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Martha Stewart: Die Hohepriesterin des US-Geschmacks vor Gericht

Den einen gilt sie als Unschuldslamm, den anderen als ruchlose Unternehmerin. Ob die populäre Lifestyle-Queen bloß zum Bauernopfer gemacht wird, oder ob sie eine skrupellose Millionärin ist, wird jetzt vor Gericht geklärt.

Die einen glauben, dass die populäre Lifestyle-Queen nach den Businessexzessen der vergangenen Jahre zum Bauernopfer gemacht werden soll, den anderen gilt sie als skrupellose Millionärin, die Kontakte in der Geschäftswelt zur eigenen Bereicherung ausnutzte. Von Dienstag an steht Martha Stewart, die in den USA landesweit bekannte Hohepriesterin des gehobenen Geschmacks, in New York vor Gericht. Der Vorwurf: Wertpapierbetrug und Justizbehinderung, Resultat eines dubiosen Aktienverkaufs. Ihr drohen bei einem Schuldspruch mehrere Jahre Gefängnis.

Martha hält sich für völlig unschuldig

Doch Martha Stewart (62) hält sich für unschuldig. "Ich bin optimistisch, dass ich völlig freigesprochen werde und mich wieder den kreativen Deko-Ideen widmen kann, auf die sich so viele loyale Kunden in ihren Küchen, Gärten und Hobbyräumen verlassen", schreibt Stewart auf ihrer eigens eingerichteten Homepage marthatalks.com.

Kein Selbstmitleid

"Wenn man nichts Unrechtes getan hat, kann man sich auf die Arbeit konzentrieren", meinte sie in einem Interview im US-Fernsehen. "Aber die Sorge ist natürlich im Hintergrund: der Prozess." Stewart vermeidet es, in Selbstmitleid zu fallen. Stattdessen blitzt ihr trotziges Temperament durch: "Ich verliere darüber keinen Schlaf. Ich bekomme wie sonst auch meine drei, vier Stunden pro Nacht." Womit die Hohepriesterin der Häuslichkeit («Newsweek») gleich noch ihr Image als Workaholic kultiviert. "Meine Arbeit ist mein Leben", sagt die geschiedene Mutter einer Tochter.

Eine der einflussreichsten Amerikanerinnen

Stewart ist ein Phänomen, das die USA in den 90er Jahren im Sturm erobert hat. Die Zeitschrift «Time» bezeichnete sie 1996 als eine der einflussreichsten Personen in den USA. Die Tochter armer polnischer Einwanderer hat aus dem Nichts ein Imperium für alles rund um die gediegene Häuslichkeit aufgebaut. Mit Küchentricks und Hochzeitstipps, Garten- und Design-Ideen setzt Stewart seitdem Maßstäbe für die gehobene Mittelschicht. Ihre Zeitschrift «Martha Stewart Living», hatte eine Auflage von 2,3 Millionen, ihre Fernsehshows zogen Millionen Zuschauer an. Sie schrieb Ratgeberkolumnen in Zeitungen und mehr als 40 Bücher und betreibt ein Versandgeschäft für alles - vom Anzugständer bis zum Zahnputzbecher.

Verdacht auf Insiderhandel

Vor einem Jahr ging es plötzlich bergab. Es kam ans Licht, dass Stewart Aktien der Pharma-Firma ImClone verkauft hatte, einen Tag, bevor bekannt wurde, dass ein neues Krebsmittel der Firma keine Marktzulassung bekommt. Das, meinten die Ermittler, ging nicht mit rechten Dingen zu. Stewart ist nämlich mit dem damaligen ImClone-Chef Samuel Waksal befreundet, der selbst versucht hatte, noch ImClone-Aktien abzustoßen. Waksal wurde inzwischen zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt und hat seine Haftstrafe angetreten. Stewart sagt dagegen, sie habe keine Insiderinformationen erhalten. Mit ihrem Makler sei seit langem vereinbart gewesen, zu verkaufen, wenn der Aktienpreis unter 60 Dollar falle. Der Makler ist ebenfalls angeklagt. Insiderhandel konnten die Ermittler Stewart nicht nachweisen. Sie werfen ihr dagegen vor, die Justiz bei den Ermittlungen behindert zu haben. Zudem habe sie Investoren betrogen, indem sie ihre Unschuld beteuert habe.

Chefsessel wurde geräumt

Stewart trat inzwischen vom Chefposten ihres Imperiums Martha Stewart Living Omnimedia zurück. Als Kreativdirektorin zieht sie jetzt im Hintergrund die Fäden. Der Aktienkurs des Unternehmens (Umsatz 2002: 295 Millionen) ist um 40 Prozent gesunken. Die Auflage der Zeitschrift ging auf 1,8 Millionen zurück, in Kanada wurde ihre Fernsehshow aus dem Programm gekippt. Doch Stewart kämpft. Auf ihrer Internetseite veröffentlicht sie Huldigungsadressen ergebener Fans: "Ich bin so beeindruckt von ihrer positiven Einstellung", schrieb Cynthia Haydon. "Sie stehen wirklich über der Hässlichkeit der ganzen Situation." Tim Frank schrieb: "Sie sind so wunderbar dynamisch und ich wollte nur sagen, wie sehr ich Sie bewundere."

Christiane Oelrich / DPA
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