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Sex-Buch "Bonk": Von Trieben und Selbstversuchen

Mary Roach gilt als lustigste Wissenschaftsjournalistin der Welt. In einem neuen Buch beschreibt sie Leistungen und Abgründe der Sexualforschung - und schildert lehrreiche Selbstversuche.

Frau Roach, Bücher über Sex gibt es viele. Aber in nur wenigen wird beschrieben, wie man einen Penis häutet oder Säue zwecks gesteigerter Ferkelproduktion zum Orgasmus massiert. "Bonk" heißt auf Deutsch schlicht "Vögeln". Was inspirierte Sie zu dem Werk?

Ich stieß zufällig auf Masters' und Johnsons Klassiker "Die sexuelle Reaktion" von 1966 und war verblüfft über die Detailgenauigkeit ihrer Untersuchungen. Da ließen sich Leute beim Sex beobachten, allein oder zu zweit, und gewissenhaft notierten die Forscher jede Schleimhautverfärbung, jedes Muskelzucken. Zuweilen haben sie sogar eine Penis-Kamera eingeführt, um wirklich schamhaargenau zu beschreiben, was vor sich geht. Wie machen die das, hab ich mich gefragt. Stehen die daneben? Und warum machen die das? Wissen wir nicht schon alles, was wir wissen müssen, über Sex? Ich finde diese Wissenschaft hoch kurios.

Spätestens seit Kinsey - der Feldforschung in den Betten seiner Mitarbeiter betrieb - gelten Vertreter dieser Disziplin selbst als kurios.

Kinsey ist mein Held! Ich halte ihn für ebenso bedeutend wie Einstein. Er hat sich als Erster ernsthaft mit Sexualität beschäftigt und seinen Zeitgenossen die Angst vor ihren Trieben genommen. Man kann ihn gar nicht genug dafür loben - kaum etwas macht uns Menschen schließlich so glücklich wie befriedigender Sex, und kaum etwas hat so viele Ehen zerstört wie schlechter. Dennoch ist es mit der Sex-Forschung wie mit dem Sex, die meisten Leute wollen nicht drüber reden. Eine der Wissenschaftlerinnen in meinem Buch pflegt auf die Frage nach ihrem Beruf zu antworten: "Ich stimuliere mittels unterschiedlicher Reize das vegetative Nervensystem, um seine Reaktion in verschiedenen Zusammenhängen zu testen." Sprich, sie schaut Leuten beim Vögeln zu. Aber sie will nicht als sexbesessen gelten und keine blöden Kommentare hören.

Gelten Sie jetzt als sexbesessen?

Nein, eher als Therapeutin. Was ich ja gar nicht bin, aber weil ich so selbstverständlich von Orgasmen, Peniswurzeln und Smegma schreibe, fragen mich Leute auf Lesungen ernsthaft um Rat, wenn ihr Liebhaber Erektionsstörungen hat, oder ob es normal ist, wenn Frauen ejakulieren. Übrigens, als ich das erste Mal "Smegma" in einem Artikel unterbrachte, schrieb mir der zuständige Redakteur, alles schön und gut, Frau Roach, aber eines haben wir Ihnen rausgestrichen: Smegma gibt's nicht bei der "New York Times".

Sie selbst gebrauchen das entsprechende Vokabular recht flüssig.

Glauben Sie mir, ich bin genauso verklemmt wie meine Landsleute. Ich weiß noch, wie erschrocken ich war, als meine Mutter im hohen Alter von fast 80 Jahren auf meine Frage, wieso zwischen meinem Bruder und mir sechs Jahre liegen, antwortete: Weil dein Vater Erektionsstörungen hatte. So genau wollte ich das nie wissen! Nur die Japaner sind noch verschämter als wir. Als ich kürzlich dort auf Lesereise war, konnte mir kein männlicher Journalist in die Augen sehen.

Finden Sie Ihre Landsleute tatsächlich so verklemmt?

Es ist eine Generationsfrage. Unsere gesamte Kultur ist getränkt in Sex, man braucht nur das Fernsehen einzuschalten oder sich Teen- Magazine anzuschauen - "10 Tipps, wie du ihn richtig scharf machst!" Zwölfjährige Mädchen meinen heutzutage, sie müssten "gut" darin sein, einem Jungen, den sie kaum kennen, mal eben auf der Toilette einen zu blasen. Das ist unbezahlte Prostitution - unter dem Vorwand, cool zu sein; ein fürchterlicher Rückschritt für die Emanzipation. Und doch bin ich der Meinung, dass die heutige Generation generell besseren Sex hat als wir in dem Alter. Weil sie offen über alles reden, weil sie keine Hemmungen haben. Als meine Stieftochter 13 Jahre alt war, wollte sie Dinge wissen, die ich meine Mutter nie zu fragen gewagt hätte. Oralsex, sagte sie einmal beim Abendessen, ist das, wenn sie am Telefon reden? Als ich sie korrigierte, spuckte sie fast auf den Tisch, bäh, igitt, machst du das etwa auch?!

Finden Sie, dass Sex überschätzt wird?

Nein, guter Sex kann gar nicht überschätzt werden. Ich fühle mich meinem Ehemann immer am innigsten verbunden, wenn wir Sex hatten. Am nächsten Tag fühlt sich alles neu und frisch und liebevoll an.

Wie definieren Sie guten Sex?

Guter Sex ist, wenn dir gar nicht mehr bewusst ist, was du tust, wenn alles ganz von selbst geht. Du denkst nicht darüber nach, soll ich meine Hand jetzt mal hierhin tun, soll ich mal das probieren, sondern du bewegst dich, als hätte jemand deine Gedanken und Gefühle übernommen. Wenn du ganz bei der Sache bist. Schlechter Sex ist, wenn man abgelenkt ist. Ich kenne viele Frauen, die nie einen Orgasmus haben, weil ihnen ständig Gedanken im Kopf herumfahren wie: Sehe ich jetzt gerade fett aus?

Fördert oder verhindert Nähe guten Sex?

Ich bin der festen Meinung, dass man besseren Sex mit jemandem erlebt, den man gut kennt. Natürlich ist es aufregend, wenn man mit jemandem das erste Mal zusammen ist. Aber wenn man jemanden wirklich intim kennt, wenn man ihm vertraut, dann kann man sich fallen lassen. In meinem Buch kommen Paare zu Wort, die vollkommen aufeinander eingespielt sind. Sie wissen genau, was der andere fühlt, und sie denken nicht nur, och, wenn ich hier fünf Minuten rummache, wird er schon kommen - nein, es törnt sie an, wenn sie ihre Partner erregen.

Waren die Recherchen zu "Bonk" hilfreich für Ihr Eheleben?

Oh ja, mein Mann Ed und ich haben in diesen zwei Jahren intensiv über Sex geredet: Ich erzählte von meinen Reisen zu Schweinebesamern in Dänemark oder zu dem Penisverlängerer in Taiwan, und wenn ich diese Studien über Orgasmen und Hormone las, fragte ich ihn immer nach seinen Erfahrungen. Wir haben Dinge besprochen, die uns früher peinlich waren. Anfangs kam unser Liebesleben ein bisschen durcheinander. Ich ertappte mich dabei - mittendrin sozusagen -, über Masters und Johnson nachzudenken: Moment mal, rötet sich jetzt gerade meine Brust? Welche Erregungsphase habe ich wohl erreicht? Schwellen meine Ohrläppchen? Das führte, Sie ahnen es, zu schlechtem Sex.

Haben Sie durch Ihr Buch denn tatsächlich etwas gelernt?

Also, das mit den Ohrläppchen war mir persönlich neu. Auch war mir nicht bewusst, wie ähnlich sich Klitoris und Penis sind, bis hin zu Schwellkörpern und nächtlichen Ejakulationen. Generell war ich überrascht, was Menschen alles tun, um sich sexuell zu stimulieren. Was allein Männer sich alles in die Harnröhre einführen, von Weihnachtsbaumzweigen bis zu Rattenschwänzen ... Sehr aufschlussreich dazu war die Studie über "Die Rolle des Staubsaugers bei autoerotischen Unfällen mit Todesfolge". Und es gibt immer noch so viele Fragen, auf die kein Mensch eine Antwort weiß. Wie zum Beispiel, ob ein Orgasmus bei der Fruchtbarkeit hilft. Im Tierreich gibt es Belege dafür, dass dem so ist, aber bei uns?

Sie selbst haben an einer Erregbarkeitsstudie teilgenommen.

Das war in Texas in einem Labor zur Erforschung des weiblichen Sexualverhaltens. Dort hat man mir eine Art Tampon überreicht, eine gewehrkugelförmige Sonde, die meine Reaktion auf Pornofilme aufzeichnete. Entsprechend präpariert, schaute ich mir also dieses Video an, in dem ein Mann mit sehr viel Haargel von einer sonnenstudioverbrannten Blondine verführt wird. Nie im Leben konnte ich mir vorstellen, dass irgendetwas, was diese beiden miteinander anstellten, mich körperlich bewegen könnte. Aber die Wissenschaft wusste es besser.

Ihnen hat der Film also gefallen?

Nun, die Studie offenbarte, dass Frauen - laut dieser Vaginalsonde - sofort genital erregt reagieren, wenn sie Filme sehen, in denen sich jemand, egal wer, sexuell betätigt - Mann, Frau, schwul, hetero, gut frisiert oder schlecht. Männer neigen entgegen dem Klischee zu Reaktionen auf spezifische Reize, das heißt, sie reagieren nur auf Bilder, die ihrer sexuellen Orientierung entsprechen. Das funktionierte sogar bei einem Kontrollfilm über kopulierende Affen: Die männlichen Testpersonen gähnten, aber die weiblichen zeigten, wie Masters und Johnson sagen würden, "ausreichend Gleitsubstanz für die Kohabitation", reagierten also recht wahllos auf Sexszenen. Befragte man die Frauen allerdings, gaben sie an, das Gesehene habe sie völlig kalt gelassen.

Sollte dies beweisen, dass Frauen am Beischlaf mit Primaten interessiert sind?

Ganz und gar nicht, es zeigt nur: In der weiblichen Sexualität ist ausschlaggebend der Verstand. Das Wechselspiel zwischen Körper und Geist ist viel komplexer als bei Männern. Frauen, deren Körper auf sexuelle Reize reagieren, sind noch lange nicht "bereit" zu Sex. Wer sich dem Geheimnis weiblicher Erregung nähern will, der muss sich also notgedrungen dem Gehirn zuwenden.

Ihr Sportsgeist ist beeindruckend: Sie haben sich beim Koitus vermessen lassen.

Ich wollte unbedingt wissen, wie Sex-Forscher arbeiten. Ich durfte aber niemanden interviewen, die Versuchspaare bleiben streng anonym. Also schleppte ich meinen Mann mit nach London. Dort hat ein Professor, Dr. Deng, ein neues bildgebendes Ultraschallverfahren entwickelt, das anatomische Strukturen in Bewegung zeigt. Bei den Strukturen handelte es sich in dem Fall um Ed und mich.

Stand Ihr Mann Ihnen zur Seite?

Als ich ihm eröffnete, dass ich ein Buch über Sex-Forschung schreiben will, rief er sofort begeistert: Ich melde mich freiwillig! Er hatte ja keine Ahnung. Als er Dr. Deng in London traf, gab der ihm einige schriftliche Anweisungen, wie zum Beispiel: Wir bitten darum, den Penis von der Rückseite der Partnerin einzuführen.

War die Versuchsanordnung wenigstens heimelig?

Ein Krankenhausbett. Ich starrte auf eine Fototapete. Dr. Deng dimmte das Licht. Ed fragte, ob es auch Kerzen und leise Musik gebe. Dr. Deng musste verneinen, aber dann bot er an, von seinem Laptop den Soundtrack von "Les Miserables" vorzuspielen.

Kamen Sie in Stimmung?

Sie scherzen. Der Arzt setzte mir den Schallkopf auf den Bauch, wie bei einer Schwangerschaftsuntersuchung. Ed durfte vorher in einem Herrenmagazin blättern, der Anblick seiner Gattin in Socken und Krankenhaushemdchen war wohl nicht stimulierend. Und er hatte Viagra genommen. Er war trotzdem sehr träge, lustlos. Und dann fing er auch noch an, mit dem Arzt zu plaudern. So, Dr. Deng, Sie haben Kinder, wie alt denn? Fünfzehn ist Ihr Sohn, dabei sehen Sie so jung aus! Und Dr. Deng erwiderte: Danke, die Kleine ist erst drei, Sie können jetzt ejakulieren.

Wie lange sind Sie verheiratet?

Elf Jahre. Und glücklich! Ich weiß natürlich nicht, was die Zukunft bringt. Ich bin 49. Bald kommen Probleme mit der Libido, mit der Menopause. Männer schlaffen ab, Frauen trocknen aus. Alles wird schwieriger. Aber wir haben Sex im Labor gemeistert, wir schaffen auch Sex im Alter.

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