Ein Sommer in Italien
Die WM 1990 – Als Deutschland einig und glückselig war

  • von Kai-Oliver Derks
Lothar Matthäus betritt noch einmal das Olympiastation in Rom. Vor 36 Jahren holt Deutschland dort den Titel.
Lothar Matthäus betritt noch einmal das Olympiastation in Rom. Vor 36 Jahren holt Deutschland dort den Titel.
© B|14 FILM
Die Kinodokumentation "Ein Sommer in Italien" erinnert an die WM 1990, als Andi Brehme ein ganzes Land in eine glückselige Nacht schickte. Der Film zeigt die großen Szenen der Spiele, aber er erzählt auch ganz wunderbare kleine Anekdoten.

Das deutsche Trikot mit dem markanten Zickzack-Muster in Schwarz, Rot und Gold, die beiden jubelnden Hände vor sich auf Brusthöhe, zur Faust geballt. Der Mund offen, die Augen weit aufgerissen, die blonden Haare nach hinten gestrichen. Ein Blick der puren Freude, der puren Erleichterung.

Wo noch vor einer Weile ein einfaches Holzkreuz war, an dem Schals von Bayern, Mailand und dem FCK hingen, steht heute ein Grabstein, in dessen oberer Hälfte ein dort eingelassenes Bild diesen ikonischen Jubel zeigt. Es ist ein wunderbarer Ort, auf dem Ostfriedhof in München, nicht herausgehoben, nicht glamourös. Einfach eine Ruhestätte von vielen in irgendeiner Reihe. Nur der Name: Andreas Brehme. Nur die Daten: geboren 9.11.1960, gestorben 20.2.2024. Und eben dieses Bild, das sich in die Herzen von mehreren Generationen von Fußballfans eingebrannt hat. Wo warst du am 8. Juli 1990, kurz vor zehn Uhr abends, als Andreas Brehme den Elfmeter (diesmal mit rechts) verwandelte? Wo warst du, als wir Weltmeister wurden? Wer Fußball-Fan ist und vor 1980 geboren wurde, weiß das.

"Ein Sommer in Italien" ist eine neue Dokumentation überschrieben, gedreht fürs Kino (später läuft sie bei Sky) von Vanessa Goll und Nadja Kölling. In gut anderthalb Stunden wird an diese Weltmeisterschaft erinnert, die zweifellos eine besondere war. Nicht nur, weil Deutschland den Titel gewann. Sondern eben auch, weil sie das erste Großereignis nach Öffnung der Grenzen darstellte. Deutschland war noch nicht wieder ein Land, aber schon auf einem guten Wege, wieder ein Volk zu werden. Dieses Turnier und jene 22 Spieler, die für Deutschland mit dabei waren, trugen ganz wesentlich mit dazu bei. In Zeiten von heute tut jede Erinnerung gut an das, was mal eine Einheit war. Es ist die Erinnerung an einen Abend, der pure Freude bot. Und an den Weg dahin.

"Als ich ins Stadion ging, sah ich den Weltpokal dort stehen. Ich dachte an das, was ich alles auf mich genommen hatte bis dahin. An all die Schmerzen. Und mir war klar: Ohne diesen Cup gehe ich nicht heim", erinnert sich im Film Klaus Augenthaler, mit damals 32 Jahren einer der ältesten Spieler im Kader. Und fürwahr: Nach zwei verlorenen WM-Finals 1982 und 1986 war es an der Zeit. "Deutschland ist vollkommen zu Recht Fußball-Weltmeister 1990", bilanzierte TV-Kommentator Gerd Rubenbauer korrekterweise direkt nach dem Schlusspfiff. Man war die mit Abstand beste Mannschaft des Turniers gewesen.

Wichtig zu wissen für all jene, die ins Kino gehen: Die Macherinnen und Macher dieser Dokumentation kümmern sich ausschließlich um das Turnier, um das Team, um die Atmosphäre im burgartigen Hotel am Comer See. Sie erinnern an jedes einzelne Spiel, an fast alle Tore, an beinahe jeden Spieler. Indes lässt der Film die Zeit, in der dies alles geschah, weitgehend außen vor. Wie auch die Stimmung im Land, dessen Mauern gefallen waren und dessen Menschen sich nur wenige Monate zuvor noch weinend in den Armen lagen. 1990 war vermutlich das schönste Deutschland der letzten 100 Jahre. Andreas Brehme, Lothar Matthäus, der Kaiser und alle die anderen hatten ihren Anteil daran.

Die Spuckattacke von Frank Rijkaard

Der Fan hat viele Bilder von damals gesehen in all den Jahrzehnten seither, darunter auch einige, die diese neue Dokumentation zeigt. Irgendwann wurden zum Beispiel die Szenen, die Torwarttrainer Sepp Maier drehte, öffentlich. Doch eine ganze Reihe von Aufnahmen aus diesem Film sind wirklich neu fürs Fan-Auge. Nicht wenige im wackeligen Stile eines Hobby-Urlaubers gedreht. Unscharf, mit miesem oder gar keinem Ton. Aber das macht nichts. Der unkommentierte Film enthält darüber hinaus auch bislang unveröffentlichte Bänder von Sepp Maier, Szenen aus dem FIFA-Archiv und private Bilder der Mannschaft. Unter anderem hatte Torwart Bodo Illgner seine Kamera dabei. Fleißig filmte er die Bleibe am Comer See und seine 21 Mitspieler. Irgendwann aber habe er die Kamera zur Seite gelegt und sie ein bisschen vergessen, sagt er. Nicht alles musste als Film festgehalten werden. Es war eine andere Zeit. Und es waren andere Menschen.

So geht die Dokumentation chronologisch durch die Wochen des Turniers, zeigt die Vorrunde ebenso wie das legendäre Achtelfinale gegen die Niederlande. Danach dann die Tschechoslowakei, England und schließlich das Finale gegen Maradonas Argentinien. Fast alle aus dem 22 Mann umfassenden Kader kommen zu Wort, im Interview von damals und mit einem bunt bejackten Reinhold Beckmann natürlich auch Franz Beckenbauer (er starb Anfang 2024). All die legendären Geschichten werden erzählt: Der Trainer, der nach dem knappen 1:0-Sieg im Viertelfinale vor Wut schrie und einen Kübel mit Eis durch die Kabine trat. Rudi Völler berichtet in seiner gelassenen Art von der Spuckattacke von Frank Rijkaard und den roten Karten. Kalle Riedle erinnert sich an das Elfmeterschießen gegen England, Guido Buchwald an Maradona. Und alle fühlen noch den Moment, als Andreas Brehme kurz vor Schluss den Ball ins linke untere Eck jagte.

"Die Mannschaft hatte Charakter – und darauf bin ich stolz"

Es sind die vielen kleinen Geschichten, die diesen Film so charmant und kurzweilig machen. Wer wusste schon, dass sich Paul Steiner und andere Spieler vier verkehrstaugliche Mopeds von vor dem Hotel campenden Fans liehen, um mal einen Ausflug nach Como zu machen. Ohne Helm natürlich. Wer wusste, dass der Kaiser beinahe das Baby von Klaus Augenthaler fallen ließ und dass Lothar Matthäus "wie ein Henker" Auto fuhr (Zitat Raimond Aumann). Dass Uwe Bein permanent telefonierte, Litti der DJ war und Matthäus der einzige Spieler war, der hinauf durfte ins offene Turmzimmer von Beckenbauer, von wo aus der Kaiser genau sehen konnte, wann sich Klinsmann wieder mal im Käfer Cabrio davonstahl.

Wahre Fluten dieser Anekdötchen werden berichtet, mal in Einzelinterviews vor imposanten Kulissen, mal vor Ort am Comer See, wo Icke Häßler mit Pierre Littbarski einen Bootsausflug macht und Andi Möller mit Kalle Riedle ein Gläschen trinkt. "Jetzt sind wir alte Männer", kokettiert Riedle, wohl wissend, dass er am jüngsten von allen aussieht.

"Ich habe andere Weltmeisterschaften gespielt", erinnert sich Lothar Matthäus am Schluss, und womöglich seien die deutschen Mannschaften dabei sogar bessere gewesen. "Aber die 1990er-Mannschaft hatte Charakter – und darauf bin ich stolz", sagt er und hat zum zweiten Mal Tränen in den Augen in diesem Film, der natürlich mit dem Finale und den bekannten Bildern des einsam schreitenden Kaisers endet. Fast endet, muss man sagen. Denn zum Schluss betritt Lothar Matthäus, der beste und wichtigste Spieler des Teams von damals, wieder den Rasen von Rom. Ganz allein schaut er zurück auf den Moment vor 36 Jahren. Auf den Abend, an dem Andreas Brehme nach seinem Jubel in einer Spielertraube versank und mit ihm ein ganzes Land in Glückseligkeit.

Ein Sommer in Italiebn, im Kino ab: 19.03.2026

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