Karriere Schlecht vorbereitet: Wenn Chefs im Interview die besten Kandidaten verlieren

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  • von Nina Jerzy
Zwei Männer bei einem Gespräch
Nicht nur Bewerber, auch Chefs können in einem Bewerbungsgespräch versagen
© IMAGO/Josep Suria / Imago Images
Auch Vorgesetzte müssen sich im Bewerbungsgespräch gut präsentieren. Stattdessen erlebt Maren Lehky oft gelangweilte Chefs, die die falschen Fragen stellen.

Frau Lehky, unterschätzen viele Vorgesetzte, dass auch sie sich im Vorstellungsgespräch bewerben? 
Ja, eindeutig. Es gibt immer noch viele, die glauben, dass sich der Arbeitnehmer verkaufen muss. Dabei ist es eher andersrum der Fall. 

Trotz Wirtschaftskrise? 
Ja, denn Unternehmen brauchen immer noch neun bis zwölf Monate, um bestimmte Stellen nachzubesetzen. Die Krise ist in den meisten Unternehmen bei den Bewerbungsgesprächen noch nicht angekommen. Viele Vorgesetzte haben den Zeitenwechsel nicht nachvollzogen. Da wird weiter unter dem Tisch mit dem Handy rumgedaddelt oder hektisch in Unterlagen geblättert, weil sie sich nicht vorbereitet haben. Sie verstehen nicht, was das für einen Eindruck macht und dass man sich das heute als Arbeitgeber wirklich nicht mehr leisten kann. 

Bewerber erwarten mehr?
Früher waren Bewerber toleranter oder hatten schlicht keine Wahl. Heute ist das anders, da werden auch mal die Augen verdreht. 

Wie viele Vorgesetzte gehen schlecht vorbereitet in ein Vorstellungsgespräch?
50:50 würde ich sagen. 

Also schon ein grassierendes Problem. 
Ja, deshalb ist es umso wichtiger, dass Vorgesetzte sich vorbereiten, vielleicht auch von der Personalabteilung gecoacht werden. Ihnen muss klar sein, dass sie ganz viele Fragen stellen müssen. Ich sollte den Bewerber sich um Kopf und Kragen reden lassen. Natürlich im guten Sinne. Denn nur so kann ich feststellen, ob jemand wirklich ins Team und zu den Werten des Unternehmens passt.

Zur Person

Maren Lehky war früher Personalchefin und berät seit 2002 Führungskräfte. Ihr Buch "Ich-Power: Die 7 wahren Superkräfte im Job" erscheint am 19. März 2026 im Campus Verlag.

Stattdessen schauen Chefs nur auf den Lebenslauf?
Sehr oft, ja. Dabei wird unterschätzt, dass es am Ende selten an Fachkenntnissen scheitert, sondern an der persönlichen Passung oder an der Enttäuschung, wenn sich der Bewerber etwas ganz anderes vorgestellt hat oder es mit dem Team nicht funktioniert. Es sind fast immer die Soft Facts, die in der Probezeit zur Trennung führen. 

Also kann es auch am schlechten Bewerbungsgespräch liegen, wenn die Führungskraft schnell kündigt?
Das kann gut sein. Vielleicht wurde nicht genug erklärt, wie komplex eine Position ist. Wenn es 1000 Prozesse gibt, an die ich mich halten muss, sollte ich das besser vorher wissen. Stattdessen wurde mir das Unternehmen vielleicht als agiles Start-up-Unternehmen verkauft. Umgekehrt gibt es aber Leute, die es mögen, sehr durchorganisiert zu arbeiten. Das muss ich als Vorgesetzter herausfinden. Es gibt oft kein richtig oder falsch in den Antworten, sondern nur passend oder nicht passend zu Aufgabe, Unternehmen, Team.

Ist es deshalb möglicherweise sinnvoll, einen Kollegen aus der Personalabteilung dabei zu haben? 
Auf jeden Fall. Viele Chefs hören sich sehr gerne reden und kommen am Ende zu Schluss:"Das war ein gutes Gespräch." Wir Personaler haben hingegen ganz andere Fragenkataloge und können mit einem neutralen Blick besser hinschauen.

Was für Fehler beobachten Sie noch häufig?
Insgesamt wird nicht verstanden, dass man sein Bestes geben muss. Der Raum ist vielleicht nicht aufgeräumt und nicht für den Besuch hergerichtet. Der Vorgesetzte trägt einen alten Pullover mit Knötchen. Wenn man jemanden umwirbt, muss man sich ja"hübsch" machen. Ich habe auch schon Vorgesetzte gesehen, die während des Gesprächs ganz konzentriert Männchen kritzeln und auf ihren Block schauen. 

Ernsthaft?
Manche Menschen können sich dabei tatsächlich besser konzentrieren und hören durchaus zu. Aber Menschen brauchen Resonanz. Es geht nicht, einander nicht in die Augen zu schauen. Die erste Runde kann gern virtuell passieren. Aber das zweite Gespräch muss persönlich stattfinden. Ich lese Körpersprache mit meinem Körper. Das ist wichtig für Vertrauen und Einordnen. 

Der direkte Vorgesetzte muss immer mit im Vorstellungsgespräch sein? 
Unbedingt. Ich muss als Bewerber ja wissen, wer morgen mein Gegenüber ist. Ob ich jemanden mag oder nicht, entscheidet sich blitzschnell. Viele Bewerber möchten außerdem Probearbeiten, das Team kennenlernen. Das ist ein Trend. 

Was sollte ein Vorgesetzter noch tun? 
Blickkontakt halten. Lächeln wäre auch nicht schlecht. Und offene Fragen stellen. Nicht solche, auf die man mit"Ja","Nein","Weiß nicht" antwortet. 

Was zum Beispiel? 
Spannende Fragen wären solche nach Werten, Einstellung zur Arbeit, Work-Life-Balance, familiärer Belastung, wie viel Karriere jemand machen möchte oder ob der Job nur fürs Geldverdienen da ist. Das ist ja auch in Ordnung. Außerdem stellen Bewerber selbst immer mehr Fragen. Viele Vorgesetzte sind da überrumpelt. 

Was für Fragen?
Wie lange arbeiten Sie schon hier? Warum sind Sie immer noch in dieser Firma? Was motiviert Sie, morgens aufzustehen? Wie führen Sie?

Was antworte ich da als Vorgesetzter, wenn ich nicht gerade für meinen Job brenne?
Deshalb ist es wichtig, sich seelisch auf solche Fragen einzustellen. Sie sagen natürlich nicht:"Ich bin seit sieben Jahren hier, aber hatte keinen Bock, mich woanders zu bewerben". Stattdessen könnten Sie antworten:"Es gab hier viele spannende Veränderungen und ich hänge an dem Standort, ich habe schulpflichtige Kinder." Oder Sie sagen:"Das ist eine interessante Frage, die habe ich mir noch nicht gestellt" und gewinnen so einige Sekunden Zeit zum Nachdenken. 

Eine Antwort aber nicht verweigern?
Nein. Alles, was den Anderen zurückweist, beeinträchtigt die Stimmung. Außerdem will mich der Bewerber ja kennenlernen. 

Kann ein gutes Vorstellungsgespräch auch verhindern, dass der Bewerber trotz Zusage nicht zur Arbeit erscheint?
Dass das passiert, höre ich tatsächlich häufiger von Kollegen. Ja, je stärker die Bindung aus dem Vorstellungsgespräch ist, desto geringer ist das Risiko. Deshalb würde ich am Ende des letzten Gesprächs auch immer eine Bindungsfrage stellen:"Was brauchen Sie von uns, um sich für uns zu entscheiden?" Das sorgt für Klarheit und mehr Verbindlichkeit. 

Kommt es auch vor, dass Vorgesetzte einen Job zu rosig ausmalen?
Auf jeden Fall und gar nicht mal mit böser Absicht. 

Wie ehrlich sollte ein Vorgesetzter sein, wenn die Lage gerade schwierig ist? 
Es ist nur fair, die Karten auf den Tisch zu legen. Wenn ich drei Dauerkranke im Team habe und weiß, dass es ein halbes Jahr lang eng wird, muss ich das sagen:"Der Druck wird für alle ein bisschen höher sein. Ich weiß, dass die Bedingungen für Ihre Einarbeitung nicht ideal sind. Aber Sie werden trotzdem vernünftig eingearbeitet und ich stehe immer für Fragen zur Verfügung."

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