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Dolomitenfels leuchtet in weißer Winterlandschaft

Ganz hinten in Südtirol liegt das Dolomitendorf Sexten. Es ist ein Paradies für Wintersportler – und hat dem Tourismus ein Stück Paradies zum Opfer gebracht. Über den Widerstreit von schlechtem Gewissen und Glücksgefühlen.

Von Oliver Creutz

  Das Wahrzeichen von Sexten: die Drei Zinnen mit ihren berühmten Nordwänden

Das Wahrzeichen von Sexten: die Drei Zinnen mit ihren berühmten Nordwänden

Der Ort Sexten hat 28 Millionen Euro dafür bezahlt, um mir einen Kindheitstraum zu verwirklichen. Der Traum ging so: einmal die Drei Zinnen sehen. Damals, Ende der 70er Jahre, als ich in Sexten das Skifahren lernte, war überall die Rede von diesen sagenhaften Bergen, diesen Dolomit-Zähnen, dieser zu Felsen gewordenen Himmelfahrt. Einmal bin ich mit meinem Großvater durch den Schnee ganz ans Ende des Tals gelaufen in der Erwartung, dass ich dort um die Ecke schielen könnte, um wenigstens einen Zipfel von ihnen zu erhaschen. Keine Chance.

Sexten wirbt mit den Zinnen so wie die Stadt Köln mit dem Dom, doch für Besucher, die keine anstrengenden Bergtouren unternehmen wollen, blieben sie bislang nur auf Postkarten und Ölgemälden in Hotellobbys sichtbar.

Das hat sich nun geändert. Sexten hat nämlich neue Gondeln in seine Bergwelt bauen lassen, für ebenjene 28 Millionen Euro, und wenn man ihnen oben entsteigt, so blickt man auf ein Felsenmeer, und da, genau in der Mitte, da ragen sie empor, die Zinnen, endlich.

Bergzacken wie Flammen

Nach Sexten im äußersten östlichen Zipfel des Pustertals, das hier bereits Hochpustertal heißt, braucht man von der Brennerautobahn, Ausfahrt Brixen, rund 70 Minuten. Der Weg lohnt sich: Sexten und sein Ortsteil Moos liegen zu Füßen einer Bergkette, welche die Sonnenuhr genannt wird. Sie wirkt, als habe der liebe Gott bei der Schöpfung an dieser Stelle seine expressionistische Phase gehabt: endlose Zacken, die wie Flammen nach oben schießen.

Die Gegend ist weit draußen, aber längst kein Geheimtipp mehr; die Touristen kommen sommers wie winters, aber sie kommen aus verschiedenen Gründen (Wirtschaftskrise in Italien!) winters nicht mehr so zahlreich wie früher. Und so beschlossen die Mächtigen des Orts, einen Plan wiederzubeleben, der in etwa so alt ist wie mein Traum von den Zinnen: Sie wollten die beiden Skiberge, den Helm und die Rotwand, miteinander verbinden, um einen Skizirkus mit etwa 90 Kilometern Piste zu erschaffen.

Hütte im Schnee

Die Drei-Zinnen-Hütte vom Club Alpino Italiano liegt in einer Höhe von 2405 Metern


Diese Verbindung sollte über neue Seilbahnen entstehen, die wiederum in einer bis dahin unberührten Bergflanke gebaut werden müssten. Es entwickelte sich ein heftiges Ringen von Gondel-Wollern und Gondel-Ablehnern, von Geschäftsleuten und Umweltschützern, das die Woller dadurch beendeten, dass sie die Bergflanke roden ließen. Mehr oder weniger über Nacht. Man balgte sich danach noch eine Weile vor Gericht, bis entschieden war: Die Gondeln kommen.

Stahlpfeiler statt Nadelbäume

Seit 2014 fahren sie nun, und als ich sie zum ersten Mal betrete, mischt sich in mir die sachte Empörung über die Zerstörung der Umwelt mit der Vorfreude des Skifahrers auf eine neue Piste. Als ich oben ankomme und die Drei Zinnen sehe, hat die Verzückung bereits über die Vernunft gesiegt. Skifahren ist kein Sport für Moralisten. Der Geschäftsplan ist aufgegangen: Im ersten Winter mit neuen Gondeln sind mehr Besucher als sonst nach Sexten gereist. Man hört es an den Dialogen in den Liften; das Bergdorf hat sich selbst zum Gespräch gemacht. Mittlerweile, so heißt es, seien auch viele der Gondel-Ablehner besänftigt. Ihre Stimme ist zumindest nicht mehr zu vernehmen.

Gewonnen hat das Skigebiet nun zwei neue Abfahrten sowie einen Ausblick auf die Dolomiten-Weite. Der Preis: Da, wo dicht an dicht Nadelbäume wuchsen, stehen nun Stahlpfeiler und Batterien von Schneekanonen, die zum Dauereinsatz kommen, wenn der Winter sich anfühlt wie der Frühling, so wie in den ersten Wochen der aktuellen Skisaison.

Auf klackernden Schneeschuhen

Als ich die „Drei Zinnen“, so heißt die Piste mit Weitblick, hinabfahre, wird die anfängliche Euphorie noch verstärkt: Der zackige Südhang erfordert skifahrerisches Können. Das muss in Sexten sonst nur selten abgerufen werden, am intensivsten auf der schwarzen Piste der Rotwand, die an einer Stelle so steil ist, dass man sich vorkommt wie im freien Fall. Die „Drei Zinnen“ bietet außerdem eine Abzweigung zur entlegenen Klammbachalm, die früher nur umständlich zu erreichen war. Tags drauf will ich die Zinnen noch näher erleben, ganz ohne Strommasten. Dafür muss man das Fischleintal so weit durchwandern, bis man rechts abbiegt in ein weiteres Tal, das Altensteintal.

Der Weg ist – je nach Schneeverhältnissen – nicht schwierig, aber anspruchsvoll. Man steigt in vielen kleinen Kurven hinauf, Schritt für Schritt auf klackernden Schneeschuhen, zwischen gewaltigen Wänden. Am Himmel das Rufen der Bergdohlen, die ihre Kreise ziehen. Nach einiger Zeit ist es, als werde links eine Bergflanke zur Seite geschoben wie ein Theatervorhang. Die Zinnen erscheinen, drei starre, stolze Riesen, die von einer Loge aus den Lauf der Zeiten verfolgen. An diesem Tage erblicken sie kurz einen Mann, der sich für ein paar Minuten wie im Paradies seiner Kindheit fühlen darf. Mein Glücksschrei wird vom Fels verschluckt. 

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