und gute Matratzen bereit, fließend Wasser, Toilette und Küche. Es ist spät, die Strahlen der untergegangenen Sonne färben die Wolken rosa. Thea, die 26-jährige Bäuerin, auf deren Gut Volenbeek in Ermelo zehn Boerenbed-Zelte stehen, geht vor. "Fast alle, die herkommen, sind aus der Stadt", sagt sie. "Und sie haben Kinder. Die sollen lernen, dass die Milch aus der Kuh kommt und nicht aus dem Kühlregal." Am Eingang schlägt Thea das Tuch zur Seite. Und da ist sie, die gute alte Zeit: Dielenboden, ein rustikaler Holztisch, ein Küchenblock, zwei Schlafkammern, durch Vorhänge abgetrennt. Und natürlich den Alkoven. Kristof zögert keine Sekunde. "Das ist meins!", ruft er und klettert hinein. Thea deutet auf den Mittelpunkt, um den sich alles drehen wird, den Holzofen. "Wenn du Probleme hast, musst du mein Mann Wouter rufen, der kennt sich aus." Dann geht sie. Das Abendlicht schwindet. Du schnürst den Zelteingang fest zu gegen die Kälte, ihr Jungen hockt euch um den Ofen. Du riechst das brennende Holz und fühlst dich wohl.

Auch die Jungen spüren es, sie sitzen ums Feuer, schon ihre glänzenden Augen sind es wert, den Urlaub gebucht zu haben. Ihr zieht die Jacken aus und zündet die Kerzen an. Im Emaillekessel erwärmt sich die Maultaschensuppe, das erste Mahl - schön, mit den Kindern am Tisch zu sitzen. Kristof klettert in den Alkoven und schließt die Holztüren mit den handgeschnitzten Herzen. "Die Herzen sind so schön", sagt er von drinnen, "noch schöner sind nur Sterne." Nachts wachst du auf, es ist kalt, du verstehst, was es mit Wärmflasche und Schlafmütze auf sich hat. Du gehst über den Holzboden, schaust hinaus in die Nacht. Die Kinder schlafen. Der Wind knattert leise in den Zeltplanen. Das Boerenbed bedient die gleiche Sehnsucht, die in Deutschland schon die TV-Serie "Gutshaus 1900" zum Erfolg machte, "Die Fallers" oder das "Auswandererschiff 1855" - volle Kraft zurück. Natürlich ist es eine künstliche, kalkulierte Welt. Der Mülleimer kommt von Ikea, die Fotos von glücklichen Tieren sind bewusst amateurhaft. Das ist kein echter Ausstieg. Aber darum geht's nicht. Wer hier übernachtet, liest nicht nur über die gute alte Zeit, sondern erlebt etwas davon. Nach dem Aufstehen spürst du unter den Füßen das nasse Gras, Kinder brausen auf dem Fahrrad vorbei. Nachbarn grüßen herüber, jetzt gehörst du dazu. Du machst den Ofen an, mahlst Kaffee, riechst die Bohnen, fegst die Stube aus. Kristof kommt von den Tieren zurück, die er mit Gras gefüttert hat. Jan möchte einen Tee kochen. "Haben die Leute früher so gelebt?", fragt er. Das Boerenbed ist eine Schule, wie menschliches Leben funktioniert. "Mit Feuer Wasser warm machen, das ist die richtige Basis von Leben", sagt Luite Moraal. Der langjährige Marketingdirektor bei Center Parcs und Generalmanager Benelux bei Disneyland Paris ist der Erfinder des Boerenbeds. In den Ferienwelten, die er verwaltete, machte er eine Zielgruppe aus, für die weniger mehr ist. 2003 entwickelt Moraal einen Prototyp des Zeltes. Er zimmert Regale aus Obstkisten, sucht Emailletöpfe in Osteuropa und Koffer auf Flohmärkten, um sie über dem Alkoven zu positionieren. Scheinbar Kleinigkeiten. Die Kühlkiste, mit Eis in Wärmflaschen, ist eine Umkehrung der Heukisten, in denen Bauern früher Essen warm gehalten haben. Von der Idee, auf Strohsäcken zu schlafen, verabschiedet sich Moraal nach einem Selbstversuch: "Es war zu unbequem."

2004 stehen seine Zelte, die er in Behindertenwerkstätten fertigen lässt, auf fünf Höfen, 2005 auf zwölf. Für den Erfolg spielt es sicher eine Rolle, dass keine Hoteliers die Gäste empfangen, sondern Bauern auf ihrem Hof. Mit den Boerenbeds erwirtschaften Wouter und Thea genauso viel wie mit ihren Kühen. Sie bekommen ein Fixum je Übernachtung und verdienen an Fahrradverleih und Laden. Vor den Boerenbed-Zelten sitzen die Raucher. Der niederländische Botschafter in Bangladesch ist dabei, der Direktor einer Softwarefirma, der Leiter einer Anwaltskanzlei. Campen würden sie niemals, mit Ghettoblastern und Gemeinschaftsklos. Aber hier ist es "gezellig", sagt Art Director Hugo Heldenbergh. Das findet auch Banker Jaques Nobel, der auf dem Parkplatz seine Harley stehen hat. Beim Fahrradausflug rollen die Räder vorbei an herausgeputzten Häusern mit weißen Zäunen und Kieseinfahrten. Auf den Weiden fressen Kühe Blätter von den Bäumen. Im Wald leuchtet die Sonne lichtgrün durch die Blätter. Du erinnerst dich, wie es war als Kind, den Kopf nach hinten zu legen und über den Baumwipfeln die Wolken und den Himmel zu sehen. "Hier sitzen unsere Kinder abends nicht vor dem Fernseher", sagt Jaques' Frau Mabel. Stattdessen erspielen sie sich ihre Welt. Sie füttern Tiere, füllen Eimer an der Pumpe, bauen ein Waldhaus. Sie lernen, dass Hühner alle 27 Stunden ein Ei legen und frische Kuhmilch die Darmtätigkeit von Kindern anregt. Im Stall bespringt ein Kaninchen ein anderes, das will nicht und läuft fort. Der Rammler lässt nicht locker und klammert sich fest. "Ich weiß, was die spielen", sagt Kristof. "Die Gäste werden fast gezwungen, sich auf sich selbst zu besinnen", sagt Moraal. "Nehmen Sie ein Durchschnittspaar nach fünf Jahren. Hier wird es um neun dunkel. Die Kerzen sind nicht hell genug zum Lesen. Also sprechen sie miteinander. Oder gehen früh ins Bett ..." Ohne Komfortverzicht wäre das Erlebnis nicht möglich. Du würdest es nicht genießen, unter der Bettdecke zu kuscheln, wenn nicht Regen aufs Zeltdach pladderte. Auch die Erfahrung, welche Mühe früher kleinste Dinge gemacht haben, gehört dazu. Mit kaltem Wasser spülen. Eine Dreiviertelstunde warten, bis das Nudelwasser kocht. Die Kälte und die Mühen vergehen in der Erinnerung. Der Vollmond, der über den Feldern aufgeht und nachts die Landschaft in silbriges Licht taucht - diese Momente bleiben. Auf der Autobahn hat das normale Leben dich und deine Kinder wieder. Der Fernseher bleibt aus, die Pizza im Gefrierschrank. Aber abends im Bad, ein Dreh, und warmes Wasser fließt aus der Leitung. Wie langweilig.

Rüdiger Schmitz-Normann print

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