Im Alter von 94 Jahren gestorben
Film-Neuerer und "Wegelagerer" des Privatfernsehens: Zum Tode Alexander Kluges

Alexander Kluge gilt als der Begründer des Neuen Deutschen Filmes der 60er- und 70er-Jahre. Jetzt starb er im Alter von 94 Jahren.
Alexander Kluge gilt als der Begründer des Neuen Deutschen Filmes der 60er- und 70er-Jahre. Jetzt starb er im Alter von 94 Jahren.
© WDR
Der RTL-Chef schimpfte ihn einst einen "Wegelagerer", er selbst verglich sein ästhetisches Programm mit einer Baustelle: Jetzt ist Alexander Kluge, Denker, Mahner und Pionier des Neuen Deutschen Films, mit 94 Jahren gestorben. Ein Nachruf.

"Abschied von gestern" hieß sein erster Spielfilm, gedreht mit den maßgeblich von ihm selbst durchgesetzten neuen Förderungsmodellen. Alexander Kluges Schwester Alexandra spielte darin eine Jüdin, die aus Leipzig kam, ganz in der Nähe vom Kluge-Geburtsort Halberstadt, und die im Westen Fuß fassen wollte.

Das Ergebnis: ein einziges Ausgenutzt-Werden, teils ganz dinglich, teils nur in Gesprächen, von heillos konservativen schrecklichen Richtern, von Universitätsassesoren, Regierungsdirektoren. Alexandra sieht, guckt und staunt mit den großen Kluge-Augen, den klugen Augen, die auch ihr Bruder hat. Ein dialektischer Film aus Fragen und Antworten, die gar keine Antworten sind, sondern auch wieder Fragen – glücklicherweise.

Das war 1966. Der Film wurde, was keinem anderen deutschen Film seit langem widerfahren war, zu den Filmfestspielen nach Venedig eingeladen, so wie spätere Kluge-Filme, die dann Preise bekamen – Silberne und Goldene Löwen.

Mit dem "Oberhausener Manifest" begrub man "Opas Kino"

Jung und interessiert wirkte Alexander Kluge bis ins hohe Lebensalter herein. Vielleicht trifft einen seine Todesmeldung deshalb verblüffend unvorbereitet. Im Alter von 94 Jahren starb der Filmemacher, Autor, Produzent, bildende Künstler und Jurist in seiner langjährigen Wahlheimat München. Das teilte am Donnerstag der Suhrkamp Verlag in Berlin mit.

Bis zuletzt machte der 1932 im Harz zur Welt gekommene Intellektuelle Filme und schrieb Essays. Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine nahm er eine kontroverse Haltung ein. Kluge war Erstunterzeichner des in der Zeitschrift "Emma" veröffentlichten Briefs an Bundeskanzler Olaf Scholz. Er sorgte sich vor einem möglichen dritten Weltkrieg.

Kantig und eigen waren Alexander Kluges Positionen schon immer gewesen – etwa damals bei den Oberhausener Kurzfilmtagen 1962, als man "Opas Kino" begrub, mit dem sogenannten "Oberhausener Manifest". Kluge, gelernter Rechtsanwalt und Dr. jur., war ein Glücksfall für das, was man den Neuen Deutschen Film nannte. Filmförderungsinstitute, aber auch die Gründung neuer deutscher Flimakademien und Hochschulen – zuerst die Filmabteilung an der Hochschule für Gestaltung in Ulm – sind sein Verdienst.

RTL-Chef Thoma schimpfte Alexander Kluge einen "Wegelagerer"

Später, viel später, als das private Fernsehen Mitte der 80er-Jahre nach Deutschland kam, wurde Kluge ein Medienmensch, der bei kommerziellen Sendern wie RTL und SAT.1 für sogenannte "Kulturfenster" sorgte. Es war die umstrittenste Abteilung des multimedialen Wunders Kluge. Gut gehütete Geheimnisse umzogen seine Produktionsfirma DCTP (Development Company for Television Programs) mit Sitz und Messingschild in Düsseldorf.

Zunächst hatte er in Nordrhein-Westfalen (1985) mit 143 Anbietern aus der deutschen Theater-, Film- und Verlagsszene die "Arbeitsgemeinschaft Kabel und Satellit" gegründet, schloss sich dann aber sehr schnell mit der japanischen Werbeagentur "dentsu" und dem Hamburger Spiegel-Verlag zu dem Joint-venture-Unternehmen DCTP zusammen. Bei RTL und SAT.1, später auch bei VOX, klinkten sich Kluge und sein DCTP-"Kiosk" über den Weg des "Drittsendelizenz" ein. Der damalige RTL-Chef Helmut Thoma zürnte ob des "Wegelagerers", der sich in seinem Nachtprogramm rechtssicher festgebissen hatte.

Kluge selbst gab an, sein Motiv sei es, "das Fernsehen offenzuhalten für das, was außerhalb des Fernsehens stattfindet". Sein Lieblingsinstrument war das Gespräch, der immerwährende Dialog, dem er immer neue überraschende und erhellende Wendungen gab: sei es zur Person, zur Oper, zur Geschichte, was des Auch-Historikers Lieblingsthema war.

Denken als Baustelle: "vorläufig" und "unaufgeräumt"

Wenn Kluge an irgendeiner zugigen Ecke, am Rande von Pressekonferenzen, bei Filmfestivals oder Preisverleihungen seine Mikrofone aufbaute und die Kamera surren ließ, fast unbemerkt von den Vorübergehenden, wirkte er wirklich wie ein intellektueller Wegelagerer, was spätestens dann zum Ehrentitel wird, wenn man hinterher am Bildschirm die fertigen Produkte sieht. Zeitgenossen und historische Menschen in völlig überraschender Sicht. Dazwischen verrückte Inserts oder reißende Himmel, die – besonders bei Kriegsbetrachtungen – wie Menetekel wirken. Kluges Magazine waren in ihrer Machart, scheinbar frei und ungebunden, allen anderen Kulturmagazinen des Fernsehens überlegen, auch wenn sie inzwischen vielfach abgekupfert worden sind.

Kluge kam 1958 als Assistent von Fritz Lang zum Film. Aber wichtiger war für ihn doch Adorno und dessen kritische Dialektik. "Kairos-Film" hieß bezeichnenderweise die von ihm 1963 gegründete Produktionsfirma. Spontaneität, der rasche Zugriff und die verblüffende Assoziation durchzogen sein ganzes filmisches und literarisches Werk, das sich stets gegenseitig befruchtete. Sein ästhetisches Programm verglich er mit dem einer Baustelle, nannte es "vorläufig" und "unaufgeräumt". Es gehe um die Wahrnehmung der Wirklichkeit, die sich verändern kann, nicht um für immer hochgezogene Wände.

"Abschied von gestern" – einer der größten Deutschen Filme aller Zeiten

Manchmal trieb er es mit den verschiedenen Assoziationspartikeln aus Lebensläufen, Opernzitaten, Märchenbüchern, Stummfilmen zu weit. Manche behaupteten, sein Film "Der Angriff der Gegenwart auf die übrige Zeit" beispielsweise sei 1985 ein Angriff auf die Zeit des Zuschauers gewesen in seiner strukturlosen Beliebigkeit. Aber Kluge hat viele der wichtigsten neuen deutschen Filme geschaffen. Alleine zunächst, wie "Abschied von gestern" (1966) und "Die Artisten unter der Zirkuskuppel: ratlos" (1968), dann mit anderen – mit Edgar Reitz "In Gefahr und größter Not bringt der Mittelweg den Tod" (1974) oder im Kollektiv "Deutschland im Herbst" (1978) und "Der Kandidat" (1980, über Franz Josef Strauß).

Zwischen den Filmen immer wieder Literatur, Romane, Erzählungen, Essays. Auch für Kluges literarisches Werk gab es viele große Preise. Die Stimme eines Soldatenknies in seinem Film "Die Patriotin" von 1978 wurde berühmt. Es ist die Stimme des Knies eines in Stalingrad Gefallen. Und es ist die Stimme, mit der Alexander Kluge spricht: "Ich möchte einiges richtigstellen und durcheile die Welt ..." Da redete er, Kluge, das Knie, und durcheilte die Welt. Ein Knie zwischen Literatur und Film, Politik und Medien, Politik und Film. "Wenn nichts anderes übrig ist als das Ich, das Knie, dann muss ich reden, reden,reden."

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