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Sex oder nie: "Ich komme zu früh"

Für Männer ist ein wiederholter frühzeitiger Samenerguss kränkend und quälend, für ihre Partnerinnen frustrierend. Der Sexualtherapeut Ulrich Clement kennt Auswege.

Von Ulrich Clement

"Es tut mir ja auch leid" Herrn L. ist es unangenehm, dass er "wieder zu früh gekommen" ist. Seinen frühzeitigen Samenerguss empfindet er als peinlich. Frau L. sagt nichts, aber er weiß, was sie denkt. Ihre Enttäuschung beschämt ihn. Es macht ihm etwas aus, dass er seine Frau nicht befriedigen kann. So ziehen sich beide wortlos zurück, jeder hängt still seiner Frustration nach. Bis sie schließlich einschlafen.

Die frühzeitige Ejakulation gehört zu den unterschätzten sexuellen Problemen. Gegenüber der Erektionsstörung wirkt sie fast harmlos. Zu Unrecht - fast jeder Dritte leidet darunter.

Der Spaß ist vorbei, ehe er richtig begonnen hat

Für die betroffenen Männer ist sie kränkend, quälend und demütigend. Und für ihre Partnerinnen frustrierend. Sie kommen gerade in Schwung, schon ist der Spaß vorbei, ehe es richtig einer war. Und wohin mit der Frustration? Er kann ja schließlich nichts dafür. Sie kann ihm keinen Vorwurf machen. Erst recht nicht, wenn er selbst schon leidet und sich entschuldigend zurückzieht.

Die Sexualtherapie nutzt neben Paargesprächen die sogenannte Stop-and- Start-Technik. Der Mann oder seine Partnerin stimuliert das Glied mit der Hand bis kurz vor dem "point of no return". Dann wartet er, bis die Erregung zurückgeht. Durch dieses systematische Spiel mit der sexuellen Erregung kann der Mann eine gewisse Gelassenheit mit dem Verlauf seiner Erregung gewinnen. Diese Technik allein reicht allerdings meist nicht aus. Erst wenn die Versagensangst und die damit verbundene Scham therapeutisch adäquat behandelt werden, gibt es eine Chance auf Besserung.

Neben psychischen Ursachen untersuchen Wissenschaftler zunehmend auch neurobiologische Wirkmechanismen. Entsprechend steht neben der psychotherapeutischen Behandlung eine Reihe von Medikamenten als Kandidaten bereit. Die können allerdings erhebliche Nebenwirkungen mit sich bringen. So können bestimmte Antidepressiva zwar zunächst zu einer Verlängerung der Ejakulationszeit führen, bei dauerhafter Anwendung riskiert man aber sexuelle Lustlosigkeit, Erektionsstörungen und Übelkeit. Ob das den Preis wert ist?

Neues Programm für den sexuellen Ablauf

Anders als bei den Erektionsstörungen kennt die pharmakologische Behandlung noch keine Standardbehandlung. Solange es sie nicht gibt, ist auch Kreativität gefragt. Ein schönes Beispiel dafür beschreibt der amerikanische Sexualtherapeut Ian Kerner in seinem Buch "She comes first"* Er berichtet, wie er selbst lange an einem frühzeitigen Samenerguss litt und schier endlose vergebliche Versuche machte, die Ejakulation hinauszuzögern. Schließlich gab er es auf, seine Schwäche zu kompensieren und entwickelte eine alternative Kompetenz. Er wurde zu einem Experten für Oralverkehr, für den Cunnilingus. Mit hingebungsvoller Liebe zum Detail stellt er vor, welche Zone des weiblichen Genitales wie reizbar ist. Und damit nicht genug. Dieser Autor wirbt mit dem Buchtitel gleich für ein neues Programm des sexuellen Ablaufs: Beide Partner hätten doch mehr vom Sex, wenn sie sich zunächst - ohne Geschlechtsverkehr - um die Befriedigung der Frau kümmerten. Mit Mund, Hand oder anderen Hilfsmitteln. Das nimmt dem Mann den Leistungsdruck. Erst sie, dann er. Und wenn er dann frühzeitig kommt - na und?

Kerners Buch ist ein beeindruckendes Beispiel, wie jemand aus einer Not eine Tugend macht. Das erfordert allerdings, dass man dem Schamgefühl nicht das Feld überlässt. Die Partnerinnen von Männern mit einer frühzeitigen Ejakulation erleben meist nicht in erster Linie das Symptom als störend, sondern die ausschließliche Beschäftigung des Partners mit seinem blamierten männlichen Stolz und dem damit verbundenen selbstbezogenen Rückzug. So auch Frau L. Ich erzähle dem Paar von Kerners Buch. "Das wär doch was", antwortet Frau L. spontan. Herrn L. ist diese Perspektive nicht gleich ganz geheuer. Später erfahre ich, dass beide wieder stärker sexuell aktiv geworden sind. Das sexuelle Symptom hat sich zwar nur wenig gebessert. "Aber wir brauchen Sie erst mal nicht mehr."