Polizeiruf 110: Der Wanderer zieht von dannen
Die Ost-Ballade von Halle endet

  • von Eric Leimann
Die Kommissare Henry Koitzsch (Peter Kurth, links) und Michael Lehmann (Peter Schneider) ermitteln – wohl zum letzten Mal – gemeinsam in Halle. Wer sich an die erste Folge erinnern kann, weiß: Es muss noch ein Mörder gefunden werden! Selten war ein Krimi so sehr Milieu- und Lebensgefühl-Studie wie diese Ballade Deutschland-Ost.
Die Kommissare Henry Koitzsch (Peter Kurth, links) und Michael Lehmann (Peter Schneider) ermitteln – wohl zum letzten Mal – gemeinsam in Halle. Wer sich an die erste Folge erinnern kann, weiß: Es muss noch ein Mörder gefunden werden! Selten war ein Krimi so sehr Milieu- und Lebensgefühl-Studie wie diese Ballade Deutschland-Ost.
©  MDR/Felix Abraham
Im "Polizeiruf 110: Der Wanderer zieht von dannen" ermitteln Henry Koitzsch (Peter Kurth) und Michael Lehmann (Peter Schneider) – wohl zum letzten Mal – in Halle. Selten war ein Krimi so sehr Milieu- und Lebensgefühl-Studie wie diese Ballade aus Deutschland-Ost.

Wer sich an den Krimi "Polizeiruf 110: An der Saale hellem Strande" (2021) erinnern kann, weiß vielleicht noch: Der Mörder eines einsamen, alleinstehenden Mannes wurde nicht gefunden. Was noch mehr irritierte: Im Nachfolgefilm "Polizeiruf 110: Der Dicke liebt" (2024) – drei (!) Jahre später – wurde die Sache nicht mehr thematisiert und dafür ein neuer Mord an einer Grundschülerin aufgeklärt. Nun, zum Abschluss dieses weit gespannten Erzählbogens aus Halle, erinnern sich die Macher des melancholischsten aller ARD-Sonntagsabendkrimis doch noch an ihre Anfänge: Im "Polizeiruf 110: Der Wanderer zieht von dannen" mit Henry Koitzsch (Peter Kurth) und Michael Lehmann (Peter Schneider) geht es zwar anfangs um den Tod einer alten Dame in der Badewanne, der Unfall, Suizid oder Mord sein könnte. Bald weisen aber Spuren darauf hin, dass der Täter aus Fall eins seine Finger im Spiel haben könnte.

Die Kommissare Koitzsch und Lehmann glauben, einem Serientäter auf der Spur zu sein. Seine Opfer waren offenbar einsame Menschen. Doch was verbindet sie sonst noch? Während der Ermittlungen treffen Koitzsch und Lehmann wieder auf die romantisch bis bindungssüchtig veranlagte Katrin Sommer (Cordelia Wege) aus dem Debütfilm. Aber auch auf einen Hausmeister mit dem sprechenden Namen Trojanowitz (Henning Peker), der die Wohnungstür zur Toten öffnete. Weiß der Mann, der im Plattenbau mit seinem Riesen-Schlüsselbund herumschleicht, vielleicht mehr über den Tod der alten Mieterin?

Ende der Reihe gegen den Willen der Kreativen

Die drei "Polizeiruf"-Filme aus Halle sind ein Unikat der deutschen TV-Krimilandschaft. Ihre Charaktere, Motive und Drehorte wirken oft wie aus der Zeit gefallen. Manchmal wähnt man sich in einem Krimi aus den späten 70-ern oder frühen 80-ern, der in der DDR entstand, wo die "Polizeiruf"-Reihe als ostdeutsches Spiegelbild des westdeutschen "Tatort" entstand.

Auch die Macher der Filme und ihre Hauptdarsteller sind in der Region verwurzelt: Drehbuchautor Clemens Meyer, Regisseur Thomas Stuber und Schauspieler Peter Schneider kommen aus der Region. Auch Peter Kurth kennt Halle gut, der größte Teil seiner Familie lebt in der Stadt. Die Filmreihe als ostalgisch zu bezeichnen, wäre trotzdem falsch. Es werden Lebensminiaturen der Einsamen und gesellschaftlich Abgehängten gezeichnet, deren ältere Charaktere zwar gemeinsame Jugenderinnerungen an ein untergegangenes Land verbindet – der Sozialismus oder ein gar ein "cooles Ost-Feeling" werden hier aber keineswegs abgefeiert.

Obwohl die Macher, das Kreativteam Meyer & Stuber, sowie die beiden Hauptdarsteller Peter Kurth und Peter Schneider gerne weitergemacht hätten, hat der MDR wohl das Ende der Halle-Trilogie beschlossen. Dies ist absolut unverständlich, denn hier wird künstlerisch sehr hochwertig und top-atmosphärisch viel von jenem aufgearbeitet, was ältere Ostdeutsche tiefenpsychologisch umtreibt: Sie verbrachten ihre Kindheit und vielleicht auch noch die Jugend in einem Land, das es nicht mehr gibt. Der "Polizeiruf" aus Halle war eine Spurensuche nach diesen teils verschütteten Gefühlen, die berührte und auch künstlerisch sehr hochwertig gemacht war.

Im dritten Film werden sogar (erstmals) die Bedürfnisse klassischer Krimifans bedient, denn vor allem im zweiten Teil des Trilogie-Abschlusses dreht sich der Plot in Richtung klassischer Krimi- und Thriller-Strukturen. Aus eben diesem Grund dürfte der ein oder andere den dritten Halle-Film als den besten empfinden, während andere – auf hohem Niveau – kritisieren könnten, dass die finalen 45 Minuten dieser Ost-Saga die konventionellsten der Reihe sind. Als Solitär der deutschen TV-Krimikultur dürften und sollten die durchaus wichtigen Halle-Filme allemal in bester Erinnerung bleiben.

Polizeiruf 110: Der Wanderer zieht von dannen – So. 15.02. – ARD: 20.15 Uhr

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