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WISSEN: Bilanzen oft schleierhaft

Buchstaben-Ungetüme statt nackter Zahlen: Unternehmen verstecken die Wahrheit gerne hinter lange Abkürzungen. Wir erklären die wichtigsten Bilanzbegriffe.

Früher zählte für viele Anleger vor allem das Nettoergebnis eines Unternehmens, also das, was nach Kosten, Steuern und Zinsen unterm Strich wirklich übrig blieb. Mittlerweile müssen sie sich mit Buchstaben-Ungetümen herumschlagen - doch was sich hinter EBIT, EBITDA oder gar EBITDASO verbirgt, bleibt den meisten schleierhaft.

Bilanzen werden aufpoliert

Gerade Verlust schreibende Unternehmen am Neuen Markt versuchten häufig, mit bestimmten Kennzahlen ihre Bilanzen aufzupolieren, sagt Ulrich Hocker, Hauptgeschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). »Doch es gilt der Grundsatz: Gute Bilanzen sind in Wirklichkeit noch besser, schlechte Bilanzen noch schlechter.«

EBIT oder gar EBITDASO?

EBIT meint den Gewinn vor Zinsen und Steuern (»Earnings before Interest and Taxes«), beim EBITDA werden außerdem die Abschreibungen (»Depreciation and Amortization«) herausgerechnet. Mit einem EBITDASO verblüffte zum Beispiel das Software-Haus Brokat die Anleger: Dabei wird zusätzlich die gerade bei Neue-Markt-Unternehmen beliebte Mitarbeiterbeteiligung (»Stock Options«) im Ergebnis nicht berücksichtigt.

EBITDA nach Firmenkäufen

Zum EBITDA griffen gern Unternehmen, die andere Firmen gekauft haben, sagt Hocker. »Deren Ergebnis würde über die Abschreibungen zusammen brechen.« Die Abschreibung des Firmenwertes - die so genannte Goodwill-Abschreibung - erscheint normalerweise in der Gewinn- und Verlustrechnung (G+V) als Aufwandsposten. Das Handelsgesetzbuch (HGB) biete jedoch zahlreiche Wahlmöglichkeiten: »Bucht das Unternehmen zum Beispiel den Goodwill über das Eigenkapital ab, so wird die G+V nicht belastet.« Anleger sollten daher auch die Erläuterung zur Rechnungslegung im Bilanz-Anhang studieren.

Verschleiernde Daten

Bei der Bilanzerstellung gibt es beträchtliche Ermessensspielräume, sagt Wolfgang Eisele, Professor für Finanz- und Rechnungswesen an der Universität Hohenheim. So können schon die hinter den Bilanzzahlen steckenden Daten verschleiernd oder schlicht falsch sein. »Zudem ist etwa die Abschreibungsfrist nach geltendem Recht relativ beliebig.« Dabei hängen gerade die Nutzungsdauer und Werthaltigkeit immaterieller Vermögensgegenstände - wie Patente in der Biotechnologie-Branche oder Filmrechte bei Medienunternehmen - stark von den Markterwartungen ab.

Schulden werden nicht berücksichtigt

EBIT oder EBITDA sind zwar formal klar definierte erfolgsbezogene Größen, sagt Eisele. »Doch beide schließen einen Aspekt aus, der wesentlich verzerrend sein kann: nämlich Schulden.« Nach dem Erwerb anderer Unternehmen oder milliardenteurer UMTS-Lizenzen sitzen viele Firmen auf hohen Schuldenbergen. »Wenn die Zinslast nicht durch Erlöse bedient werden kann, ist das ein Problem der Liquidität - wie jetzt am Neuen Markt offensichtlich geworden ist.«

Beispiel Mobilcom

So musste sich MobilCom den Vorwurf gefallen lassen, durch die Umstellung bei der Rechnungslegung seine Bilanz in ein besseres Licht gerückt zu haben. Nach HGB-Bilanzierung wären die Verluste der Telefongesellschaft für das Jahr 2000 mit rund einer Milliarde DM deutlich höher ausgefallen als nach dem internationalen Standard IAS mit 180 Millionen DM, lautete die Kritik. Knackpunkt dabei waren die UMTS-Lizenzkosten von rund 16 Milliarden DM: Nach IAS fallen sie erst mit dem Beginn des UMTS-Netzstarts 2002 als Zinsen und Abschreibungen an, nach HGB jedoch sofort.

Auch noch Marketing-Gag

Für professionelle Unternehmensbeobachter sind EBIT und EBITDA sehr nützliche Messgrößen, sagt Peter Thilo Hasler von der HypoVereinsbank. »Wir brauchen international und branchenweit vergleichbare Kennzahlen, die unabhängig von nationalen Steuergesetzen und Rechnungslegungen sind.« Ein EBITDASO hält er jedoch für einen »Marketing-Gag«: »Aktienoptionen gehören zum Personalaufwand und sind daher nicht abziehbar.«

Wachstum durch Schulden

Während des Neuer-Markt-Booms hatten sich Anleger nur wenig auf das Finanzergebnis von Unternehmen konzentriert, erklärt Adrian Pehl von DG Bank Asset Management. Doch mittlerweile ist die Quelle Kapitalmarkt weitgehend versiegt, viele Unternehmen müssen ihr Wachstum über Schulden finanzieren. So rücken nun auch Zinsaufwendungen stärker ins Blickfeld der Anleger. Wenn überschuldete Unternehmen in einer Ad-hoc-Mitteilung nur ein EBIT angeben, ist das problematisch, meint er. »Aber wirklich gute Unternehmen machen das ohnehin tabellarisch und geben alle wesentlichen Positionen an.« Alexandra Ringleb

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