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Kommentar: Hat's "gexingelt"?

Die Businessplattform Open BC/Xing besteht aus 200.000 Menschen, die 5,95 Euro monatlich für ihre "Premium-Mitgliedschaft" bezahlen. Dafür dürfen sie via Internet andere Mitgliedern kontaktieren. Genügt dies für einen Börsengang?

Von Frank Donovitz

Ja, auch er sei ein gebranntes Kind der Internet-Aktien-Blase zur Jahrtausendwende, sagt Lars Hinrich. Heute hat er sein im Jahr 2003 gegründetes Unternehmen "Xing" an die Börse gebracht - eine Internet-Firma. Genauer gesagt die Open Business Club AG, eine virtuelle Kontaktbörse für besonders updatige, hipp und hopp globalisierte "Business People" (oder solche, die es sein wollen).

Böse Erinnerungen an die letzte Börsenblase

Wir erinnern uns - wenn auch eher ungern: Um die Jahrtausendwende stürmten Dutzende Klein- und Kleinstfirmen das Frankfurter Parkett. Allein das Stichwort "Internet" genügte, um sie über Nacht zu Großkonzernen zu machen. Allerdings nur gemessen am Börsenwert. Dahinter verbargen sich allzu oft ebenso mickerige wie abstruse Geschäftsideen, jedoch aufgeblasen mit fantasievollen Sensationszahlen wie zum Beispiel "534 Prozent Umsatzwachstum" oder "157 Prozent Zuwachs beim operativen Cashflow". Nur ein klitzekleines Wörtchen fehlte in all diesen Aktien-Offerten, nämlich das Wörtchen "Gewinn".

Und so liest es sich bei "Xing" heute im Internet: "Im ersten Quartal des laufenden Geschäftsjahres (01.07.2006 - 30.09.2006) erzielte das Unternehmen bei Umsatzerlösen von 2,79 Millionen Euro einen operativen Cash-flow von 1,38 Millionen Euro und ein positives Ergebnis." Was jenes "positive Ergebnis", also der Quartalsgewinn, in Euro und Cent macht? Rund 319.000 Euro, verrät Vorstandschef Hinrichs.

Was genau seine Firma mit den rund 35 Millionen Euro Netto-Börsenerlös anstellen will? Im wesentlichen Konkurrenten aufkaufen, gibt der Chef zu Protokoll.

320.000 Euro Gewinn im Quartal

Würde Xing von dem Geld ein Bürogebäude erwerben - welch böse Old Economy-Denke! -, gäbe es zumindest etwas, dass den heutigen Börsenwert von mehr als 150 Millionen Euro rechtfertigen könnte. So aber gibt es nichts, außer immerhin rund 200.000 Menschen, die derzeit 5,95 Euro monatlich für ihre "Premium-Mitgliedschaft" bei Xing bezahlen. Was sie dafür bekommen? Sie dürfen sich via Internet mit anderen Xing-Mitgliedern ins Benehmen setzen. Ob das 5,95 Euro im Monat wert ist, sei dahingestellt. Schließlich soll die Mitgliedschaft in einem Golf-Club ja auch nicht nur sportliche Zwecke erfüllen - sagt man zumindest. Geschäftskontakte seien werthaltig, und das Internet keine Umsonst-Spielwiese mehr. Und die Internet-Sprache sei schon bald nicht mehr Englisch, sondern Chinesisch. Da ist sich Xing-Mann Hinrichs ganz sicher. Aber 150 Millionen Euro Marktwert? Bei einem Geschäftsjahresumsatz von zuletzt sechs Millionen Euro? Und einem Quartalsüberschuss von 320.000 Euro? Und das mit 67 Mitarbeitern?

Gleichgroße Handwerksbetriebe - vom Fensterbauer bis zur regionalen Bäckerei-Kette - setzten mehr Geld um. Sind sie deshalb börsentauglich? Wohl kaum. In Sachen Xing kamen die Deutsche Bank und die US-Investmentfirma Lehmann Brothers zum gegenteiligen Schluss - warum auch immer.

Schwacher Börsenstart

Das Xing seine zahlenden Mitglieder so schnell wie dauerhaft (!) verhundertfacht, und so den Börsenwert umsatzweise in etwa wiederspiegeln würde, ist nicht auszuschließen. Aber wahrscheinlich? Und dann war da noch die leidige Sache mit dem Gewinn. Gedanken, die heute offenbar auch an der Börse kreisten: Die neue Aktie verabschiedete sich mit Plus-Minus-Null in ihren ersten Feierabend. Zumindest das unterscheidet sie von den bunten Papierchen der Jahrtausendwende.

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