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Bauskandal: Haniel-Tochter riskierte Schäden

Der Baustoffhersteller Xella hat nach Informationen des stern rund acht Jahre lang minderwertige Kalksandsteine verkauft, obwohl das Unternehmen früh vor möglichen Risiken gewarnt worden war. Wenn Schäden auftreten, müssen sämtliche Steine aufwändig ersetzt werden, bis zu 45.000 Hausbesitzer könnten geschädigt sein.

Der Baustoffhersteller Xella, eine Tochter des Haniel-Konzerns, hat nach Informationen des stern über etwa acht Jahre in drei Werken minderwertige Kalksandsteine produziert und bis Anfang 1996 in den Handel gebracht. Der beim Produktionsprozess notwendige Branntkalk wurde dabei zumindest teilweise durch ein Abfallprodukt ersetzt, das bei der Rauchgasentschwefelung in Steinkohlekraftwerken anfällt. Die Steine der Marke "KS" kamen in die Geschäfte, obwohl das Unternehmen sehr früh durch ein Gutachten des Bundesverbands Kalksandstein detailliert vor möglichen negativen Folgen der Zutaten gewarnt worden war.

In einer internen Mitteilung stellte die Versicherungsabteilung von Xella noch im April 2006 fest: "Bedenken des Bundesverbands wurden negiert." Außerdem hatte das Unternehmen weiterproduziert, nachdem bereits die ersten Schadensmeldungen von Eigenheimbesitzern vorlagen.

Wenn es feucht ist, verlieren die mit Kraftwerkskalk produzierten Steine offenbar an Festigkeit und blühen aus, Wände reißen und verlieren Stabilität. Solche Schäden können nicht repariert werden, vielmehr müssen sämtliche Steine - manchmal ganze Kellergeschosse - aufwändig ersetzt werden. Xella hatte die Verwendung des Kraftwerkskalks bereits vergangenes Jahr in einer Pressemitteilung eingeräumt. Die dem stern vorliegenden Dokumente zeigen nun das wahre Ausmaß der Affäre.

Vorwiegend Häuser in NRW betroffen

Der Haniel-Konzern behauptet gegenüber dem "stern", die Zahl der möglichen Schäden nicht schätzen zu können und spricht von "bislang 265 betroffenen Gebäuden". Aufgrund der langen Produktionszeit könnten nach stern-Informationen aber bis zu 45.000 Gebäude, vorwiegend Einfamilienhäuser und Doppelhaushälften in Nordrhein-Westfalen, teils oder ganz mit solchen Steinen gebaut worden sein.

In einem anwaltlichen Rechtsgutachten von 2006, das von Xella in Auftrag gegeben wurde, heißt es unter anderem: "Die Kalksandsteine der Haniel Baustoffwerke sind fehlerhaft. Das ursprüngliche Inverkehrbringen der Kalksandsteine trotz der Warnhinweise des Bundesverbandes der Kalksandsteinindustrie war mindestens fahrlässig." Außerdem werde bis heute die Warnpflicht verletzt und es drohe Haftung wegen sittenwidriger vorsätzlicher Schädigung. Eine strafrechtliche Verantwortung wegen Sachbeschädigung durch Unterlassen könne ebenfalls nicht ausgeschlossen werden.

In einigen Fällen hat Xella geschädigten Eigentümern die Häuser inzwischen abgekauft. Im Gegenzug mussten sich die Verkäufer vertraglich zur absoluten Verschwiegenheit verpflichten. Haniel hat Xella mittlerweile zum Verkauf gestellt. Dabei sollen die Käufer offenbar von den Folgen des Kalk-Skandals freigestellt werden. Gegenüber dem stern erklärte Haniel, dass das Unternehmen sich auch nach einer möglichen Veräußerung weiterhin für den Sachverhalt verantwortlich zeigen werde.

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