Noch vor etwa zehn Jahren war Pony Hübner (Kim Riedle) eine der meistfotografierten Frauen Deutschlands. Ihr Mann Stephan (Hans Löw) vermarktete das "It-Girl" über seine Magazine und andere kluge Medien-Allianzen. Dann kam die Zeit der Influencer und sozialen Medien, die Pony als Star hinter sich ließen. Das It-Girl zog sich ins Privatleben zurück. Während einer Stuttgarter Regennacht wird ihr SUV mitsamt den beiden schlafenden kleinen Kinder gestohlen, als sich Pony am Kiosk Zigaretten kaufen will. Später wird der Wagen im "Tatort: Ex-It" im Neckar gefunden. Die Tochter im Babyalter – noch angeschnallt im Kindersitz – ist ertrunken, der etwas ältere Sohn spurlos verschwunden. Thorsten Lannert (Richy Müller) und Sebastian Bootz (Felix Klare) ermitteln inmitten der toxischen Beziehung eines Ehepaares, das nicht in der Lage dazu ist, um die tote Tochter zu trauern. Könnte es sein, dass der Sohn von den Autodieben entführt wurde? In der Villa der Hübners wartet man auf eine Lösegeldforderung.
Auch Ponys Schwester Pat (Anne Haug) und deren Vertraute erzählt den Ermittlern, wie schlecht es um die Ehe der Hübners bestellt ist. Die beiden Frauen stehen sich nahe. In der Unfallnacht kam Pony gerade von Pat, die mit ihrem Lebensgefährten Echse (David Zimmerschied) in eher einfachen Verhältnissen lebt. Im Gegensatz dazu bewohnen Pony und Stephan eine extravagant eingerichtete Villa mit Pool in den Hügeln über Stuttgart. Doch schon lange vor dem Tod des einen Kindes und dem Verschwinden des anderen kamen dort keine Freunde mehr vorbei. Stephan erniedrigt Pony verbal, während seine Ex-Liebe ihrem verlorenen Promi-Status und damit ihrem Lebensinhalt nachtrauert.
In einer Szene fragt Pony Kommissar Lannert: "Wenn Sie sich sehen wollen, was machen Sie dann?" – "Dann schaue ich in den Spiegel", antwortet der Ermittler gewohnt lakonisch. "Aber was, wenn Sie reingucken, und da sind Sie nicht?", hakt Pony nach und fügt an: "Wenn ich mich sehen will, guck ich nicht in den Spiegel, sondern die Magazine. Wenn ich da reinschaue, und ich bin nicht da, denke ich ..." – "Sie gibt es nicht mehr", ergänzt Lannert den Satz des ehemaligen It-Girls.
Ein Krimi über die Psychologie des Bedeutungsverlustes
Drehbuchautor Wolfgang Stauch, der kurioserweise auch den Kölner Opern-"Tatort: Die Schöpfung" vom vergangenen Sonntag schrieb, ist bekannt als kluger Analyst komplexer menschlicher Beziehungen. In diesen spiegeln sich gerne mal ungewöhnliche Abgründe: Stauchs "Tatort: Vier Jahre", ebenfalls aus Köln, erzählte 2022 aus dem Leben dreier Schauspielfreunde. Auch da ging es um das Gift des Erfolges respektive sein lebenslanges Ausbleiben. Stark besetzt ist sein neuerliches Sezieren der Psychologie eines prominenten Menschen (Regie: Friederike Jehn) allemal: Kaum jemand spielt brüchige Frauencharaktere um die 40 derzeit so intensiv und facettenreich wie Kim Riedle ("Liebeskind"). Und natürlich gehört auch Hans Löw ("Im Rausch") zu den besten deutschen Charakterdarstellern seiner Altersklasse.
Die deprimierende Geschichte des Stuttgarter Falles bezieht ihre subtile Spannung aus zwei Quellen: Zum einen ist da die rätselhafte Geschichte mit Ponys geklautem SUV – war es wirklich ein Autodieb, der zwei Kinder übersah? Oder eine geplante Kindesentführung? Haben die Eheleute selbst etwas mit den Vorfällen jener Nacht zu tun, die so tragisch endete?
Das andere Spannungselement ist psychologischer Natur. Die Kommissare verhören die Eltern getrennt und lassen sich teils divergierende, teils sich ergänzende Geschichten über die immer brüchiger gewordene Anatomie ihrer Ehe erzählen. "Er ist mein Victor Frankenstein", sagt Pony an einer Stelle über ihren Mann, der sie quasi erschaffen hat. Die Bedeutung eines Menschen jenseits seiner öffentlichen Inszenierung ist das Thema dieses Krimis über die Psychologie des Bedeutungsverlustes und was er mit einem Liebespaar macht. Man sieht zwei zurückgebliebenen, einsamen Menschen in einer Villa zu, Menschen, die früher mal alles richtig gemacht zu haben schienen. So kann man sich täuschen! "Ex-It" ist ein trauriger und intensiver "Tatort" mit vielen klugen Gedanken – und sehr starkem Schauspiel.
Tatort: Ex-It – So. 18.01. – ARD: 20.15 Uhr