Ratgeber Eigenheim

Schöner wohnen im Plusenergiehaus

Umweltfreundliches Wohnen bedeutet Umstellung - aber nicht Verzicht. Im Gegenteil: Plusenergiehäuser ermöglichen eine neue Art zu wohnen. Ein Besuch in Mecklenburg. Von Mareike Rehberg

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Solarzellen auf dem Dach und ein erwärmtes Erdreich: das Plusenergiehaus kann mehr als andere Eigenheime©

Wenn Kalle Burmester am Morgen aus der Dusche gestiegen ist, seinen Kaffee getrunken hat und startklar ist für einen Tag im Home Office, führt ihn sein Weg zunächst in den Abstellraum. Hier arbeitet das Herzstück seines Plusenergiehauses: die Technikzelle. Der 51-Jährige vergewissert sich, ob noch genug warmes Wasser im Tank ist, wie viel Strom die Solarmodule auf dem Dach schon produziert haben und ob die überschüssige Hitze ins Erdreich transportiert wird. Außerdem misst er morgens und abends in jedem Raum die Zimmertemperatur.

Seit einem Jahr wohnen Burmester und seine Frau Corinna Hesse bereits in ihrem 150-Quadratmeterparadies aus Douglasienholz, Gipsfaserplatten, Zellstoff und Lehm im mecklenburgischen Tüschow. Aber die Technikkontrolle und das Listenführen können sie noch nicht lassen. "Das gibt sich sicher irgendwann", glaubt Burmester, aber im Vergleich zu einem "normalen Haus" müsse man seinen Energieverbrauch und den einwandfreien Zustand der Apparaturen eben besser im Blick haben.

Bis zum Sommer vergangenen Jahres lebten der Radiomacher und die 43-jährige Hörbuchverlegerin zur Miete in einem Einfamilienhaus in der Nähe von Hamburg. Doch feuchte Wände, Schimmel und der ewige Wechsel zwischen Heizen und Lüften machte ihnen zu schaffen. Weil beide von zu Hause aus arbeiten, jeder in seinem eigenen Büro, hielten sie es in ihrem alten Haus kaum noch aus. Raus in die Natur hätten sie gewollt, mitten ins Grün, erzählt Hesse und nippt an ihrem Bio-Apfelsaft. Ihr neues Heim sollte nur ökologisch unbedenkliche Materialien enthalten. Und wenn schon umweltfreundlich, dann doch bitte auch gleich mit einer Energieversorgung zum Nulltarif.

Ein weiterentwickeltes Passivhaus

Schimmel ist jetzt kein Problem mehr. Kalle Burmester läuft in verwaschenen Jeans und auf nackten Sohlen über den Holzfußboden und schwärmt vom "extrem angenehmen Raumklima". Ihr neues Haus ist vom Prinzip her eine Weiterentwicklung des Passivhauses: Es ist gut gedämmt und benötigt deshalb keine klassische Heizung. Wenn die dreifach verglasten Fenster geschlossen sind, findet praktisch kein Luftaustausch mit der Außenwelt statt. Für den nötigen Sauerstoff sorgt ein Lüftungssystem, in allen Räumen herrscht eine gleichbleibende Temperatur von etwa 20 Grad. Im Garten ragen "Ernie und Bert" aus der Erde - so nennt das Ehepaar die beiden grünen Ab- und Zuluftrohre.

Zum Plusenergiehaus wird das Eigenheim durch eine Photovoltaik-Anlage (PV-Anlage) auf dem Dach, die mehr Strom produziert, als die Eheleute verbrauchen. Ihren Bedarf an Warmwasser decken sie über eine Solarthermie-Anlage. Die überschüssige Wärme wird im Sommer ins Erdreich und die Betonsohle gepumpt und heizt das Haus im Winter von unten. Ist es doch einmal zu kalt, kann zur Not auch mit einem Holzkaminofen geheizt werden.

Dass ihr Haus besonders ist, fällt sofort auf: Die gesamte Fläche des langgezogenen Pultdaches ist von Solarmodulen bedeckt, außerdem steht das Gebäude nicht wie die Nachbarhäuser parallel zur Straße ausgerichtet, sondern mitten auf dem Grundstück. Für eine optimale Ausnutzung der Sonnenstrahlung ist das Dach exakt zur Südseite hin ausgerichtet, der Neigungswinkel wurde genau berechnet. Die ungewöhnliche Form des Hauses hat Kalle Burmester selbst erdacht - die Baufirma, die sonst nur ihre eigenen Haustypen errichtet, hat sich so weit wie möglich an seinen Wünschen orientiert.

Häuslebauer brauchen Durchhaltevermögen

Um sich seinen Traum vom energieeffizienten Öko-Haus zu erfüllen, hat das Ehepaar allerdings einige Hürden überwinden müssen. Es hat lange Zeit gedauert, bis sie ein passendes Grundstück gefunden hatten, denn obwohl der Bau energieoptimierter Häuser von der Politik gewünscht wird, legen die Gemeinden Häuslebauern immer noch Steine in den Weg. Viele Dörfer haben einen individuellen Bebauungsplan, dessen Vorschriften über Firsthöhe, Hausgröße, -gestaltung und -ausrichtung sich selten mit den Anforderungen an ein Plusenergiehaus in Einklang bringen lassen. Tüschow, das winzige Straßendorf am Flüsschen Schaale mit 33 Einwohnern, hat keinen solchen strikten Bebauungsplan.

Auch unter den Anwohnern, die den Neubau zunächst argwöhnisch beäugten, haben die beiden Aufklärungsarbeit leisten müssen. Allerdings: "Wenn man ihnen erklärt, dass man aus sachlichen Gründen so baut, und nicht weil man überkandidelt ist und ein schräges Haus haben will, dann sind die meisten fasziniert", erzählt Corinna Hesse.

Unabhängig von Öl- und Strompreisen

Dass sie sich statt eines einfachen Wohnungswechsels für den mitunter nervenaufreibenden Hausbau entschieden haben, bereuen sie nicht. Kalle Burmester ist begeistert vom Geruch des Holzes, seine Frau davon, dass die Spiegel nach dem Duschen nicht beschlagen sind, weil der Lehmputz die Feuchtigkeit aufsaugt. Etwa 270.000 Euro hat sich das Paar seinen Traum vom neuen Wohnen kosten lassen. Die Mehrkosten gegenüber einem normalen Haus, die sich laut Baufirma auf etwa fünf bis zehn Prozent belaufen, nimmt Burmester gern in Kauf - zumal sie sich in wenigen Jahren durch die wegfallenden Heizkosten rentiert haben und er bis ins hohe Alter hier wohnen will. Bezuschusst wurde der Bauherr von der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW), die zinsgünstige Kredite für energieeffizientes Bauen vergibt.

Burmester und seine Frau haben auch die finanziellen Vorteile im Blick. Knapp 29 Cent bekommen sie für jede Kilowattstunde Strom, die sie ins Netz einspeisen - gut 3000 Euro haben sie so in den letzten zwölf Monaten erwirtschaftet. Bereits im ersten Jahr, dessen Sonnenausbeute im Vergleich zu vergangenen Jahren eher mager ausfiel, haben die beiden nur rund ein Fünftel ihres Solarstroms selbst verbraucht. Die Vergütung, die sie für ihren Solarstrom erhalten, ist auf 20 Jahre garantiert. "Das ist für mich ein Teil meiner Rente", sagt Burmester.

Von Mareike Rehberg
 
 
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