VG-Wort Pixel

"100.000 Jahre Sex" Toll trieben es die alten Römer

Schon 25.000 v. Chr. haben sich die Menschen für schöne Rundungen interessiert: die berühmte Venus von Willendorf
Schon 25.000 v. Chr. haben sich die Menschen für schöne Rundungen interessiert: die berühmte Venus von Willendorf
© Ulrich Perrey/DPA
Wie war es eigentlich vor der medialen Dauerberieselung in Fernsehen und Werbung um die Sexualität bestellt? Eine Ausstellung im Hamburger Helms Museum beschäftigt sich mit "100.000 Jahren Sex".
Von Carsten Heidböhmer

Heute ist vieles besser: Zumindest wenn es um Sexualität geht, würden die meisten Menschen diesem Satz sicher zustimmen. Zu fest ist im allgemeinen Bewusstsein die Prüderie der Prä-68er-Ära verankert. Ganz zu schweigen vom Viktorianischen Zeitalter oder dem dunklen Mittelalter.

Doch die Geschichte der Sexualität lässt sich keinesfalls als eine stete Entwicklung hin zu mehr Freizügigkeit verstehen - vieles spricht sogar dafür, dass es sich genau umgekehrt verhält. Im Hamburger Helms-Museum kann man diese Geschichte bis zum 16. Januar 2005 anschaulich nachvollziehen: "100.000 Jahre Sex".

Funde aus der Steinzeit

Anhand von 260 Exponaten aus den verschiedensten Epochen zeigt die Ausstellung, dass die Menschen in längst vergangenen Perioden viel ungekünstelter und ungehemmter mit der körperlichen Lust umgingen. Zu den ältesten Figuren zählt die prallbusige Venus von Willendorf, die auf 25.000 v. Chr. datiert. Steinzeitliche Funde veranschaulichen, wie offen die Menschen damals Symbole von Geschlechtlichkeit und Fruchtbarkeit verwendeten.

Gerade in der Antike legten die Menschen ein sehr unverkrampftes und natürliches Verhältnis zu Fleischlichkeit zutage. Sexuelle Handlungen dienten keineswegs ausschließlich der Fortpflanzung. Ziel war vielmehr Lustgewinn und Vergnügen. Vasen und Teller zeigen erotische Szenen und Paare in eindeutigen Positionen. Wandgemälde aus dem untergegangenen Pompeji belegen, dass die Römer den Griechen in punkto Freizügigkeit ins nichts nachstanden.

Die Lüge vom "reinen" Altertum

Derartige Fundstücke waren schon lange bekannt, doch hielt man sie im 18. Jahrhundert peinlich unter Verschluss, stimmten sie doch überhaupt nicht mit dem hehren Ideal zusammen, das man in dieser Epoche von der klassischen Antike pflegte. Der Archäologe Johann Joachim Winckelmann brachte dies damals mit seinem berühmten Diktum von der "edlen Einfalt und stillen Größe" auf den Punkt. Sexorgien passten dazu überhaupt nicht, und so wurde von den Altertum-begeisterten Gelehrten bewusst ein falsches Bild verbreitet. Es ist ein Verdienst dieser Ausstellung, dies alles noch einmal neu aufzurollen und ins rechte Licht zu setzen.

Die Zeit der ungehemmten Körperlichkeit neigte sich in der Spätantike langsam dem Ende zu. Die Ausstellung begründet dies mit dem Christentum, das sich in Europa verbreitete. Diese These hat einiges für sich: Die neue Religion brachte neue Moralvorstellungen mit sich, die von den Menschen eine stärkere körperliche Zurückhaltung und Disziplinierung forderte. Sex sollte nur in der Ehe stattfinden, und auch das nicht an jedem Tag. Und wenn, dann nur mit dem Ziel der Fortpflanzung. Die Ausstellung zieht zum Beleg das Bußbuch des Burchard von Worms aus dem Jahr 1000 heran, das Priestern Anweisungen gibt, welche Art der Buße sie für sexuelle Handlungen aussprechen sollen.

Dennoch überzeugt es nicht restlos, diesen Wandel einseitig mit der Verbreitung des Christentums zu erklären. Der Soziologe Norbert Elias hat bereits in den 1930er Jahren mit seiner bahnbrechenden Arbeit "Über den Prozeß der Zivilisation" nahe gelegt, dass es in der europäischen Geschichte eine lange Entwicklung gibt hin zu fortlaufender Trieb- und Affektkontrolle. Allerdings nicht das Christentum hierfür verantwortlich. Vielmehr veränderte sich der Komplexitätsgrad in den Gesellschaften. Durch den zunehmenden Handel kamen Menschen immer öfter mit Bewohnern anderer Dörfer und Länder in Kontakt und mussten einen Weg finden, miteinander umzugehen.

Sex nur noch im Schlafzimmer

Dies erforderte eine stärkere Disziplin. Jeder war angehalten, seine Triebe und Affekte zu kontrollieren. Die Gewalt monopolisierte der Staat, Sexualität verlagerte sich ins heimische Schlafzimmer. Wenngleich das Christentum diese Prozesse durchaus gefördert hat, ist es nicht deren Urheber.

Nach Elias' Lesart ist es auch verständlich, dass es trotz aller Freiheiten, die die "sexuellen Revolution" mit sich gebracht hat, nicht zu ungehemmter öffentlicher Sexualität gekommen ist. Eher im Gegenteil: Die sexuellen Reize, die in Werbung und Medien, aber auch durch knappere Bekleidung verbreitet werden, fordern den Menschen eine noch stärkere Selbstbeherrschung ab.

Sexy Studentinnen

Wie lebensunfähig ein Mensch ist, der seine Triebe nicht im Griff hat, lässt sich auf tragisch-komische Weise in Oskar Roehlers Kinofilm "Agnes und seine Brüder" anschauen: Der Bibliothekar Hans-Jörg bekommt vor lauter aufreizend bekleideten Studentinnen im Lesesaal seine Arbeit nicht geregelt. Wer solcherart Verhalten an den Tag legt, ist für die heutige Berufswelt nicht geschaffen und wird gnadenlos aussortiert.

Diese Komplexitäten darzustellen, würde den Rahmen dieser Ausstellung zweifellos sprengen, und so taten die die Macher der Schau gut daran, den Rundgang mit 3-D-Aktfotos von 1880 enden zu lassen. Wer sich für aktuelleres Anschauungsmaterial interessiert, sollte sich einfach Werbespots anschauen oder einen diskreten Blick auf Seite eins der "Bild"-Zeitung werfen.

Die Ausstellung:

"100.000 Jahre Sex"
Helms-Museum, Museumsplatz 2, 21073 Hamburg
Dauer: 15. Oktober 2004 bis 16. Januar 2005
Öffnungszeiten: Di bis So 10-17 Uhr
Eintritt: Erwachsene 6 Euro, ermäßigt 3 Euro


Mehr zum Thema