Deutschland hat ein neues Lieblingstier. Es ist etwa 15 Tonnen schwer und wird vermutlich sterben.
Seit Anfang März ist ein Buckelwal immer wieder in der Ostsee gestrandet. Mittlerweile ist das Tier so geschwächt, dass Meeresbiologen keine Rettungschancen mehr sehen. Die deutsche Medienlandschaft leidet mit, Texte über „Timmy“ häufen sich, auch beim stern. Aber: Seit wann hat ein Buckelwal eigentlich einen Namen? Und warum kennen den alle? Es scheint fast so, als würde jeder wie selbstverständlich annehmen, dass der Wal einst von seinen Wal-Eltern so getauft wurde.
Tatsächlich steckt dahinter kein Geringerer als der bekannteste Provinzreporter Deutschlands: Horst Schlämmer. Der stellvertretende Chefredakteur des „Grevenbroicher Tagblatts“, der immer wieder mit dem Comedian Hape Kerkeling verwechselt wird, gab dem Wal seinen Namen. Und das kam so:
„Bild“ fragte Journalistenlegende um Rat
Die „Bild“-Zeitung durchlebt gerade offenbar eine Phase der Selbstreflexion und hat beschlossen, sich Feedback von namhaften Journalisten einzuholen. Ein Reporter machte sich auf den Weg, um Schlämmer nach Ideen für eine aktuelle Schlagzeile zu fragen. Der Journalist ließ sich nicht zweimal bitten, wie in einem Video auf Bild.de zu sehen ist. „Der Wal ist frei“, sagte er wie aus der Pistole geschossen. Auf ein Blatt Papier kritzelte er die Skizze eines Wals und die Überschrift: „Timmy is free“. Und darunter: „Und gesund“.
„Dat ist die Schlachzeile“, hielt Schlämmer fest. „Dat lieben die Leute.“
Schon war der Name „Timmy“ geboren. Ein Name, der eher nach einem kleinen Jungen klingt, der sich im Schwimmbad Pommes rot-weiß bestellt, als nach einem 15-Tonnen-Tier. Dat lieben die Leute. Und wie. Immerhin hatte Schlämmer den Namen in Anlehnung an den Timmendorfer Strand gewählt, wo der Wal erstmals gestrandet war.
Wal „Timmy“: der Einfall von Horst Schlämmer
In den darauffolgenden Tagen zeigte sich der gigantische Einfluss der unterschätzten Grevenbroicher Journalisten-Ikone. Ein Buckelwal wurde zur Marke.
„Gestrandeter Buckelwal ‚Timmy‘: Ein Schwergewicht kämpft mit der Sandbank“, schrieb der „Spiegel“.
„Experten sicher: Er wird sterben! Wal ‚Timmy‘ kann nicht mehr“ – Moin.de
„Drama im Video: Nächste Hiobsbotschaft für Wal ‚Timmy‘“ – T-Online.
„Juso-Chef bei Lanz: SPD erinnert an Buckelwal ‚Timmy‘“ – ZDF Heute
„Tragödie in der Ostsee: Wal ‚Timmy‘ durchlebt Qualen – Menschenkette bildet sich“ – „Kölner Express“.
„Trauriger Abschied: Diese 4 Dinge kann dein Kind von Wal ‚Timmy‘ lernen“ – Eltern.de
Man wartet eigentlich nur noch auf die Push-Nachricht: „Buckelwal ‚Timmy‘ – so war er privat.“
Und irgendwo in Grevenbroich lehnt sich Horst Schlämmer zufrieden zurück, nippt an einer Tasse Doornkaat und denkt sich: „Siehste. Dat läuft.“
Jetzt müsste nur noch die Schlagzeile eintreffen: „Timmy is free – und gesund.“ Dat würden die Leute erst lieben!