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Carolin Kebekus "Ich kenne keine Bank, die sagt: 'Du kannst grad nicht zahlen? Ach, nee gut, dann lass erst mal'"

Carolin Kebekus unterstützt die stern Aktion Backstage-Helden. Im Interview spricht sie über ihre eigene Situation - und die vieler Helfer. Und warum gerade sie Unterstützung brauchen.

Frau Kebekus, warum machen Sie bei Backstage-Helden mit?

Kebekus: Ich bin ja ein Teil dieser Branche. Ich gehöre natürlich zu den Glücklichen, denen es noch gut geht. Aber die vielen außerhalb des Scheinwerferlichtes, sozusagen der tragende Unterbau, der geht gerade vor die Hunde. Das ist so frustrierend. Und dagegen zu protestieren und auch was zu tun – da bin ich gern dabei.

Können Sie erzählen, wie es den Leuten aus Ihrer Crew geht?

Ich arbeite sowohl mit Menschen, die freiberuflich tätig sind, also Solo-Selbstständigen, als auch mit Angestellten von Firmen zusammen: Roadies, Security, Licht- und Tonleute, Caterer, Fahrer. Von den Firmen gehen gerade viele in die Insolvenz. Die haben seit neun Monaten keine Aufträge mehr und entlassen ihre Leute. Die haben ja auch Kredite am Hals. Und ich kenne keine Bank, die dann sagt: "Du kannst grad nicht zahlen? Ach, nee gut, dann lass erst mal."

Und die Selbstständigen?

Die stehen vor dem Nichts. Mein Licht-Systemer …

Das ist was genau?

Der Mann, der das gesamte Bühnenlicht verantwortet. Der ist seit Jahren selbstständig, zahlt ein kleines Haus ab. Der verdient seit fast einem Jahr nichts. Seine Frau ist Krankenschwester. Die arbeitet fast durchgehend. Aber ich muss Ihnen ja nicht erzählen, was Krankenschwestern, -also unsere aktuellen Corona-Heldinnen, hierzulande verdienen. Das reicht nicht für das, was die Familie braucht. Da geht alles den Bach runter.

Carolin Kebekus
Carolin Kebekus mit ihrer Crew
© Moritz Münster/Monsterpics

Aber es gab doch staatliche Hilfen.

Aber die gingen leider an der Lebensrealität der Bedürftigen komplett vorbei. Es gab zwar Geld, Sofort- und Überbrückungshilfen - auch für die Solo-Selbstständigen. Aber dann hieß es: Das ist nur für die Betriebskosten. Die sind aber für viele kein Thema. Die haben keine, müssen aber trotzdem Miete für ihre Wohnung zahlen und was zu essen für sich und ihre Familie kaufen. Mein Bruder ist auch Comedian. Er lebt von Auftritten, die coronabedingt nicht möglich sind. Der verdient gerade nix. Dem hilft das Geld nicht weiter, weil er keine Betriebsausgaben hat.

Und die neuen Novemberhilfen?

Ein kleiner Schritt in die richtige Richtung. Aber nur ein kleiner. 75 Prozent des monatlichen Durchschnittsverdienstes des vergangenen Jahres sind  als Einkommen für den Monat November okay. Aber was ist mit den acht Monaten davor, in denen es kein Geld gab und sich riesige Schuldenberge angehäuft haben?

Wie könnte es besser laufen?

Nicht nur der Autoindustrie und der Lufthansa die Milliarden geben, sondern einen Kulturfonds auflegen, der den Leuten, denen man verbietet zu arbeiten, ein Gehalt zahlt bzw. die Ausfälle ersetzt. Und zwar komplett. Aber bitte nicht falsch verstehen: Jeder muss sich und seine Mitmenschen vor Corona schützen. Schutzmaßnahmen sind wichtig und richtig. Wenn dadurch aber Menschen ihre Arbeit verlieren, dann müssen auch sie geschützt werden, vor dem finanziellen Ruin.  

Wie geht es Ihnen persönlich mit all dem?

Wie gesagt. Ich nage nicht am Hungertuch. Verglichen mit anderen geht es mir gut. Aber auch bei mir stellt Corona alles auf den Kopf: In meinem Kalender steht: "6.Januar, Auftritt vor 4000 Leuten in Augsburg. 

Das wird wohl nix.

Genau. Ich kann die Show aber auch nicht von mir aus absagen. Denn dann müsste ich die Kosten tragen. Erst, wenn der Auftritt offiziell verboten wird, bin ich nicht mehr verantwortlich. Was soll ich also meiner Crew sagen? "Ich spiele vielleicht. Aber eher nicht. Ich weiß es aber nicht. Absagen kann ich euch aber auch nicht. Ist alles gebucht,  vertraglich geregelt. Wir müssen warten." Das ist so frustrierend. Ich habe für 40 Shows im kommenden Jahr unterschrieben. Da gilt jedes Mal das Gleiche.

Haben Sie persönlich Angst vor Corona?

Angst nicht. Aber ich bin vorsichtig, habe meine Kontakte sehr reduziert.

Wir sehen jede Woche die so genannten Querdenker demonstrieren. Sie haben mal in Bezug auf Rechtsradikale gesungen: "Weißt du denn gar nicht, wie blöd du bist?" Kommt jetzt eine Neuauflage?

Nee, ich habe Angst, dass wir diese Leute verlieren. Wir sollten die jetzt nicht weiter beschimpfen. Das führt zu nichts. Ich weiß zwar nicht wie, aber irgendwie müssen wir diese Verirrten abholen und mit ihnen reden. 

Sehen Sie im Video: Maffay, Kebekus und Co. – deshalb unterstützen Stars die große stern-Aktion "Backstage-Helden".

Und Jana aus Kassel? Die sich auf einer Querdenker-Bühne mit Sophie Scholl verglich?

So viel krachende Unkenntnis einer 22jährigen ist schon erschütternd. Da fällt mir auch nicht mehr viel zu ein. Und wissen Sie, was das Irrsinnigste dabei ist?

Nein. Was?

Erst erzählt sie, sie werde sich im Geiste Sophie Scholls niemals, also wirklich niemals, davon abbringen lassen, Widerstand gegen die Corona-Maßnahmen zu leisten. Dann staucht sie der Ordner zusammen. Und die tapfere Epigonin der Weißen Rose schmeißt sofort das Mikro hin und flennt los. Tja, könnte man denken. Jetzt hat sie´s irgendwie begriffen. Und zwanzig Minuten später steht sie wieder auf der Bühne und erzählt die gleiche Geschichte noch einmal. Da fragt man sich dann: Ist das einfach nur naiv oder ist auch ein bisschen Berechnung dabei? Ich finde beides problematisch.


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