Altersvorsorge Der große Rentenklau

Politik, Arbeitgeber und Versicherer schrumpfen die Altersvorsorge der Deutschen. Im Schnitt wird die Rente um ein Drittel gekappt, das künftige Einkommen kann keiner vorhersagen. Devise: Sparen - ab sofort.

Isabelle Hansen dachte, dass sie alles richtig gemacht hat. Die 36-Jährige hat den Aufruf der Politiker ernst genommen, sich nicht nur auf die gesetzliche Rente zu verlassen. Gleich nach ihrem Berufseinstieg in einem Hamburger Handelshaus hat die Ostasien-Spezialistin begonnen, sich eine zusätzliche Altersvorsorge aufzubauen. Deswegen hat sie auch über ihren Arbeitgeber eine "vom Staat propagierte" Direktversicherung abgeschlossen, in die sie jedes Jahr 1741 Euro einzahlt. Für den Ruhestand durfte sie sich auf die Auszahlung von 80.145 Euro freuen. Bis zum 1. Januar. Nun sind es rund 13.000 Euro weniger. Denn seit die Gesundheitsreform in Kraft ist, müssen auf Kapitalauszahlungen aus der betrieblichen Altersversorgung volle Beiträge zur Kranken- und Pflegeversicherung gezahlt werden. "Dieses Gesetz bestraft die Eigenvorsorge", poltert Isabelle Hansen, "das ist völlig ungerecht und nicht akzeptabel."

"Was ist nun realistisch?"

Carolin Schulz glaubte schon lange nicht mehr, dass die gesetzliche Rente sicher ist. Deswegen war die Kindergartenleiterin aus Albstadt auch bass erstaunt, als sie ihre offizielle Renteninformation ("Ihr aktueller Kontostand") zugeschickt bekam. Die Bundesversicherungsanstalt für Angestellte (BfA) rechnete der 31-Jährigen vor, dass sie mit 65 eine monatliche Auszahlung von knapp 1700 Euro bekommt, wenn die Renten bis dahin jedes Jahr um 1,5 Prozent erhöht werden. Bei einem Steigerungssatz von 3,5 Prozent würde die Rente sogar mehr als 3000 Euro betragen. "Was ist nun realistisch?", fragt sich Carolin Schulz. Schließlich gibt es schon heute eine Nullrunde.

"Das ist bitter"

Nicole Willnow hoffte, dass eine private Altersvorsorge sicherer sei als die staatliche Rente. Die 41-jährige Diplom-Kauffrau hat deswegen schon 1998 eine Lebensversicherung beim Deutschen Ring abgeschlossen. Damals wurde ihr für das Jahr 2027 eine Überschussbeteiligung von 22.955 Euro in Aussicht gestellt. Als die inzwischen selbstständige Coaching-Expertin ihre Absicherung überprüfte, kam der Schock. Schon 2002 hatte die Versicherung den anvisierten Überschuss auf 18.050 Euro reduziert. Und im letzten Schreiben ist die Auszahlungsprognose ganz verschwunden. Jetzt wird nur noch die bisher erreichte Überschussbeteiligung ausgewiesen: 195,55 Euro. "Ich sehe die Lücken in meiner Altersvorsorge, aber ich kann momentan nichts daran ändern", sagt die Unternehmensgründerin, "das ist bitter."

Abenteuer Altersvorsorge.

Keine Form der Rente scheint mehr sicher zu sein - weder die staatliche noch die betriebliche noch die private. Alle drei Säulen des Systems haben in den vergangenen Monaten Risse bekommen. Das Einkommen im Alter ist für Millionen Deutsche kaum noch kalkulierbar. Zwei Jahre nach der angeblichen Jahrhundertreform von Arbeitsminister Walter Riester fummelt die rot-grüne Regierung schon wieder an der Rentenversicherung herum. Die heutigen Ruheständler müssen ab April mehr für die Pflegeversicherung berappen, im Juli fällt die Rentenerhöhung aus, und auch die Steigerungen in den nächsten Jahren sollen gekürzt werden. Noch stärker aber sollen die Ansprüche der Rentner von morgen zusammengestrichen werden. Das haben die Jüngeren zwar schon länger geahnt, aber wenn's nun passiert, ist das Erschrecken über den Rentenschwund doch groß.

Allenthalben wird gekürzt und rasiert. Vor allem bei der guten alten Betriebsrente. Zuletzt sorgte die Kündigung bei der Commerzbank für Aufsehen, aber der Trend läuft seit Jahren: Immer mehr Unternehmen verabschieden sich von der Zusage von Leistungen, sie wollen allenfalls noch begrenzte Beträge aufbringen oder ihren Mitarbeitern die Umwandlung von Lohn und Gehalt ermöglichen. Dabei müssen die Beschäftigten nicht nur die Beiträge selbst zahlen, sie tragen auch das Risiko, ob sich die Anlagen wie erhofft verzinsen.

In letzter Zeit war das immer seltener der Fall. Die Versicherungsunternehmen, die einen Großteil der betrieblichen und privaten Vorsorge organisieren, haben massiv an Vertrauen verloren. Die Mannheimer Leben hatte sich so sehr an der Börse verspekuliert, dass die Rettungsgesellschaft Protektor von der Pleite bedrohten Policen übernehmen musste. Die Anbieter haben die Verzinsung für Lebensversicherungen gesenkt. Wurde vor wenigen Jahren noch mit Renditen von mehr als sieben Prozent geworben, so sind jetzt meist nur 3,5 bis 4,5 Prozent drin. Damit verringern sich die angekündigten Auszahlungen um bis zu 40 Prozent. Wer einen Brief von der Lebensversicherung bekommt, kann nur noch rufen: "Liebling, Sie haben unsere Rente geschrumpft!"

Widersprüchliche Signale

Vollends verworren wird die Lage durch die widersprüchlichen Signale der Politik: In Sonntagsreden wird mehr private und betriebliche Vorsorge gefordert, werktags aber werden Gesetze beschlossen, mit denen bei den Auszahlungen des Ersparten kräftig abkassiert wird. Ob die Verdoppelung des Krankenkassenbeitrags auf Betriebsrenten, die Belastung von Direktversicherungen oder die Erhöhung der Rentenbesteuerung - immer müssen sich die Bürger gestraft fühlen, die sich um ein Zubrot im Alter gekümmert haben. Das Reformdickicht von "Nachhaltigkeitsfaktor", "nachgelagerter Besteuerung" und "Nettorentenniveau" ist auch für Fachleute kaum noch durchschaubar. Damit aber sind - wie schon bei der missglückten Gesundheitsreform - Mehrfachbelastungen programmiert.

Der Fall Paul Normalo

Der stern zeigt das am Beispiel des fiktiven, aber durchaus typischen Beitragszahlers Paul Normalo. Paul verdient 3000 Euro brutto im Monat. Nach der jüngsten Steuersenkung bleiben ihm davon netto 1755 Euro. Paul ist 38 und hat mit 25 Jahren angefangen zu arbeiten. Er weiß, dass er wohl frühestens an seinem 65. Geburtstag in den Ruhestand gehen kann. Damit könnte er es auf 40 Beitragsjahre in der Rentenversicherung bringen. Für sein Studium an der Fachhochschule würden ihm nach derzeitigem Recht drei weitere Jahre gutgeschrieben. Wenn Paul immer etwas über dem Durchschnitt verdient, würde er als Westdeutscher nach heutigem Wert eine Rente von 1337 Euro bekommen. So wird es ihm zumindest in der Renteninformation der BfA vorgerechnet. Nach Abzug der Beiträge zur Kranken- und Pflegeversicherung blieben ihm rund 1230 Euro im Monat übrig. Das wären 70 Prozent seines heutigen Nettogehalts. Wenn Paul bis zum Jahr 2030 seine Eigentumswohnung abbezahlt hat, könnte er seinen Lebensstandard auch als Rentner ohne Abstriche halten. Zwei Urlaube im Jahr und alle fünf Jahre ein neues Auto wären weiter drin.

Schön wär's

. Aus dem Ruhestand im Wohlstand wird nichts werden. Schuld ist der Rentenklau auf Raten.

Rentenklau Nummer eins:

Ab dem 1. April müssen Rentner den Beitrag zur Pflegeversicherung von 1,7 Prozent allein bezahlen. Bisher hatte die Rentenkasse die Hälfte zugeschossen. Paul würde das gut elf Euro zusätzlich im Monat kosten. Die Nettorente würde auf 1219 Euro im Monat sinken.

Rentenklau Nummer zwei:

Ab dem Jahr 2008 sollen Ausbildungsjahre an Gymnasium oder Hochschule bei der Rentenberechnung nicht mehr anerkannt werden. Bisher wurden drei Beitragsjahre mit bis zu 75 Prozent des Durchschnittseinkommens gutgeschrieben. Paul kostet diese Kürzung 59 Euro. Die Nettorente würde sich auf 1160 Euro im Monat verringern.

Rentenklau Nummer drei:

In den nächsten Jahrzehnten droht der Beitragssatz zur Rentenversicherung kräftig zu steigen, weil die Zahl der Rentner zunimmt und die der Beitragszahler schrumpft. Um den Anstieg des Beitragssatzes zu begrenzen, sollen die jährlichen Rentenerhöhungen gekappt werden. Dadurch wird das Rentenniveau, also das Verhältnis von Rentenauszahlung und früherem Einkommen, dramatisch sinken. Paul profitiert zwar als Arbeitnehmer von niedrigeren Beiträgen, aber dafür muss er als Rentner mit weniger Geld auskommen. Nach heutigem Wert müsste er auf 189 Euro verzichten. Die Nettorente würde auf 971 Euro im Monat sinken.

Rentenklau Nummer vier:

Bisher kann man Renten meist steuerfrei kassieren. Damit soll ab nächstem Jahr Schluss sein. Schrittweise soll die nachgelagerte Besteuerung eingeführt werden. Dann können die Rentenbeiträge von der Steuer abgesetzt werden, aber die Rentenauszahlungen müssen voll versteuert werden. Die Übergangszeit dauert bis zum Jahr 2040. Paul muss seine Rente im Jahr 2030 zu 90 Prozent versteuern. Nach heutigem Wert müsste er im Monat rund 37 Euro beim Fiskus abliefern. Seine Nettorente würde auf 934 Euro sinken.

Das ernüchternde Zwischenergebnis: Die Änderungen beim Renten- und Steuerrecht kosten Paul Normalo fast ein Viertel seiner Rente oder nach heutigem Wert 296 Euro. Statt 70 Prozent seines Nettoeinkommens hätte er im Ruhestand nur noch 53 Prozent zur Verfügung. So könnte er seinen Lebensstandard natürlich nicht halten. Statt Fernreisen wären höchstens noch Bustouren drin, vom Neuwagenkauf ganz zu schweigen.

Paul Normalo hat zwar nicht gewusst, wie mickrig genau seine Rente ausfällt. Aber geahnt hat er schon lange, dass die gesetzliche Altersversorgung allein nicht ausreicht. Deswegen hat Paul vor einigen Jahren eine Kapitallebensversicherung abgeschlossen. Es handelt sich um eine Direktversicherung, die er über seinen Arbeitgeber bekommen hat. So profitiert er von günstigen Gruppenkonditionen und der niedrigen Pauschalversteuerung der Beiträge. Für einen monatlichen Beitrag von 100 Euro hat ihm die Versicherung für das Jahr 2030 eine Auszahlung von rund 100.000 Euro in Aussicht gestellt. Zu einem Zinssatz von vier Prozent angelegt, könnte sie ihm monatlich über 333 Euro bringen - nach heutigem Recht steuerfrei.

Schön wär's. Aber der Rentenklau auf Raten macht auch nicht vor privater und betrieblicher Vorsorge Halt.

Rentenklau Nummer fünf:

Die Lebensversicherungsunternehmen haben an der Börse viel Geld verloren. Außerdem sind die Zinsen für Anleihen kräftig gesunken. Deswegen hat sich in den vergangenen fünf Jahren die Verzinsung der Versichertengelder fast halbiert. Paul Normalo hat mal nachgefragt, mit welcher Auszahlung er noch rechnen kann: Die Versicherung stellt ihm nun nur noch 65.000 Euro in Aussicht. Damit würden sich die monatlichen Zinseinnahmen auf 217 Euro verringern. Die schlechte Anlagepolitik der Versicherungsmanager kostet Paul 116 Euro im Monat.

Rentenklau Nummer sechs:

Die Neuregelung der Rentenbesteuerung führt dazu, dass zusätzliche Einnahmen im Alter nicht mehr steuerfrei kassiert werden können. Mit jedem zusätzlichen Euro steigt die Steuerbelastung. Paul muss nach Abzug von Freibeträgen monatlich rund 17 Euro mehr beim Fiskus abliefern. Damit sinkt die private Zinsrente auf 200 Euro.

Rentenklau Nummer sieben:

Seit Anfang 2004 muss auf Betriebsrenten der volle Kranken- und Pflegeversicherungsbeitrag gezahlt werden. Das gilt auch für Kapitalauszahlungen aus Direktversicherungen. Dabei wird die Auszahlung fiktiv auf 120 Monate verteilt. Paul muss im Monat 87 Euro mehr zahlen. Die monatliche Zusatzeinnahme aus Zinseinkünften schrumpft damit auf 113 Euro. Kleiner Trost: Die zusätzlichen Krankenkassenbeiträge können von der Steuer abgesetzt werden. Aber das niederschmetternde Ergebnis bleibt: Die erwarteten Monatseinkünfte aus der Lebensversicherung sind auf ein Drittel zusammengeschnurrt. Jede Stufe des Rentenklaus für sich wäre für Paul verkraftbar, doch das Zusammenspiel von Kürzungen bei der gesetzlichen Rente, neuer Rentensteuer, verringerter Verzinsung von Lebensversicherungen und den Sozialbeiträgen auf Direktversicherungen trifft ihn hart. Das zeigt die Gesamtrechnung für das Jahr 2030. Bei einer jährlichen Lohnerhöhung um drei Prozent steigt das Nettogehalt von Paul bis dahin auf rund 3900 Euro im Monat. Nach heutigem Recht hätte er dann Anspruch auf rund 2730 Euro Nettorente. Zusammen mit den geplanten Zinseinkünften stünden ihm dann monatlich 3063 Euro zur Verfügung. Nach dem großen Rentenschwund sind es insgesamt nur noch 2187 Euro. Das klingt nach mehr, als es ist, denn bis zum Jahr 2030 steigen natürlich auch die Preise. Unterm Strich schrumpft das anvisierte Alterseinkommen um fast 30 Prozent.

Die bittere Botschaft für Paul Normalo - und alle anderen: Es genügt nicht, 100 Euro im Monat zurückzulegen. Auch die vier Prozent des Bruttoeinkommens, die die Riester-Rente vorsieht, sind meist zu niedrig. Das zeigen Berechnungen des Essener Wirtschaftsprofessors Reinhold Schnabel für das Deutsche Institut für Altersvorsorge. "Riester-Sparen reicht nicht aus", sagt der Ökonom. Vor allem die Jahrgänge 1950 bis 1965 sollten mindestens sechs Prozent, bei hohem Einkommen sogar mehr als zehn Prozent sparen. Das klingt utopisch, ist aber unausweichlich. Selbst wenn Kanzler Gerhard Schröder auch bei der Rente auf die Reformbremse treten und versprechen sollte, das Rentenniveau ein bisschen weniger zu senken. Die nächste Rentenreform kommt bestimmt. Für das Jahr 2008 ist bereits die Entscheidung vorgesehen, dass Ruhestandsalter schrittweise auf 67 Jahre anzuheben.

Immerhin hat die Regierung in ihrem Gesetzeskuddelmuddel auch eine Wohltat versteckt. Schon im nächsten Jahr können Arbeitnehmer 20 Prozent ihrer Rentenbeiträge von der Steuer absetzen. Bis 2025 steigt der Anteil auf 100 Prozent. Das entspricht immerhin einer kleinen Steuerreform. Inzwischen hat die Unsicherheit auch die Gralshüter der Rente erfasst. Bis auf weiteres versendet die Bundesversicherungsanstalt für Angestellte keine Renteninformationen mehr. Die Auswirkungen der Reformen sollen abgewartet werden. Bereits entschieden ist, die Rentenprognosen künftig konservativer zu rechnen. Statt 1,5 und 3,5 Prozent sollen für die Vorausberechnungen deutlich niedrigere Sätze gewählt werden. "Es ist im Moment sauschwer", stöhnt BfA-Sprecher Rainer Helbing. Zumindest diese Renteninformation stimmt hundertprozentig.

Mitarbeit: Sven Rohde/Sandra Rindchen/ Mathias Rittgerott

Lorenz Wolf-Doettinchem print

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