Das Patchworkleben steckt voller schöner Augenblicke und zugleich voller Herausforderungen. Davon erzählt der neue ARD-Film "Louma – Familie ist kein Kinderspiel" (Mittwoch, 25. März, um 20.15 Uhr, in der ARD oder ab Mittwoch, 18. März, in der Mediathek-streamen). Im Mittelpunkt des Dramas steht eine ungewöhnliche Patchworkfamilie, die nach dem Tod der Mutter Lou (Marie Nasemann) vor einer schweren Entscheidung steht. Lou hinterlässt vier Kinder aus zwei Ehen, die nun eigentlich getrennt werden sollen. Um das zu verhindern, raufen sich die beiden sehr unterschiedlichen Väter Mo (Timur Işık) und Tristan (Trystan Pütter) widerwillig zusammen. Gemeinsam versuchen sie, einen Weg zu finden, die Familie zusammenzuhalten. Wer Lou wirklich war, entfaltet sich dabei nach und nach in Rückblenden.
Anlässlich des Films spricht die 37-jährige Schauspielerin und zweifache Mutter Marie Nasemann darüber, wie Patchwork ihrer Meinung nach gelingen kann. Nasemann, die selbst erst vor Kurzem eine Trennung erlebt hat, verrät außerdem, was ihr bei der gemeinsamen Kindererziehung mit ihrem Ex-Partner besonders wichtig ist. Darüber hinaus richtet die gebürtige Münchnerin, die vielen noch aus der vierten Staffel von "Germany's Next Topmodel" im Jahr 2009 bekannt ist, einen persönlichen Rat an geschiedene Mütter – und macht deutlich, dass sie weit mehr ist als "nur" ein Model.
teleschau: Im neuen ARD-Film "Louma" verstirbt die Frau, die Sie spielen, bereits in den ersten Minuten. Welche Gedanken gingen Ihnen durch den Kopf, als Sie das Drehbuch lasen?
Marie Nasemann: Zuerst dachte ich: schade. Ich nahm an, die Rolle sei klein oder kurz. Aber beim Lesen habe ich dann gemerkt, dass sie doch Raum einnimmt und wichtig ist. Das ganze Drehbuch hat mir sehr gut gefallen. Besonders hat mich die Frage gepackt, wie man in der Erinnerung eines geliebten Menschen existiert? Jeder erinnert sich schließlich anders an einen Menschen, und genau das macht diese Erinnerungen so persönlich.
teleschau: Welche besonderen Herausforderungen waren für Sie mit dieser Rolle verbunden?
Nasemann: Ich musste mir zuerst überlegen, wessen Erinnerung ich eigentlich verkörpere und wie diese Person mich wahrgenommen hat. Im Nachhinein blendet man ja oft Dinge aus, beschönigt manches oder sieht nur die negativen Seiten. Genau darin lag für mich die Herausforderung: die Erinnerung eines Menschen zu spielen und einen Weg zu finden, sie so darzustellen, dass sie weder platt noch zu romantisch wirkt. Es sollte realistisch sein, denn wenn man jemanden vermisst, sind es wahrscheinlich oft gerade die kleinen, feinen Details aus dem Alltag, die einem fehlen.
teleschau: Was macht den Film besonders?
Nasemann: Als ich ihn gesehen habe, sind bei mir die Tränen gelaufen. Vielleicht liegt das auch daran, dass ich selbst Mutter bin. Ich glaube, Menschen mit Kindern wird der Film besonders berühren. Aber eigentlich gilt das für alle. Die Kinder haben einfach so gut die individuelle Trauer gespielt. Und auch das Thema finde ich unglaublich wichtig. In Deutschland gibt es so viele Trennungen mit Kindern und so viele unterschiedliche Patchworkkonstellationen. Es war längst an der Zeit, dass es einen Film gibt, in dem es um eine Patchworkfamilie und Trauer geht und der dabei trotzdem warmherzig und auch lustig ist.
"Ich bin ziemlich stolz, dass wir das gemeinsam so hinbekommen haben"
teleschau: Im vergangenen Jahr gaben Sie ihre Trennung bekannt. Wie gestaltet sich Ihr Patchworkleben derzeit?
Nasemann: Patchwork gibt es bei uns eigentlich noch nicht. Wir erziehen im Moment einfach getrennt. Im letzten Jahr haben wir uns gut eingegroovt, sind ein gutes Team. Wir machen ein 50:50-Modell. Jeder hat die Kinder die Hälfte der Zeit, und das funktioniert wirklich gut. Ich bin ziemlich stolz, dass wir das gemeinsam so hinbekommen haben.
teleschau: Was ist Ihr Geheimrezept?
Nasemann: Wir haben eine sehr offene und klare Kommunikation. Außerdem haben wir mit Unterstützung einer Trennungstherapeutin an einigen Themen gearbeitet. Neue Partner:innen werden wahrscheinlich irgendwann dazukommen. Wie das dann läuft, wird sich zeigen.
teleschau: Worin sehen Sie die häufigsten Schwierigkeiten in einem Patchworkkonstrukt?
Nasemann: Ich glaube, schwierig wird Patchwork vor allem dann, wenn eine/einer noch sehr verletzt ist oder die Trennung noch nicht wirklich verarbeitet hat. Wenn noch Vorwürfe im Raum stehen, wenn man immer noch Wut auf den anderen in sich trägt oder traurig darüber ist, dass alles vorbei ist...
teleschau: Was braucht es, damit ein Patchworkleben gut funktioniert?
Nasemann: Ich glaube, die beste Voraussetzung für Patchwork ist tatsächlich, dass beide wirklich durch die Trennung durchgegangen sind und ihren Frieden damit geschlossen haben. Das ist die beste Ausgangsposition, um selbst wieder einen neuen Partner oder eine neue Partnerin zu haben oder auch den neuen Partner/die neue Partnerin des anderen kennenzulernen. Erst wenn man wirklich abgeschlossen hat, kann man sich auf diese neue Konstellation einlassen. Am Ende hat das viel mit Loslassen zutun.
teleschau: Welchen Rat würden Sie geschiedenen Müttern mit auf den Weg geben?
Nasemann: Was ich im letzten Jahr am meisten lernen musste, war das Loslassen. Wirklich alles loszulassen. Dazu gehören auch die Vorstellungen, Fantasien und Wünsche, an die ich einmal geglaubt habe und von denen ich dachte, dass man sie gemeinsam verwirklichen kann. Ein anderes großes Thema ist Selbstregulation. Gerade wenn es in der Kommunikation Konflikte gibt oder wenn Wut auf den Ex aufkommt, ist es wichtig, zu lernen, für die eigenen Gefühle Verantwortung zu übernehmen und sich selbst zu regulieren, statt impulsiv eine Nachricht zu schreiben. Genau in solchen Momenten kann schnell etwas hochkochen – und dann wird es schwierig. Man muss Wege finden, mit dieser Wut umzugehen. Sie ist oft einfach da, wenn man gezwungen ist, mit jemandem in Kontakt zu bleiben, den man vielleicht eigentlich gar nicht mehr sehen möchte.
"Ich war schon ein bisschen skeptisch"
teleschau: Wollten Sie schon immer vor die Kamera?
Nasemann: Ich stand tatsächlich schon als Kind hin und wieder vor der Fotokamera. Eine Freundin aus meiner Klasse hatte eine Mutter, die in dem Bereich sehr aktiv war und ihre beiden Töchter immer zu Shootings begleitet hat. Das fand ich unglaublich spannend. Irgendwann spürte ich, dass ich das auch machen möchte. Nach ein paar Jahren kam allerdings die feste Zahnspange, und damit war erst einmal Schluss.
teleschau: Und wie ging es für Sie nach der Zahnspange weiter?
Nasemann: Mit 16 wurde ich dann in der Innenstadt angesprochen, ich glaube bei Kaufhof, auf der Rolltreppe. Jemand fragte mich, ob ich mir vorstellen könnte, für Shootings zu arbeiten. Er hat junge Frauen an Magazine wie "BRAVO", "Mädchen" oder "Sugar" vermittelt. Ich habe diese Magazine selbst geliebt. Deshalb war es für mich das Allergrößte, dort einmal abgebildet zu sein. So verdiente ich mir ein bisschen Taschengeld dazu.
teleschau: Gab es damals nicht einen Moment, in dem Sie skeptisch waren?
Nasemann: Oh doch, ich war schon ein bisschen skeptisch. Ich wusste, dass ich mir erst einmal anschauen muss, wie seriös das Ganze ist. Natürlich sprach ich auch mit meinen Eltern darüber. Die achteten immer sehr darauf, dass alles mit rechten Dingen zugeht. Im Nachhinein frage ich mich allerdings schon manchmal, ob das wirklich alles so seriös war (lacht). Schlechte Erfahrungen habe ich aber keine gemacht. Mein Geld bekam ich damals bar auf die Hand, was vielleicht nicht ganz legal war.
teleschau: Sie waren auch Teil der vierten Staffel von "Germany's Next Topmodel". Haben Sie noch Kontakt zu den Kandidatinnen?
Nasemann: Nicht so richtig. Letztlich lebt jeder sein eigenes Leben weiter. Der Kontakt ist deshalb etwas eingeschlafen. Aber wenn ich zum Beispiel Sara Nuru bei Veranstaltungen treffe, freuen wir uns immer sehr, uns zu sehen. Dann merke ich auch sofort, dass eine besondere Verbindung da ist, weil wir einfach so viel gemeinsam erlebt und geteilt haben.
"Alles, was ich mache, kommt aus einer Freude heraus"
teleschau: Sie sind in Gauting aufgewachsen und leben nun in Berlin. Was hat Sie in die Hauptstadt verschlagen?
Nasemann: Ich war drei Jahre an der Schauspielschule in Hamburg, da war ich Mitte 20. Nach dem Abschluss fragte ich mich, wie es jetzt weitergeht. Ich wollte schon immer nach Berlin. Hier pulsiert das Leben, hier pulsiert auch die Branche. Gerade für die Schauspielerei ist es unglaublich wichtig, vor Ort zu sein – sei es wegen der Berlinale oder um direkt Kontakte zu knüpfen.
teleschau: Was reizt Sie besonders an Berlin?
Nasemann: Diese unendlich vielen Möglichkeiten faszinieren mich. Ich habe viele Freund:innen, Künstler und Künstlerinnen, die wie ich frei arbeiten. Ich liebe mein buntes Netzwerk und die Menschen, die ich regelmäßig zusammenbringe. Das gibt mir ein starkes Gefühl von Zuhause.
teleschau: Neben Schauspielerei und Modeln sind Sie ja auch Autorin, Mutter und Content Creatorin. Wie bringen Sie das alles unter einen Hut?
Nasemann: Ich würde nicht sagen, dass ich aktuell zu viel arbeite (lacht). In den letzten Jahren ist alles viel entspannter geworden. Alles, was ich mache, kommt aus einer Freude heraus, und das ist ein riesiges Privileg. Auch bei Projekten, die politischer sind oder mit Mode zu tun haben, kommt der Antrieb ganz von allein. Ich poste zum Beispiel viel über feministische Themen auf Instagram. Diese Themen liegen mir am Herzen und sind mein Antrieb. Es gibt keinen Tag, an dem ich aufwache und denke, dass ich keine Lust zu arbeiten habe.
teleschau: Tatsächlich?
Nasemann: Auch ich verzettle mich manchmal. Manche Dinge lassen sich einfach nicht gut planen, und dann kommt alles gleichzeitig, da bin ich auch mal erschöpft. In den letzten Jahren habe ich aber einen guten Rhythmus gefunden. Ich merke, wann es zu viel wird, kann gegensteuern und andere Dinge hintenanstellen, um wieder mehr Zeit und Energie für meine Kinder zu haben.
teleschau: Was hilft Ihnen, Ihre Batterien wieder aufzuladen?
Nasemann: Auf jeden Fall Sport. Ich habe wieder angefangen, Tennisstunden zu nehmen. Außerdem gehe ich sehr gerne zu Pilates oder Yoga. Auch Zeit mit meinen Freundinnen gibt mir unglaublich viel Energie. Ich habe immer das Gefühl, dass ich mit mehr Kraft nach Hause gehe, als ich hingegangen bin. Sie sind mein Fels in der Brandung, und dafür bin ich sehr dankbar.
"Als Frau darf man eine eigene Meinung haben"
teleschau: In einem Instagram-Post schreiben Sie, dass Sie gerne aus Schubladen ausbrechen. Was genau meinen Sie damit?
Nasemann: Ich habe das Gefühl, dass Menschen in der Medienbranche in Deutschland gern in Schubladen gesteckt und etikettiert werden, damit man sie besser einordnen kann. Ich weiß nicht genau, warum, aber immer, wenn ich einmal in so einer Schublade gelandet bin, hatte ich das Bedürfnis, genau das Gegenteil zu machen und auszubrechen.
teleschau: Können Sie da Beispiele nennen?
Nasemann: Nur weil ich einmal als Model gearbeitet habe, heißt das nicht, dass ich nicht auch über gesellschaftlich relevante Themen auf einem Panel sprechen kann. Und nur weil ich eine Chart-Show moderiert habe, kann ich trotzdem ernsthafte Rollen spielen. Es macht mir auch Freude, die Leute zu überraschen und zu zeigen: Schau, das kann ich auch. Gerade als Model steckte ich natürlich in dieser einen Schublade. Man sieht nur die Schönheit und denkt, dahinter steckt nicht viel.
teleschau: Dann gab es einen Wendepunkt?
Nasemann: Als ich Mitte 20 auf der Schauspielschule war, habe ich gelernt: Als Frau darf man eine eigene Meinung haben, nein sagen, wütend sein und sich gegen Dinge auflehnen. Ich möchte ernstgenommen werden für das, was ich sage, und nicht nur für mein Aussehen.
teleschau: Da passt es ja perfekt, dass Sie an einem 8. März geboren sind, an dem Tag, an dem auch der Weltfrauentag gefeiert wird.
Nasemann: Genau. Jedes Jahr an meinem Geburtstag gehe ich auf eine Demo, obwohl es auch Besseres gäbe, was ich an meinem Geburtstag machen könnte. Gleichberechtigung ist weltweit, aber auch hier in Deutschland noch längst kein Standard. Es gibt noch so viel zu tun ...
teleschau: Wo sehen Sie die größten Probleme?
Nasemann: Beim Gender Health Gap, beim Gender Pay Gap, aber auch in puncto Care Arbeit und Mental Load, der zum größten Teil immer noch bei den Müttern liegt. In all diesen Bereichen gibt es nach wie vor große Ungerechtigkeiten zwischen den Geschlechtern. Vor ein paar Jahren hatte ich bei der Demo ein Schild dabei, auf dem stand: "Wann muss ich nicht mehr an meinem Geburtstag demonstrieren gehen?" Ich befürchte, das wird noch ein paar Jahrzehnte dauern.