Gesundheitsökonom Oberender "Ärzten geht es ums eigene Geld"


In ganz Deutschland protestieren Mediziner gegen die Gesundheitsreform. Es drohe die medizinische Unterversorgung. Stimmt nicht, sagt Gesundheitsökonomen Peter Oberender im Gespräch mit stern.de. Den Medizinern gehe es um den eigenen Geldbeutel.

Protestieren die Ärzte zu Recht?

Ja. Die Ärzte befürchten durch die Gesundheitsreform mehr Bürokratie und mehr Bevormundung, und ich kann ihren Ärger gut nachvollziehen.

Gegen was protestieren die Ärzte konkret?

Sie sind generell gegen die Gesundheitsreform und vor allem gegen das Wettbewerbstärkungsgesetz, was eigentlich ein Wettbewerbsschwächungsgesetz ist. Denn dadurch nimmt die Reglementierung der Ärzte stark zu, sie müssen immer mehr Zeit für die Dokumentation aufwenden. Auch wird in diesem Gesetz die Entlohnung der Ärzte vereinheitlicht. Die Honorare der Mediziner - etwa in Bayern - dürfen künftig nicht mehr höher sein als die ihrer sächsischen Kollegen.

Die Leidtragenden der Reform sind also vor allem die bisher gutbezahlten Mediziner?

Ja. Die Ärzte werden die Leidtragenden sein, die bisher die höheren Preise verlangen, wie etwa in Bayern und Baden-Württemberg. Um auf das einheitliche Bundesniveau zu kommen, müssen sie künftig Abstriche bei ihrem Honorar machen. Ein weiteres Ärgernis für die Ärzte ist auch die geplante Angleichung von privater und gesetzlicher Krankenversicherung. Bisher verdienen Ärzte ganz gut, wenn sie viele Privatpatienten behandeln. Künftig müssen die privaten Kassen einen Basistarif in Höhe der gesetzlichen Krankenversicherung anbieten. Die Ärzte bekommen dann natürlich auch nur noch die niedrigere Entlohnung.

Es geht den Medizinern also nicht um den Patienten, wie es die Proteste suggerieren sollen, sondern um den eigenen Geldbeutel?

Natürlich geht es primär um den eigenen Geldbeutel und nicht um den Patienten. Der Patient ist nur das Vehikel dafür. Denn ich glaube nicht, dass die Versorgung durch die Gesundheitsreform schlechter wird. Aber das Drohpotenzial - die Patienten werden leiden - wird trotzdem gerne aufgebaut.

Machen denn die Ärzte konkrete eigene Vorschläge um das Gesundheitswesen zu verbessern?

Machen sie nicht. Denn sie sind viel zu sehr Einzelkämpfer. Unter den Medizinern hat jede Fachgruppe eigene Interessen. Da kämpft jeder für sich.

Die Apotheker protestieren auch. Um was geht es ihnen?

Es geht auch den Apothekern um ihre Pfründe. Sie wollen sich gegen den Wettbewerb wehren. Aber ihr Standesrecht ist überholt. Man kann nicht wie bisher Apothekerketten ausschließen. Im europäischen Ausland gibt es das auch und die Arzneimittelversorgung ist dort nicht schlechter

Wird es denn durch die Gesundheitsreform wirklich zu einer Unterversorgung kommen, wie es die Ärzte verkünden?

Nein. Für die Patienten wird es zunächst keine negativen Auswirkungen geben. Allerdings wird der Wettbewerb durch die staatliche Intervention im Gesundheitswesen geschwächt. So etwa müssen Ärzte und Krankenhäuser Einheitsverträge mit den Krankenkassen abschließen. Die Kassen können also nicht mehr direkt mit den Leistungserbringernverhandeln. Dies schränkt die Vielfalt der Versorgung ein und es kann weniger auf die Bedürfnisse der Patienten eingegangen werden.

Was schlagen sie vor, um das Gesundheitswesen zu reformieren?

Auch ich wäre nicht unglücklich darüber, wenn diese Gesundheitsreform überhaupt nicht kommt. Ich bin enttäuscht von der Regierung, denn sie hat keine wirkliche Reform vorgelegt. Man müsste sich lösen von der Lohnabhängigkeit und langsam auf eine Kapitaldeckung - wie bei den privaten Krankenversicherungen - umsteigen. Denn wer heute 25 Jahre als ist, zahlt in seinem Leben 132.000 Euro mehr ins soziale Sicherungssystem ein, als er herausbekommt. Ein heute 65-Jähriger aber erhält 228.000 Euro mehr, als er eingezahlt hat. Der Generationenvertrag ist kaputt und solange es das Umlageverfahren gibt, kann das Gesundheitswesen nicht geheilt werden.

Interview: Malte Arnsperger

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