Sparwut Dem Stromklau auf der Spur


Beschaffungskriminalität der speziellen Art beschäftigt die Stromdetektive der Stadtwerke. Denn wer Strom abzweigt ohne zu zahlen, gefährdet auch seine Mitmenschen.

Kabel an Fassaden, Hauseingängen oder in Treppenhäusern ziehen die Aufmerksamkeit von Thomas Jacob magisch an. Wenn er sie sieht, fragt er sich sofort: Wo kommen die her, wo führen die hin? Seine Neugier gehört zu seinem Beruf. Denn der 47 Jahre alte Elektromeister ist Stromdetektiv. Im Auftrag der Stadtwerke Lübeck soll er unehrlichen Stromkunden auf die Schliche kommen. Dabei kommt Jacobs seine langjährige Erfahrung zugute. Es gebe eigentlich keinen Trick, den er nicht kenne, sagt er.

Angebohrte Stromzähler, durchtrennte Kabel, illegale Drähte von der Treppenhausbeleuchtung in die Wohnung - mit vielen Tricks versuchen Menschen, an Strom zu kommen, ohne dafür zahlen zu müssen. "Dabei spielen die Bastler oft mit ihrem eigenen Leben und dem ihrer Nachbarn. Denn nicht fachmännisch gezogene Stromleitungen können Brände oder Explosionen auslösen", sagt Jacob. So erinnert er sich an einen Fall, in dem jemand per Draht die Straßenbeleuchtung vor seinem Haus angezapft und die Leitung einfach über den Boden verlegt hatte. "Da bekamen wir einen Anruf von der Polizei, die fragte, ob das so gehöre", sagt er.

Ziel: Gefahrenabwehr und Kosten sparen

Die Gefahrenabwehr sei ein wesentlicher Gesichtspunkt für den Einsatz von zwei Stromdetektiven, sagt Stadtwerkesprecher Lars Hertrampf. "Aber es geht uns natürlich auch um die Aufdeckung des Diebstahls. Denn dadurch entsteht uns wirtschaftlicher Schaden, außerdem müssen wir an unsere ehrlichen Kunden denken", sagt er. Zur Höhe des Schadens durch Stromklau kann Hertrampf allerdings keine Angaben machen. "Der lässt sich schwer beziffern, da wir ja meist gar nicht wissen, wie lange illegal Strom abgezapft wurde", gibt er zu bedenken.

Um dem Stromklau auf die Spur zu kommen, braucht Jacob Fantasie und Geduld. "Wenn ich in ein Haus komme, frage ich mich immer: Wie würde ich es anstellen, wenn ich hier Strom abzapfen wollte?", erzählt er. Mitunter legt er sich auch im Dunkeln auf die Lauer. "Wenn einem Haushalt von uns der Strom gesperrt wurde, und die Wohnung ist trotzdem hell erleuchtet, ist der Fall relativ klar", schildert Jacob. Rund 40 Stromdiebe erwischt Jacob pro Jahr, die Zahl steigt stetig. "Die wirtschaftliche Krise schlägt voll durch. Viele Menschen können ihre Stromrechnungen nicht mehr bezahlen. Nachdem sie schon ein paar Mal gesperrt worden sind, versuchen sie es dann auf illegalem Weg", sagt Jacob nachdenklich.

Es gibt sogar gewerbliche Stromklau-Helfer

Diese Entwicklung bestätigt auch Hertrampf: "Die Zahl der internen und der gerichtlichen Mahnverfahren nimmt zu". Säumigen Kunden bieten die Stadtwerke an, ihre Schulden in Raten abzustottern. Ein Schuldenerlass sei allerdings nicht möglich, betont Hertrampf. In Einzelfällen, zum Beispiel bei Familien mit kleinen Kindern, springt allerdings das Sozialamt ein. "Wenn gar nichts mehr geht, geben wir auch mal einen Vorschuss, damit die Schulden beglichen werden können", sagt der Leiter des Bereichs Sozialhilferecht der Hansestadt Lübeck, Werner Lippe.

Kein Verständnis hat Stromdetektiv Jacob allerdings für Leute, die gewerblich beim Strom stehlen helfen. "Es gibt in Lübeck jemanden, der bietet den Leuten an, gegen Bezahlung ihre Stromrechnung durch Manipulation am Zähler um ein Drittel zu reduzieren. Bislang haben wir ihm das allerdings noch nicht nachweisen können", sagt er.

Eva-Maria Mester/DPA DPA

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