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24. Mai 2009, 09:00 Uhr

Wer zu früh kommt, den bestraft die Liebe

Für viele Männer ist es ein ernsthaftes Problem: Vorzeitiger Samenerguss nimmt ihnen und ihren Partnerinnen den Spaß am Sex. Eine Pille soll nun helfen. Von Horst Güntheroth

Samenerguss, Praecox

Carsten Dieme und seine Freundin können Sex jetzt länger genießen. Entscheidend war für den Leipziger das offene Gespräch über seine Nöte© Michael Trippel

Erschreckendes spielt sich offenbar in den Betten ab: Da gibt es Quickies massenhaft - und völlig unfreiwillig. Die Ursache heißt Mann. Oft nämlich ist der so aufgeregt, dass er sich im Nu wieder abregt. "Zwischen 15 und 25 Prozent der Männer leiden unter vorzeitigem Samenerguss", sagt Professor Hartmut Porst, Urologe in Hamburg, "das haben internationale Studien gezeigt. Noch vor den Potenzstörungen ist es die häufigste männliche Sexualstörung weltweit." Auch einen Namen dafür haben die Mediziner: "Ejaculatio praecox". Ein Heer frustrierter Paare könne ein Lied davon singen, und viele Beziehungen hielten das auf Dauer nicht aus.

Nun soll ein neues Medikament Schluss machen mit der Ruckzuck-Nummer. Zumindest versprechen das die Wegbereiter des Mittels - und die Pharmaindustrie wittert das große Geschäft. Wie lange ein für beide Partner erfüllender Koitus dauern sollte, ist individuell verschieden und nicht mit der Stoppuhr zu erfassen. Das macht jede Definition von "Ejaculatio praecox" schwierig, doch klar ist: Es gibt Männer, die Lust und Lüsternheit allzu schnell übermannen. Vor allem Anfängern passiert es. Nicht selten sogar ist der Spaß schon vor dem Akt zu Ende. Die meisten lernen mit wachsender sexueller Erfahrung, ihren Orgasmus zu kontrollieren und hinauszuzögern. Doch eben nicht alle. Dann wird jede erotische Begegnung zur Zitterpartie.

"Es war schrecklich", erzählt Carsten Dieme. Der 33-jährige Architekt und Wirtschaftsingenieur- Student aus Leipzig hatte mit 20 seine erste Freundin - und den ersten Sex. "Nach Sekunden war alles vorbei. Nicht nur beim ersten Mal - selbst nach zwei Jahren noch. Sie frustrierte das auf Dauer, und sicher war das einer der Gründe für unsere Trennung."

Keine Hilfe beim Hausarzt oder im Internet

Er suchte Hilfe beim Hausarzt und einem Urologen - vergebens. Auch in Büchern und später im Internet fand er kaum Verwertbares. So kam er auf die Idee, eine Homepage mit einem Forum zu installieren (www.vorzeitige-ejakulation.de). "Ich habe laienhaft alle möglichen Infos draufgepackt und versucht, von den Erfahrungen anderer zu profitieren." Inzwischen haben sich dort Tausende eingefunden, diskutiert und sich gegenseitig mit ihren Einsichten geholfen. Dieme ist zum Experten avanciert, hat ein Buch verfasst: "Vorzeitiger Samenerguss - Hintergründe, Tipps, Auswege & Erfolgsberichte Betroffener".

Da gibt es eine ganze Reihe von Hilfen, alltägliche Krücken und von Therapeuten Empfohlenes. So versuchen es einige Betroffene beispielsweise mit Ablenkung, etwa dem Lösen schwieriger Rechenaufgaben im Kopf, während der Unterkörper Profaneres tut. Auch mit manchen Kondomen, Sprays oder Salben lässt sich die Gefühlsintensität reduzieren. Erfolg versprechen auch spezielle Techniken, etwa die Stopp-und-Start-Methode, eine Art wiederkehrender Koitus Interruptus.

Seit einiger Zeit verschreiben Mediziner Männern, die in großen Nöten sind, sogar Pillen - Antidepressiva. Denn bei den selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmern (SSRI) stellte sich als Nebenwirkung heraus, dass männliche Betroffene, wenn sie Sex haben, ihren Samen erst mit großer Verzögerung ergießen. Offenbar - so die Schlussfolgerung - ist beim Orgasmusrausch im Hirn des Mannes Serotonin als wichtiger Neurotransmitter beteiligt.

Neue Wunderpille

Also preist nun die Industrie ihre neue Wunderpille an, ein Abfallprodukt der Depressionstherapie. Dapoxetin heißt das vom US-Pharmakonzern Johnson & Johnson vertriebene kurzzeitig wirkende Mittel, das hierzulande vor wenigen Tagen zugelassen wurde und ab Juni gegen Rezept in der Apotheke unter dem Namen Priligy zu kaufen sein wird. Eine Studie zeigte, dass die Pille bei Patienten mit "intravaginalen Ejakulationszeiten" von weniger als einer Minute die Phase im Durchschnitt auf gestoppte 2,8 bis 3,3 Minuten steigerte. Je nachdem, ob das Mittel in einer 30- oder 60-Milligramm-Dosierung kurz vor dem Verkehr geschluckt wurde. Allerdings mit beträchtlichen Nebenwirkungen: 20 Prozent klagten bei der hohen Dosis über Übelkeit, knapp 7 Prozent über Durchfall und gut 6 Prozent über Schwindelanfälle. Immerhin hatten auch die, die lediglich ein Placebo bekamen, Erfolg zu vermelden: Sie hielten 1,7 Minuten durch.

Für Porst, Berater von Johnson & Johnson, steht fest: "Dapoxetin ist der entscheidende Durchbruch im Management der vorzeitigen Ejakulation. Für einen Betroffenen der Aufstieg von der Kreisklasse in die Bundesliga." Der Hersteller verspricht sich gute Geschäfte von der silbernen Pille, die es im Sechserpack für 68,10 Euro (30 Milligramm) oder 83,69 Euro (60 Milligramm) geben wird.

"Eine ganze Reihe von Männern wird aber mit den Pillen allein nicht klarkommen", sagt Uwe Hartmann, Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Sexualmedizin und Sexualtherapie sowie Professor für Klinische Psychologie an der Medizinischen Hochschule Hannover. "Doch für den, der unter einem hohen chronischen Leidensdruck steht, ist oftmals eine Kombination aus Medikament und Sexualtherapie sinnvoll."

Nur als Notlösung

Skeptisch sind allerdings viele Besucher in Diemes Forum - auch der Betreiber selbst. "Man sollte erst zum Medikament greifen, wenn wirklich nichts anderes wirkt", sagt der Leipziger. "Der Traum von einem Supermittel, das alle Probleme vom Tisch fegt, verrät oft den Wunsch, keine Eigeninitiative entfalten, keine Mühen auf sich nehmen zu müssen." Vor allem fördere die Pille nicht, dass Paare endlich über ihre individuellen sexuellen Bedürfnisse sprechen. Genau das nämlich war für Dieme entscheidend. Als er sich seiner neuen Freundin gleich von Anfang an anvertraute, ließen Nervosität, Verkrampfung und Minderwertigkeitsgefühle nach, Verständnis und Hilfsbereitschaft wuchsen. Ein Teufelskreis aus Erwartung und Angst war durchbrochen. "Heute kriege ich es im Bett prima und genussvoll geregelt", berichtet er. Und seine Freundin, Studentin der Medizin, sagt verständnisvoll: "Es ist doch auch gar nicht nötig, beim Sex einen Leistungssportler zu haben, das Wichtigste ist sowieso das ganze Drumherum. Fantasie und Kreativität, darum geht's vor allem."

Von Horst Güntheroth
 
 
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