Ab 8. April bei Disney+
Wie gut ist die "The Handmaid's Tale"-Nachfolgeserie "The Testaments: Die Zeuginnen"?

  • von Eric Leimann
Die in lila gekleideten Mädchen von Aunt Lydias Elite-Schule sind gespannt, welcher Mann für sie ausgesucht werden wird.
Die in lila gekleideten Mädchen von Aunt Lydias Elite-Schule sind gespannt, welcher Mann für sie ausgesucht werden wird.
© © Disney+ 2026
Wer nach sechs Staffeln "The Handmaid's Tale" noch nicht genug von Leben und Gesellschaft des dystopischen USA-Nachfolgestaates Gilead hat, findet nun bei der Serien-Adaption von Margaret Atwoods Nachfolgeroman "The Testaments" eine Heimat. Mit dem mutigen Perspektivwechsel ins Young Adult-Fach.

Ja, auch eine 86-jährige Top-Literatin und Booker Prize-Trägerin wie Margaret Atwood kann das Young Adult-Genre bedienen. Also jene fiebrige Lebensphase zum Thema machen, in der Jugendliche – hier sind es vor allem Mädchen – das Leben, die Liebe und jene neuen Gefühlsstürme entdecken, die sie zu Leserinnen oder Zuschauerinnen solcher Stoffe machen. In "The Testaments: Die Zeuginnen" (Start am Mittwoch, 8. April, Disney+), der Serie nach Atwoods gleichnamigem Roman, stehen nicht mehr die den wichtigen Männern der Gesellschaft dienenden Mägde im Mittelpunkt, sondern höhere Töchter an der Schwelle zum Erwachsenwerden.

Zu Beginn der Serie lernt man die fromme Agnes (Chase Infinity aus "One Battle After Another") kennen. Sie ist die Tochter eines privilegierten Commanders, lebt mit der latent bösartigen Stiefmutter Paula (Amy Seimetz aus "Sweet Tooth") und besucht Aunt Lydias (Anne Dowd) Schule für höhere Töchter.

Dort lernt man jedoch nichts über Literatur, Gesellschaft oder Naturwissenschaften, sondern wird zu einer Art Edelhausfrau erzogen. Weil im Staate Gilead Frauen nur ihren Männern dienen und Kinder gebären sollen, liegt der Fokus der Ausbildung auf Hauswirtschaft, Deko-Arbeiten und Knigge-artigen Verhaltensregeln. Agnes trägt wie alle Mädchen der Schule lila. Ein maßgeschneidertes Kleid, das sich in ein grünes Outfit verwandelt, sobald man seine Periode hatte und dem Heiratsmarkt mit oft wesentlich älteren Commandern – der Führungskaste von Gilead – zugeführt wird.

Zu Beginn der zehnteiligen ersten Staffel, die mit drei Episoden startet und dann mit Einzelfolgen bis Mittwoch, 27. Mai, fortgesetzt wird, bekommt Agnes einen Schützling an ihre Seite gestellt: Es ist Daisy (Lucy Halliday), ein sogenanntes "Pearl Girl", wie Konvertiten bezeichnet werden, die aus einem Land außerhalb Gileads kommen, sich aber für den Weg des streng religiösen Staates entschieden haben.

Das trojanische Pferd der Serienunterhaltung 2026

Die beiden Teenager stehen neben einigen anderen Mädchen aus der Klasse im Mittelpunkt der Erzählung, auch wenn es erwachsene Figuren gibt wie die Aunts, Eltern und Stiefeltern der Schülerinnen sowie den ein oder anderen Commander. Margaret Atwood, die an der Serie verantwortlich mitarbeitete, hatte bereits ihren späten Nachfolge-Roman "The Testaments" (2019) zu "The Handmaid's Tale – Der Report der Magd" (1985) literarisch ganz anders angelegt: Zwei der drei Ich-Erzählerinnen darin waren junge Mädchen.

Das Werk gilt als deutlich zugänglicher, Plot-getriebener und vom Ton einfach "jünger". Auch wenn Atwood nie sagte, dass sie bewusst einen Young Adult-Roman über das Leben in einem religiös definierten, frauenfeindlichen Faschismus-Staat schreiben wollte, sah die kluge Kanadierin sicher genau diesen Effekt: Wenn viele junge Menschen fasziniert vom Buch oder der neuen Serie "The Testaments" sind, werden sie sich entsprechend Gedanken über die deutlich spürbaren Gilead-Tendenzen vor allem in den gegenwärtigen USA machen.

Wer unter einer Allergie gegen Coming-of-Age-Stoffe aus Mädchenperspektive leidet, könnte mit "The Testaments" Probleme haben. Aber auch in "The Testaments" geht es um Liebe, Freundschaft, Verrat und Selbstfindung. Dann spielt schon mal eine gesamte Folge rund um einen Debütantinnen-Ball. Dass die Serie unter dem Deckmantel einer scheinbar typischen amerikanischen Jugend rund um Prom-Getuschel, dem Sweet Guy vom Sicherheitsdienst und verbotenen Partydrogen stattfindet, in Wahrheit aber von Faschismus und Erniedrigung von Frauen erzählt, macht "The Testaments" wohl zum trojanischen Pferd der diesjährigen Serienunterhaltung.

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