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Editorial: Das gefühlte Lebensrisiko steigt

Liebe stern-Leser! Im balinesischen Kuta, der kleinen Hauptstadt der Ausgelassenen und Unbekümmerten

Liebe stern-Leser!

Im balinesischen Kuta, der kleinen Hauptstadt der Ausgelassenen und Unbekümmerten, verwandeln Attentäter die Fröhlichkeit in Trauer und Entsetzen. Unser gefühltes Lebensrisiko steigt. Hilflos sind wir, weil wir offenbar jederzeit und überall zu Opfern religiös motivierten Terrors werden können. Dies ist das Ziel der verblendeten Verbrecher: die Sicherheit der demokratischen Lebensform zu erschüttern. Destabilisierung der westlichen und toleranter muslimischer Gesellschaften. Islamisten verstehen die Nebengeräusche der westlichen Selbstbestimmung – Tanzen, Alkohol, ungehemmten Sex – als Angriff auf ihre Religion und versündigen sich in unbändigem Hass gegen die Gebote ihres eigenen Glaubens. Wie lange muss die Menschheit warten, bis sich überall in der islamischen Welt die Erkenntnis durchsetzt, dass auch die Religion Mohammeds für soziale Ordnung und Frieden steht. US-Präsident Bush wird sich durch die Anschläge auf Bali bestätigt sehen. Aber die weltweite und lokale Bekämpfung des Terrors darf nicht durch Provokationen des Westens unterlaufen werden, zum Beispiel durch einen Krieg gegen den Irak. Wer die Welt nur in Gut und Böse aufteilt, beweist nichts anderes als seine Unlust, Ursachen zu erkennen und Lösungen zu finden.

Ein Blick zurück in die Geschichte, als Deutschland mit Italien und Japan die Achse des Bösen bildete. Wie sah das Böse in Menschengestalt damals aus? Diese Frage führte stern-Reporter Mario R. Dederichs, der sich sonst mit den Konflikten von heute beschäftigt, zurück in die deutsche Vergangenheit und zu Reinhard Heydrich, der die schlimmsten Rassenwahn- und Völkermordideen Hitlers verwirklichte. Eine 30 Jahre alte Biografie von Shlomo Aronson, die 1936 endet, brachte Dederichs auf die Spur. Er recherchierte an Heydrichs Lebensstationen in Halle, Berlin und auf der Insel Fehmarn, durchforschte SS-Dokumente im Berliner Bundesarchiv, Nazi-Hinterlassenschaften im Münchner Institut für Zeitgeschichte und Gestapo-Akten im Düsseldorfer Staatsarchiv. Er entdeckte erschütternde Zeugnisse über den Holocaust aus Archiven in Moskau, Riga, Kiew und Warschau – die meisten im Holocaust-Museum sowie im Nationalarchiv in Washington. Und er begegnete einigen der wenigen noch lebenden Augenzeugen, so dem Prager Arzt Dr. Alois Honek, der nach dem Attentat auf Heydrich bei dessen Operation assistierte. Keine Hilfe zur Aufklärung des noch wenig erforschten Lebens von Reinhard Tristan Eugen Heydrich erhielt Dederichs von dessen Kindern und Enkeln: Ihnen fällt es immer noch schwer, im Chef der Gestapo die Inkarnation des Bösen zu erkennen. Lesen Sie den Auftakt zu unserer vierteiligen Serie ab Seite 78 der Printausgabe.

Herzlichst Ihr

Andreas Petzold