Der Gasmarkt in Deutschland war lange Zeit von festen Strukturen und regionalen Monopolen geprägt. Verbraucher hatten kaum eine Wahl und mussten die Preise ihres örtlichen Versorgers akzeptieren. Erst mit der Liberalisierung des Energiemarktes, die in Deutschland ab dem Ende der 1990er-Jahre schrittweise umgesetzt wurde, änderte sich dieses System grundlegend. Seitdem dürfen Verbraucher ihren Gasanbieter frei wählen, Netze und Vertrieb wurden voneinander getrennt und Wettbewerb wurde gesetzlich verankert.
Heute können Verbraucher laut der Bundesnetzagentur zwischen 108 Gasanbietern wählen und in vielen Regionen stehen zusätzlich mehrere Tarifoptionen zur Auswahl. Dennoch befinden sich weiterhin rund 16 Prozent der Haushalte in der teuren Grundversorgung – oft aus Unwissenheit oder Unsicherheit über den Wechselprozess. Dabei ist ein Anbieterwechsel inzwischen technisch innerhalb von 24 Stunden möglich und rechtlich so abgesichert, dass es zu keiner Versorgungslücke kommen kann. Die Liberalisierung hat damit nicht nur den Wettbewerb gestärkt, sondern Verbrauchern erstmals echte Wahlfreiheit gegeben. Ein Potenzial, das viele noch immer nicht ausschöpfen, obwohl es sich jetzt mehr denn je lohnt.
Warum lohnt sich der Gastarifvergleich gerade jetzt?
Nach den extremen Preissprüngen infolge der Energiekrise durch den Ukrainekrieg haben sich die Beschaffungspreise zwar spürbar entspannt, doch viele Haushalte zahlen weiterhin zu viel für Gas. Besonders in der Grundversorgung und in älteren Verträgen wurden Preissenkungen oft nur verzögert oder gar nicht an die Kunden weitergegeben. Wer seinen Tarif seit zwei oder drei Jahren nicht mehr überprüft hat, zahlt deshalb häufig deutlich mehr als nötig.
Hinzukommt, dass mehrere Kostenfaktoren den Gaspreis langfristig nach oben drücken werden. Besonders der jährlich steigende CO₂-Preis fällt hier ins Gewicht. Laut einer Studie von Purpose Green könnten Mieter ab 2027 hundert Euro mehr zahlen.
Auch steigende Netzentgelte treiben den Gaspreis nach oben. Sie werden sich auf immer weniger Endkunden verteilen müssen, da immer mehr Verbraucher zu Wärmepumpen wechseln.
Gleichzeitig versuchen viele Anbieter, mit attraktiven Neukundentarifen Marktanteile zu gewinnen und kalkulieren diese bewusst günstiger als Bestandskundentarife. So bekommen Neukunden laut Verivox die Kilowattstunde bereits für 8 Cent, während der deutsche Durchschnitt laut dem Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) noch bei 12 Cent liegt.
Wer also regelmäßig in einen günstigeren Tarif wechselt, der spart nicht nur Geld, sondern kann auch den Preisanstieg kompensieren.
Wie setzen sich Gastarife zusammen?
Wer in einen neuen Gastarif wechseln möchte, sollte zunächst dessen Zusammensetzung verstehen. Denn auch wenn der Preis in Vergleichen und Statistiken in Cent pro Kilowattstunde angegeben wird, handelt es sich dabei um einen Mittelwert aus folgenden Bestandteilen:
- Arbeitspreis: Das ist der Preis, den Sie pro verbrauchte Kilowattstunde zahlen müssen. Je mehr Sie heizen und kochen, desto stärker schlägt dieser Preis zu Buche. Aktuell liegt der durchschnittliche Arbeitspreis bei etwa 8 bis 12 Cent pro kWh – abhängig von Region, Anbieter und Tarifart. Bei einem Jahresverbrauch von 20.000 kWh entspricht das allein 1600 bis 2400 Euro nur für die verbrauchte Energie.
- Grundpreis: Diese feste, monatliche oder jährliche Gebühr zahlen Sie unabhängig von Ihrem tatsächlichen Verbrauch. Sie deckt die Kosten für Zähler, Abrechnung und Netzanschluss. Der Grundpreis variiert stark zwischen den Anbietern und liegt typischerweise zwischen 60 und 180 Euro pro Jahr.
Um Ihnen einen günstigen Tarif anbieten zu können, kann der Versorger einen der beiden Preise oder gleich beide reduzieren. Jedoch hat er dafür beschränkten Spielraum. Denn nur 50 Prozent des Preises kann er durch sein unternehmerisches Handeln selbst beeinflussen. 19 Prozent sind hingegen Netzentgelte, die der Netzbetreiber für Wartung und Ausbau der Infrastruktur bekommt. Die restlichen 31 Prozent beinhalten folgende Steuern, Abgaben und Umlagen:
- CO₂-Preis: Er soll fossile Rohstoffe künstlich teurer machen und einen Anreiz geben, auf umweltfreundliche Alternativen umzuschwenken. Der CO₂-Preis ist im Brennstoffemissionshandelsgesetz festgelegt und steigt jedes Jahr.
- Gasspeicherumlage: Sie wurde 2022 in Deutschland eingeführt, um die Kosten für den Aufbau und die Befüllung der strategischen Gasspeicher abzufedern. Sie beträgt 0,289 Cent/kWh und wurde laut Bundesregierung zum 1. Januar 2026 wieder abgeschafft.
- Konzessionsabgabe: 0,03 Cent/kWh bekommen die Gemeinden dafür, dass die Versorger ihre Infrastruktur nutzen dürfen.
- Erdgassteuer: 0,55 Cent werden pauschal für jede Kilowattstunde an Steuern fällig.
- Mehrwertsteuer: Wie auf fast jedes Produkt zahlen Kunden auch für Gas eine Mehrwertsteuer von 19 Prozent.
Welche Rolle spielt der individuelle Verbrauch bei der Tarifwahl?
Wie eben erläutert, setzen sich die Gastarife aus einem Arbeitspreis und einem Grundpreis zusammen. Beide können die Anbieter unabhängig voneinander senken und heben. Am besten ist es, wenn beide niedrig sind. Das kommt in der Praxis nur nicht häufig vor.
Ob Sie nun einen Tarif mit niedrigem Arbeits- und hohem Grundpreis wählen sollten oder umgekehrt, hängt von Ihrem Verbrauchsprofil ab.
- Hoher Gasverbrauch: Verbrauchen Sie viel Gas im Jahr, da mehrere Personen bei Ihnen wohnen, die Wände schlecht gedämmt sind oder das Haus eine große Grundfläche besitzt, lohnen sich niedrige Arbeitspreise mit einer höheren Grundgebühr.
- Niedriger Verbrauch: Wohnen Sie hingegen allein auf engem Raum in einem Neubau, benötigen Sie deutlich weniger Gas. Dann ergeben Tarife mit einem niedrigen Grundpreis oft mehr Sinn.
Leider lässt sich keine genaue Grenze festlegen, ab wie viel Kilowattstunden sich welches Modell besser eignet. Daher ist es wichtig, mithilfe von Vergleichsportalen wie Verivox oder Check24 mehrere Tarife gegenüberzustellen. Dass es sich aber rechnen kann, zeigt folgendes Beispiel:
Bei 15.000 Kilowattstunden Jahresverbrauch und einem um einen Cent günstigeren Arbeitspreis sparen Sie 150 Euro. Selbst wenn der Grundpreis um 60 Euro höher ausfällt (5 Euro im Monat), sparen Sie unterm Strich immer noch 90 Euro.
Auf welche Vertragsbedingungen sollten Sie achten?
Mit einem niedrigen Preis locken die Anbieter ihre Kunden, doch er sollte nicht ihr einziges Kriterium bleiben. Gute Gastarife erkennen Sie zusätzlich an folgenden Vertragsbedingungen:
- Preisgarantie: Sie schützt Sie vor Preiserhöhungen während der Vertragslaufzeit. Jedoch sind nicht alle Preisgarantien gleich. Bei den meisten handelt es sich um eine eingeschränkte Preisgarantie, die den Arbeitspreis und Grundpreis absichert. Änderungen bei Steuern und Umlagen reicht der Anbieter weiterhin durch.
- Laufzeit und Kündigungsfrist: Zwölfmonatige Laufzeiten mit einmonatiger Kündigungsfrist bieten einen guten Kompromiss zwischen Preissicherheit und Flexibilität. Tarife mit 24 Monaten Laufzeit binden Sie lange und sollten Sie nur bei sehr niedrigen Preisen wählen.
- Boni: Viele Anbieter locken mit Neukundenboni, die nur im ersten Jahr greifen. Danach steigt der Arbeitspreis oft deutlich an. Rechnen Sie daher immer den Gesamtpreis über die gesamte Laufzeit aus. Erst wenn er für Sie niedrig genug ist, können Sie den Tarif abschließen.
- Vorauskasse und Kaution: Einige Anbieter verlangen, dass Sie Ihre Jahresrechnung im Voraus bezahlen. Darauf sollten Sie nie eingehen. Geht der Anbieter in die Insolvenz, ist Ihr Geld weg. Das Gleiche gilt für eine Kaution.
- Pakettarife: Einige Versorger bieten Paketpreise an. Dabei kaufen Sie eine festgelegte Menge Gas im Voraus zu einem festen Preis. Auch wenn die Tarife oft günstiger scheinen, sollten Sie sie meiden. Verbrauchen Sie mehr, zahlen Sie für jede zusätzliche Kilowattstunde einen meist überteuerten Nachschlagpreis. Verbrauchen Sie aufgrund eines milden Winters oder eines Umzugs weniger Gas als veranschlagt, verfallen oft die restlichen Kilowattstunden.
Ökogastarife: Was bringen sie?
Wenn Ihnen die Umwelt wichtig ist, können Sie auf Vergleichsplattformen Ihre Tarife nach Ökogas filtern. Allerdings handelt es sich dabei nicht um einen geschützten Begriff. Stattdessen benutzen Versorger oft den Begriff, wenn sie die Emissionen ihres Erdgases mit CO₂-Zertifikaten ausgleichen wollen. Alternativ verkaufen sie ausschließlich Biogas oder mischen es ihrem Erdgas bei. Biogas wird aus organischen Abfällen, Gülle oder Pflanzenresten gewonnen. Bei seiner Verbrennung wird zwar ebenfalls CO₂ freigesetzt, doch dieses wurde während des Wachstums der organischen Stoffe aus der Umwelt entnommen. Damit gilt es als CO₂-neutral.
Durch die zusätzlichen Kosten, die beim Zertifikatehandel entstehen, zahlen Sie für Ökogas in der Regel mehr als für normales Erdgas. Wenn Biogas wie bei der GASAG und der MVV nur beigemischt wird, kosten die Tarife oft nur wenige Cent pro Kilowattstunde mehr. Wer hingegen 100-prozentiges Biogas wie von Polarstern oder EWS Schönau haben möchte, der muss deutlich tiefer in die Tasche greifen. Denn sowohl Grund- als auch Arbeitspreis fallen hier teils doppelt so hoch aus.
Redaktionelles Fazit
Der richtige Gastarif ist nicht nur eine Frage eines günstigen Preises. Er ergibt sich aus dem Zusammenspiel von Verbrauchsprofil, Vertragsbedingungen und persönlichen Prioritäten.
Ein Vergleich lohnt sich daher, um den passenden Tarif für sich zu entdecken. Zumal der Zeitpunkt nicht besser sein könnte, da die Preise gerade niedrig sind, aber demnächst wieder steigen werden.