Als Drehbuchautor Jürgen Werner 2012 den Dortmunder "Tatort" erfand, erschuf er nicht nur den bis heute aktiven "Psychokommissar" Peter Faber (Jörg Hartmann). Auch die damals noch nicht so verbreitete horizontale Erzählkunst im "Tatort" hob er aus der Taufe. Sprich: In diesem Revier muss man aufpassen und sollte am besten keine Folge verpassen – denn zumindest die Entwicklung der Stamm-Charaktere baut mit den Folgen aufeinander auf. 14 Jahre später feiert mit der 2021 hinzugestoßenen Rosa Herzog (Stefanie Reinsperger) mal wieder eine Ermittlerin Abschied in Dortmund. Um diesen im reichlich komplizierten "Tatort: Schmerz" zu verstehen, sollte man die vorletzte Folge "Tatort: Abstellgleis" kennen, denn das Geheimnis des Todes von Fabers Erzfeind Haller und seines vermeintlichen Mörders wird noch einmal neu aufgerollt. Zunächst geht es aber um den Tod eines Bordellbesitzers. Der wurde zu Hause erschossen und die Prostituierte Maria Novak (Lorena Jurić) schnell als Zeugin enttarnt.
Wie sie hat auch Kommissarin Ira Klasnić (Alessija Lause) einen bosnischen Hintergrund und hilft während der Vernehmung beim Übersetzen. Gerührt von der gemeinsamen Vergangenheit mit der jüngeren Frau, nimmt die Beamtin die Zeugin bei sich zu Hause auf. Bald wird klar, dass nicht nur das Rotlichtmilieu, sondern auch Verbindungen in den Jugoslawienkrieg im Fall eine Rolle spielen.
Peter Faber und Rosa Herzog, die mittlerweile eine heimliche Beziehung mit Polizist Otto Pösken (Malick Bauer) eingegangen ist, werden aber auch von den Ermittlungen rund um den Tod von Fabers Erzfeind und Ex-Liebeskonkurrenten Sebastian Haller im "Tatort: Abstellgleis" eingeholt. LKA-Mann Daniel Kossik (Stefan Konarske) ermittelt weiterhin in der Angelegenheit. Wir erinnern uns an den "Tatort: Abstellgleis": Den damals Tatverdächtigen hatte Rosa Herzog beim Showdown des vorletzten Falles erschossen. Wollte sie damit etwas vertuschen?
Es ist kompliziert ...
Getreu dem Erzählmotto "erst war es kompliziert, aber dann wurde es schwierig" schließt Autor Jürgen Werner (Regie: Torsten C. Fischer) mit dem 29. Fall des Dortmunder Teams an den "Tatort: Abstellgleis" an. Wer jenen fiebrig-düsteren Fall voller Wie-könnte-es-gewesen-sein-Dialoge mochte, dürfte auch Werners neue Denksportaufgabe gefallen. Um es noch schwieriger zu machen: Zwischen dem neuen "Tatort: Schmerz" und "Tatort: Abstellgleis" lag noch der "Tatort: Feuer" vom Juni 2025, in dem Stefanie Reinsperger im Frauenhaus ermittelte. Nach knapp einem Jahr kehrt die Dortmunder Cop-Saga also zu jener Frage zurück, die damals im Raum stand: Haben Faber und Herzog etwas Strafbares ausgeheckt und vielleicht sogar einen Mord begangen?
Als ob all dies nicht reichen würde, ist auch der aktuelle Fall noch überaus komplex, der von komplizierten Seilschaften und dem Völkermord in Bosnien während der 90-er erzählt. Wer auf ein bisschen spannende "Tatort"-Unterhaltung am Sonntagabend hofft, dürfte von der fiebrigen Erzähldichte mit viel Detailwissen-Vermittlung dieses Krimis genervt sein. Dazu kommt die reichlich düstere Grundatmosphäre.
Wer bis zum Ende am Ball bleibt, wird jedoch entschädigt. Nicht nur durch einen groß inszenierten Showdown inmitten einer Musterhaussiedlung (kann man mal machen!), sondern auch durch eine clevere Auflösung sowohl des Folgenfalles als auch der horizontalen Erzählstruktur. Und doch: Durchpusten muss man nach diesen 90 Minuten mindestens einmal kräftig, denn der "Tatort: Schmerz" erfordert Aufmerksamkeit und auch eine gewisse Stress-Resilienz.
Wie geht es in Dortmund weiter?
Die Österreicherin Stefanie Reinsperger, ohnehin vor der Kamera sehr gut im Geschäft und dazu festes Ensemblemitglied am Wiener Burgtheater, verabschiedet sich nach fünf Jahren und elf Filmen auf eigenen Wunsch von ihrer Rolle als Rosa Herzog. Wie es in Dortmund rund um den letzten Überlebenden von 2012, Peter Faber aka Jörg Hartmann, weitergeht, ist nicht ganz klar. Vor Reinsperger verabschiedeten sich bereits die Ermittler Jan Pawlak (Rick Okon), Martina Bönisch (Anna Schudt), Nora Dalay (Aylin Tezel) und Daniel Kossik (Stefan Konarske), der zuletzt in seiner Gastrolle als LKA-Ermittler zurückkehrte.
Der WDR ließ durchblicken, dass man Jörg Hartmann, der dem Format erhalten bleiben will, einen oder mehrere neue Partner an die Seite stellen will. Konkreter wurde es bisher jedoch nicht.
Tatort: Schmerz – So. 22.02. – ARD: 20.15 Uhr