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Simone Menne Schluss mit Zögern und Zaudern: Wie wir Wohlstand UND Klima retten können

Ex-Top-Managerin Simone Menne im stern über #Metoo und dass Frauen gestalten müssen
Simone Menne war Finanzchefin bei der Lufthansa und beim Pharmakonzern Boehringer Ingelheim. Heute ist sie Aufsichtsrätin bei BMW und der Deutschen Post sowie Gastgeberin des stern-Podcasts "Die Boss".
© Verena Berg / stern
Unternehmerinnen und Wissenschaftler zeigen als "Deutschlands Zukunftsweisen" auf, wie klimafreundliche Wirtschaftspolitik funktionieren kann. Ex-Lufthansa-Finanzchefin Simone Menne erklärt, warum sie bei der Initiative mitmacht und welche Punkte sie für entscheidend hält.
Es gibt viele überwältigend erscheinende Probleme in unserer Welt. In Zeiten von Digitalisierung und Protektionismus, sozialer Spaltung und Polarisierung, Klimawandel und Artensterben, wirkt unsere Zukunft ungewiss. Dennoch bin ich optimistisch. Denn es mangelt uns nicht an cleveren Ideen und Leuten. Oft fehlen nur die marktwirtschaftlichen Rahmenbedingungen, um Innovationskraft und Kapital erfolgreich zu katalysieren. Das heißt, wir brauchen jetzt mehr denn je zukunftsorientiertes Handeln. Wir müssen heraus aus der Lähmung. Als Unternehmerin warte ich ungern, und möchte also persönlich zur Lösung unserer Probleme beitragen.
Ein Zitat von Rafael Laguna de la Vera und Thomas Ramge drückt mein Unwohlsein und meine Besorgnis über die derzeitige Situation gut aus: "Wir trauen uns als Gesellschaft nicht mehr, Innovation im Wortsinn zu verstehen. Innovation ist die Fähigkeit, radikal bessere Lösungen für Probleme zu finden. Es ist Konsens, dass es uns an großen Problemen nicht mangelt. Doch oft verhindert eine toxische Mischung aus dogmenbasierter Technikskepsis, verklausulierter Verzichtsrhetorik und bildhafter Bio-Romantik, dass wir technische Lösungen für soziale Probleme überhaupt nicht in Betracht ziehen." 

Nachhaltigkeit und Wohlstand sind keine Gegensätze

In dieser Situation wurde ich angesprochen von Martin Stuchtey, der mir die Mitarbeit bei Deutschlands Zukunftsweisen anbot. Er und Maja Göpel wollten eine "wilde Gruppe" zusammenbringen, die Entscheidungsträger aus Wirtschaft und Wissenschaft vereint, um sich für die Umsetzung disruptiver Ideen einzusetzen. Hintergrund war unter anderem ein Zitat der Bundeskanzlerin: "Wir brauchen neue starke Allianzen." Für mich war das ein Aufruf an Wirtschaftslenker, sich für die dringend nötigen Transformationen einzusetzen. Ich bin beispielsweise fest davon überzeugt, dass ambitionierter und proaktiver Klimaschutz essenziell für unseren langfristigen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Erfolg ist. Das Narrativ, dass Nachhaltigkeit und Wohlstand Gegensätze sind, ist längst empirisch und in gelebter Realität überholt. Ich sehe daher Personen aus der Wirtschaft wie mich in der Pflicht, der Politik den Rücken zu stärken. 
Aus dieser Überzeugung habe ich mich Deutschlands Zukunftsweisen angeschlossen. Wir setzen uns für eine zukunftsorientierte Transformation ein, die positive Zugewinne unterstreicht. In Transformationszeiten brauchen wir nicht mehr vom Gleichen, sondern eine klare Idee davon, wo wir mit dem Strukturwandel landen wollen und wie wir ihn schnell, integrativ und legitimiert umsetzen können. Eine konstruktive Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft, Wirtschaft, Staat und Zivilgesellschaft ist dabei essenziell.
Wichtig ist es, dass wir Unternehmer aus den unterschiedlichsten Sektoren und mit diversen Hintergründen sind und eng mit Experten aus der Wissenschaft arbeiten. Dabei bauen wir auf den exzellenten Ergebnissen anderer Initiativen auf, und setzen uns für fundamentale Bedingungen ein, statt nur für unsere individuellen Sektor-Interessen.  

Konkrete, machbare Ideen

Was war uns wichtig? Was muss die Initiative leisten, damit wir uns engagieren. Hier gibt es eine klare Antwort: Konkrete, machbare Ideen, die umsetzbar sind und in Summe transformativ wirken können.
Viele Initiativen setzen sich bereits für eine mutige Klimastrategie ein. Wir möchten diese um eine konsequente System-Perspektive ergänzen, so dass die Suche nach Lösungen in einem Problemfeld nicht andere Problemfelder verschärft. In einigen Diskussionen haben wir sieben Säulen der Transformation benannt. Diese gehen von ‚Modernen Konzepten und Maßzahlen des Wohlstands' bis zu einem ‚Zukunftsorientierten Staat' und ‚Gesamtgesellschaftlichen Lösungsprozessen'.
In allen Bereichen liefern wir konkrete Handlungsempfehlungen, untermalt mit Beispielen aus aller Welt. Diese zeigen, dass was für uns Neuland ist, anderswo bereits erfolgreich umgesetzt wird und liefern somit Mut für Deutschland. 
Unternehmer und Investor Frank Thelen fordert innovative, grüne Technologien.

Das BIP als überholte Kennzahl

Ich persönlich habe zwei Themen, die mir besonders wichtig sind. Da ich aus dem Finanzbereich komme, geht es mir unter anderem darum, das Rechnungswesen und die Erfolgsmessungen sowohl für Unternehmen als auch den Staat zu modernisieren.
Eine Frage, die sich stellt, ist die, ob das Bruttoinlandsprodukt (BIP) noch die richtige Kennzahl ist, um den Erfolg eines Landes zu messen. Staaten sehen sich wachsenden Krisen ausgesetzt, die durch die Art des Wirtschaftens hervorgerufen werden, die sich hinter dem steigenden BIP verbirgt. Joseph Stieglitz sagte schon 2019: "Die Welt ist mit drei existenziellen Krisen konfrontiert: Die Klimakrise, die Ungleichheitskrise und eine Krise der Demokratie. Und dennoch geben uns die etablierten Wege wie wir ökonomischen Fortschritt messen, nicht den geringsten Hinweis darauf, dass wir ein Problem haben."
Insbesondere drei Aspekte, die in Deutschland Verfassungsrang haben, werden durch das BIP nicht erfasst: Ist die wirtschaftliche Entwicklung dergestalt, dass auch zukünftige Generationen noch die Freiheit haben, auf stabile natürliche Lebensbedingungen und ökologische Ressourcen zurückzugreifen? Ist die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung inklusiv und fair, sodass niemand zurückgelassen wird und demokratische Prinzipien erhalten werden? Umfasst das Verständnis von Wertschöpfung alle Entwicklungen menschlicher Wohlfahrt wie z.B. Pflege- und Erziehungsleistungen oder der digitalen Dienstleistungsökonomie? 
Wollen wir ein Ausufern der Krisen abwenden, und Fortschritt so messen, dass er den heutigen Herausforderungen und Errungenschaften entspricht, braucht es entsprechende Metriken und Kennzahlen. Denn starke Gesellschaften zeichnen sich durch die wirtschaftliche und kooperative Fähigkeit aus, kreative Lösungen für aktuelle Probleme und zukünftige Risiken zu finden und gerade die Bedürfnisse der vulnerabelsten Gruppen in den Vordergrund zu stellen. Kurz: wenn das BIP die Antwort auf die Kriegsmobilisation war, welche Kennzahlen beantworten die Frage, ob hohes soziales Wohlergehen bei niedrigstem ökologischem Fußabdruck erreicht wird?
Ganzheitliche Zielsetzung und Maßzahlen würden es Deutschland ermöglichen, politisches und wirtschaftliches Handeln auf langfristiges Gesamtwohl auszurichten. Durch ein Verständnis dafür, was den Menschen am wichtigsten ist, können schwierige Entscheidungen besser informiert getroffen und strategisch abgestimmt werden.

Disruptive Innovationen fürs Klima

Aber auch die Unternehmenssteuerung und insbesondere das Rechnungswesen bildet wesentliche Aktivitäten, die Innovation oder soziale Maßnahmen darstellen, nicht ab und bietet somit keine Anreize, diese auch umzusetzen. Heutzutage kostet es Firmen oft mehr, dass gesellschaftlich Wünschenswerte zu tun (z.B. in nachhaltige Innovationen oder Prozesse zu investieren), als am Status quo festzuhalten.
Das bringt mich zum zweiten Thema, welches mich besonders umtreibt: disruptive Innovationen für das Klima. In der derzeitigen Landschaft in Deutschland ist es schwierig, wirklich disruptive Ideen umzusetzen; wir sind oft Weltklasse in der Forschung, aber Mittelmaß in der Umsetzung. Insbesondere wenn es noch keinen Markt für die Vermarktung neuer Lösungen gibt. Staatliche und kontrolltechnische Regelungen in Unternehmen verhindern langfristig wirkende disruptive Lösungen, sondern fördern stattdessen inkrementelle Verbesserungen.
Mit der Veröffentlichung unseres "Kompass für Deutschland" liefern wir Impulse für eine positive und proaktive Gestaltung der erfolgreichen und nachhaltigen Zukunft Deutschlands. Wir werden die politischen und gesellschaftlichen Debatten mit diesen und weiteren Impulsen über die Wahl hinaus begleiten. Ich freue mich auf diese Gelegenheit und Verantwortung.
"Deutschlands Zukunftsweisen" – mehr über die Initiative lesen Sie hier

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