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12. November 2008, 09:29 Uhr

Zungenspiele zum Geburtstag

Eigentlich will Albert Einstein am 14. März 1951 nur in Ruhe seinen Geburtstag feiern. Doch die Jornalisten lassen dem Physiker keine Ruhe. Schließlich schneidet er dem Fotografen Arthur Sasse jene Grimasse, die bis heute als das Einstein-Porträt schlechthin gilt. Von Philipp Gülland

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"Die ausgestreckte Zunge gibt meine politischen Anschauungen wieder", sagt Albert Einstein© Arthur Sasse/Bettmann/CORBIS

Unter wirrem, schlohweißem Haar liegt eine Denkerstirn in tiefen Falten. Buschige Augenbrauen rahmen große, spitzbübisch blitzende Augen. Albert Einstein schiebt seine Zunge durch die grinsenden Lippen unter dem stattlichen Schnauzbart, streckt sie weit heraus. Über dem Kopf des berühmten Physikers ist das Verdeck eines Autos zu erkennen. Einstein sitzt auf der Rückbank der Limousine des ehemaligen Chefs am Institute of Advanced Studies in Princeton. Die Feier mit Lunch an der Universität hat er gerade hinter sich. Der Pressehype geht gerade erst los.

"Es ist genug, es ist genug...", bittet der Physikpionier immer wieder. Doch Reporter und Fotografen lassen ihm keine Ruhe. Sie wollen geistreiche O-Töne zur weltpolitischen Lage und das perfekte Geburtstagsfoto. Albert Einstein verabscheut den Medienrummel um seine Person, aber eingeklemmt zwischen Frank Aydelotte und dessen Ehefrau Marie kann er ihm nicht entkommen. Mit seiner Geduld am Ende und für ernste Beschwerden zu gut gelaunt, spielt er den Fotografen schließlich jenen Streich, der für sein bekanntestes Porträt - eines der bekanntesten Bilder überhaupt - sorgen sollte: Albert Einstein, Wissenschaftler, Freigeist und Querkopf streckt den Reportern die Zunge heraus.

Einsteins Lieblingsfoto

Der verblüffte Arthur Sasse drückt geistesgegenwärtig auf den Auslöser seiner Speed Graphic, einer schweren Laufbodenkamera mit Planfilmkassetten. Es blitzt, und das "Zungenbild" ist im Kasten. Es wird - allerdings nicht sofort - um die Welt gehen.

Nicht etwa Fotograf Arthur Sasse sorgt dafür, das Motiv zum Markenzeichen Einsteins zu machen - zu einer auf Postern und T-Shirts, Grußkarten, Tassen und Puzzles millionenfach reproduzierten Pop-Kultur-Ikone späterer Generationen.Das erledigt kein Geringerer als Albert Einstein selbst. Dem gefällt das Bild nämlich ausgezeichnet. Der eigenwillige Wissenschaftler lässt sich Abzüge kommen, schneidet sein Portrait aus der ursprünglich querformatigen Aufnahme heraus und lässt diesen Auschnitt vervielfältigen, um ihn als Grußkarte an Freunde, Kollegen und Bekannte zu verschicken. Seiner Sekretärin und Geliebten Johanna Fantova erklärt er: "Die ausgestreckte Zunge gibt meine politischen Anschauungen wieder."

Das Universum und die Dummheit Einstein feiert seinen 72. Geburtstag in der McCarthy-Ära, der Zeit der antikommunistischen Hexenjagd, angetrieben von Senator John McCarthy. Vor allem Politiker, Intellektuelle und Künstler werden Opfer der sogenannten "Red Scare" (roten Panik) - werden bespitzelt, beschuldigt und in Schauprozessen angeklagt, "unamerikanisch" zu sein. Einstein findet die politische Massenpanik in den Auftaktwirren des Kalten Krieges vor allem eines: dumm.

"Die Herrschaft der Dummen ist unüberwindlich, weil es so viele sind und ihre Stimmen genauso zählen wie unsere", so sein Standpunkt. Sein Ausspruch "Zwei Dinge sind unendlich: Das Universum und die menschliche Dummheit. Aber beim Universum bin ich mir noch nicht ganz sicher" ist fast so berühmt wie das Zungenbild. Dieser, in seinen Augen nicht enden wollenden Dummheit, setzt der ursprünglich aus Deutschland stammende Freigeist pure Genialität entgegen - und eben seine Zunge.

Von Philipp Gülland
 
 
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