Acht
Ideologische Abgründe im "Landkrimi": zwischen Neonazis, Waffennarren und Esoterik-Influencern

  • von Maximilian Haase
Chefinspektorin Marion Geyer (Regina Fritsch) ermittelt im neuen "Landkrimi" gemeinsam mit Patrick Brandl (Thomas Prenn).
Chefinspektorin Marion Geyer (Regina Fritsch) ermittelt im neuen "Landkrimi" gemeinsam mit Patrick Brandl (Thomas Prenn).
©  ZDF/FELIX VRATNY

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Waffensammler, Neonazis, esoterische Influencer: Im neuen "Landkrimi" aus Niederösterreich führt der Mord an einem angesehenen Radiologen die Ermittler auch in die verschwörungsideologische rechte Szene.

Hinter der beschaulichen Fassade Österreichs lauern jede Menge Abgründe, das dokumentieren zahlreiche Filme aus der Alpenrepublik. Auch die "Landkrimi"-Reihe des ORF spart vor hübscher Kulisse bisweilen nicht an Kritik an den toxischen gesellschaftlichen Verhältnissen. Welche menschenfeindlichen Charaktere die Provinz bisweilen hervorbringen kann, zeigt auch der nun im ZDF ausgestrahlte vierte "Landkrimi" aus Niederösterreich. Unter dem simplen Titel "Acht" ermittelt Regina Fritsch als Chefinspektorin Marion Geyer mit ihrem örtlichen Kollegen Patrick Brandl (Thomas Prenn) im Fall eines ermordeten Radiologen, der tief in die rechtsgerichtete Esoterikszene führt.

Die vielfach prämierte Regisseurin Marie Kreutzer ("Corsage", "Was wir wollten") setzt mit "Acht" ihren "Vier" betitelten "Landkrimi" aus dem Jahr 2021 fort – auch wenn es nur die Chefermittlerin ist, die nun an einem anderen Ort gebraucht wird. Diesmal führt es Geyer nach Langenlois, wo der angesehene Arzt Dr. Harald Wolf (Stefan Pohl) kaltblütig erschossen wurde, vor seinem Haus und in unmittelbarer Nähe seiner Frau. Zudem stammte die Mordwaffe, eine alte Luger aus den 30er-Jahren, aus seiner eigenen Waffensammlung, entwendet bei einem Einbruch ein paar Monate zuvor.

Esoterische Propaganda-Videos

"Wir kommen beide aus kleinen Verhältnissen", lässt die geschockte Ehefrau Sandra Wolf (beeindruckend: Verena Altenberger) wissen, nach schwierigen jungen Jahren endlich sozial aufgestiegen. Nun ist ihr gemeinsamer Sohn Heinrich (Lilian Rosskopf) alles, was sie noch hat. Ihr ermordeter Mann hingegen, den der mit Ort und Leuten vertraute Kollege aus dem Schützenverein kannte, war mehr als nur Mediziner: Als esoterischer Influencer machte sich Wolf einen Namen mit Onlinevideos: "Du bist nicht auf der Welt, um es denen da oben recht zu machen. Du bist ein Teil der Natur", propagiert Wolf eine obskure "Freiheit" in Ungleichheit, gegen Medien, Mainstream und "Schlafschafe": "Ich bin der Wolf, und ich habe mich fürs Wachsein entschieden." Das Unendlichkeits-Symbol, das als Erkennungszeichen der Szene gilt, schmückt seine Videos und seinen Arm.

Zudem hatte das Opfer Kontakt zu Identitären, war im republikfeindlichen "Staatenbund" organisiert, setzte sich für ein gelockertes Waffengesetz ein und stellte während der Corona-Pandemie gefälschte Impfzertifikate aus. Trotz allem hielt sein Vater (Alexander Strobele), ein überzeugter Neonazi mit Hang zu Misogynie ("Das muss man sich gefallen lassen heutzutage – eine Frau als Chef?"), Menschenfeindlichkeit und Schweigsamkeit, seinen Sohn für ein Weichei. Selbst einschlägige rechte Narrative, das kennt man, gehen manchen eben nicht weit genug. Wurde Wolf wegen seiner politischen Ideologie ermordet – oder stammt der Täter womöglich aus der eigenen Szene?

"Ja, Frau Chefinspektorin"

In dieser Gemengelage nimmt "Acht" an Fahrt auf, ruhig erzählt und gerade dadurch intensiv. Die schönen Weinberge wirken fast zynisch im Angesicht der sich abzeichnenden unmenschlichen Kälte. Unaufgeregt inszenierte Ermittlungen führen in einen Sumpf aus Verschwörungstheorien, Männlichkeitskult und Demokratiefeindlichkeit, aber auch in erschreckende familiäre Beziehungen. Jene imaginierte heile Welt, die man in dieser Szene gern frei von Minderheiten, Gewaltenteilung und Feminismus sähe, birgt selbst die größten Gefahren für Freiheit und Individuum – diese Feststellung umreißt der bemerkenswerte Film in kühlen Bildern und reduzierten Dialogen auch schauspielerisch nuanciert.

Regina Fritsch gibt als erfahrene Chefinspektorin die Beobachterin der provinziellen Eigenheiten, die sich mit Thomas Prenn als Sidekick (Running Gag: "Ja, Frau Chefinspektorin") zum ungleichen, doch glaubwürdigen Team zusammenrauft. Läge es nicht in der Natur der "Landkrimi"-Reihe, dass das Personal meist wechselt – man sähe dieses tolle Duo gern nochmals. Marie Kreutzers "Acht" sticht aus der Reihe heraus, ein qualitativ hervorragender Krimi, der zugleich als düsteres Gesellschaftsdrama funktioniert. Die Abgründe hinter den pittoresken Fassaden, sie scheinen unendlich – nicht nur in Österreich.

Acht – Mi. 20.05. – ZDF: 20.15 Uhr

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