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Editorial: Erfolgreiche Steuerfahnder aus dem Amt gemobbt

Liebe stern-Leser!

Justitia, die römische Göttin der Gerechtigkeit, wird meist mit verbundenen Augen dargestellt, weil sie ohne Ansehen der Person urteilt. Diese Blindheit kann aber zum Problem werden, wenn es um den Terminkalender geht. Vergangene Woche wurde bekannt, dass ein Amtsrichter den Durchsuchungsbefehl gegen den früheren Post- Chef Klaus Zumwinkel zunächst auf seinem Schreibtisch liegen ließ und dann einen Tag zu spät unterschrieb, wodurch Straftaten vor 2002 womöglich verjährt sind. Das ist deswegen so pikant, weil ebenfalls in der vergangenen Woche der Bundesgerichtshof eine schärfere Bestrafung von Steuersündern angekündigt hat. Beträgt die hinterzogene Summe mehr als eine Million Euro, muss der Verurteilte in der Regel ins Gefängnis. Bei Zumwinkel liegt die Summe durch die Justizpanne ganz knapp darunter: bei 996.000 Euro statt bei 1,18 Millionen. Während die Bochumer Justiz beteuert, es liege keine Absicht vor, sondern nur eine unterschiedliche Auffassung von Fristen, scheint es andernorts Methode zu sein, Steuersünder aus den besseren Kreisen nicht allzu hart anzufassen. stern-Reporterin Frauke Hunfeld beschreibt am Beispiel von Frankfurt, wie erfolgreiche Steuerfahnder kurzerhand für verrückt erklärt wurden. Jetzt hoffen sie auf späte Gerechtigkeit (Seite 30).

Seit frühester Kindheit ist stern-Reporter Joachim Rienhardt in den Alpen unterwegs. Privat und auch für verschiedene Berichte hat er das größte Gebirgsmassiv Europas mehrfach über- und durchquert: zu Fuß, mit dem Fahrrad, auf Tourenskiern. Jetzt ging er der Frage nach, wie es um die Zukunft der Alpen bestellt ist, die durch zunehmenden Verkehr, Landflucht und Klimawandel bedroht sind. Er sprach mit Almbauern, Touristikmanagern, Bergführern und Professoren wie dem renommierten Alpenforscher Werner Bätzing. "Jeder spürt drastische Veränderungen. Doch meist fehlt das Bewusstsein dafür, wie der gesamte Lebensraum Alpen unter dem Einfluss der globalisierten Wirtschaft seine Identität verliert und dass man sich auch dagegen wehren kann", sagt Rienhardt. Genau daran arbeiten die Experten der Internationalen Alpenschutzkommission Cipra, mit deren Hilfe der stern-Reporter auf zukunftsweisende Projekte gestoßen ist, die auch Anlass zu Hoffnung geben. Die große Fotoreportage über den "Alptraum" Alpen beginnt auf Seite 58.

Forschung zum Thema Depression hat stern-Redakteurin Astrid Viciano stets mit besonderem Interesse verfolgt - über Jahre hinweg musste sie in ihrem eigenen Freundeskreis erleben, wie krankhafte Schwermut Menschen in den Abgrund ziehen kann. Lange behandelten Ärzte nahezu alle Fälle gleich: mit Antidepressiva, die zum Teil erhebliche Nebenwirkungen mit sich bringen. In jüngerer Zeit jedoch mehren sich die Zweifel an der Wirksamkeit der Psychopillen. Gleichzeitig finden Wissenschaftler immer bessere Belege für die Kraft der Psychotherapie. Astrid Viciano, selbst studierte Medizinerin, arbeitete sich durch die Fachliteratur. Gemeinsam mit der Fotografin Antonina Gern besuchte sie Menschen, die ihre ganz persönlichen Erfahrungen mit Therapeuten schilderten. "Es ist ermutigend zu sehen, wie weit einige von ihnen auch ohne Medikamente gekommen sind", sagt Viciano. Ihre Titelgeschichte über neue Wege aus der Depression beginnt auf Seite 116.

Herzlichst Ihr
Thomas Osterkorn

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