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Venus: Die konstruierte Frau

Die größte Konkurrenz droht den zahlreichen Pornostars der Erotikmesse "Venus" nicht aus eigenen Reihen, sondern aus Regalen. Immer lebensechter wirken weibliche Silikon-Puppen - und Ermüdungserscheinungen lassen die auch nicht erkennen.

Von Björn Erichsen

Behutsam legt Frank Möller "Vanessa" in die beleuchtete Vitrine. Sie ist eine kleine Schönheit: Lange blonde Haare, große blaue Augen, ein makelloser Körper. Der ist allerdings aus Kunstharz und misst nur 25 Zentimeter. Vor kurzem lag sie noch zerlegt in siebe Teilen in einem Modelbaukasten der Firma "Fun Models"

Als Ein-Mann-Unternehmen will Frank Möller dem Publikum auf der Erotikmesse "Venus" seine erotische Modellbausätze schmackhaft machen. Die acht Quadratmeter Standfläche bieten Platz für einen Tisch und zwei Vitrinen, aber das ist genug um seine Prunkstücke ins rechte Licht zu rücken: etwa die bestrapste Sekretärin im Maßstab 1:6, die lasziv an ihrem Bleistift nuckelt oder die pittoreske Kunstharzgöttin "The Good", die mit Engelsflügeln und entblößter Brust auf ihrem Podest thront. Um die 100 Euro kosten seine Plastik-Frauen.

Gelassenheit ist auf der Venus eher selten

Möller stellt zum ersten Mal auf einer Erotikmesse aus, normalerweise trifft man ihn nur auf den Treffen der Modellbaufreunde. Auf der "Venus" will er neue Käuferschichten erschließen. "Die Firma ist für mich aber bloß ein Hobby", sagt der 41-Jährige, der hauptberuflich in einem Kohlekraftwerk arbeitet. "Leben kann ich vom Modellbau nicht, wenn ich im Jahr 50 Modelle verkaufe, ist das schon viel. Aber dadurch kann ich das Geschäft recht gelassen angehen."

Die ist auf der "Venus" ansonsten eher selten. Die weltweit größte Erotikmesse bringt Pornographie im XXL-Format. Ein Pflichttermin alle Branchenriesen, die mit ihren opulenten Ständen das Geschehen in den insgesamt acht Hallen dominieren. Die Bühnenshows der großen Produktionsfirmen ziehen in sekundenschnelle Hunderte von Männern an und sorgen für Staus auf den Gängen.

Männerschweiß hängt in der Luft

Als eine zierliche Blondine im roten Stringtanga die Kletterstange am Stand der Pornoproduktionsfirma "Videorama" erklimmt, kommt es fast zu Handgreiflichkeiten zwischen den Voyeuren. Männerschweiß hängt in der Luft, wenn die kaum 20-Jährige zu lauten Technobeats die Hüllen fallen lässt. Ein Blitzlichtgewitter geht hernieder, als sich die junge Frau mit gespreizten Beinen vor die Objektive der Hobbyfotografen setzt und fast eine Minute so verharrt.

Diese Darbietungen wiederholen sich auf der Venus alle paar Minuten. Wie selbstverständlich erfüllen die Modelle alle Wünsche der Fotografen, posieren in allen denkbaren Stellungen, lassen immer wieder ganz dicht an ihr Intimstes zoomen. Die Darbietungen auf der Venus sind härter geworden, Dildo-Shows und Lesbenspielchen gehörten in den vergangenen Jahren noch nicht zum Standardrepertoire.

Wachstumsmarkt mit riesiger Nachfrage

Die Anstrengung ist den Tänzerinnen selten anzumerken. Nur in den Ruhezonen, wo sie für ein paar Minuten aus den High Heels schlüpfen können, fallen manches mal auch die Gesichtszüge herunter. Für einen kurzen Moment schleicht sich dann wieder etwas Menschliches in ihr Gesicht. Das Trugbild der immer und überall bereiten Frau aus den Pornofilmen lässt sich nicht den ganzen langen Messetag in die Realität hinüberretten.

Die Branche wird es überstehen. Pornographie ist nach wie vor ein Wachstumsmarkt mit riesiger Nachfrage. Allein auf dem deutschen Markt erscheinen monatlich rund 1000 neue Filme auf DVD und Video. Weltweit erwirtschaftet die Sexindustrie nach Angaben des Wirtschaftsmagazins "The Economist" rund 20 Milliarden Dollar im Jahr. Deutschland liegt in Sachen Umsatz mit 800 Millionen Euro hinter der USA auf Platz zwei.

Imitation von Frauen mit gespenstischer Präzision

Die mitgebrachte Registrierkasse von Frank Möller hingegen füllt sich auf der "Venus" nur sehr langsam. Zwar spähen viele Besucher neugierig auf seine "Fun-Models" aber zum Kauf kann sich kaum einer durchringen. Auch sein neuester Service, die individuell bemalte Figur kann die Kunden nicht recht locken. Die wenigsten Besucher dürften Modellbau im Sinn gehabt haben, als sie die 25 Euro für ihr Messeticket gezahlt haben.

Die Imitation von Frauen betreibt die japanischen Firma "Square Ship Company" mit gespenstischer Präzision. Dort kann man sich eine Frau in Originalgröße per Katalog zusammenstellen. Der Kunde kann zwischen verschiedenen Gesichtern wählen, Größe und Proportionen bestimmen und bekommt seine Traumfrau dann aus Silikon gebacken.

Anfassen eraubt

Mit den klassischen Gummipuppen, die ein Branchenriese wie "Orion" in sechsstelliger Höhe jährlich verschickt, haben die Puppen aus Japan nichts gemein: Sie sind fast einen Zentner schwer und lassen sich dennoch in fast jede erdenkliche Position verbiegen. 5000 Euro kostet das Standardmodell, rund 1000 Stück im Jahr verkauft das Unternehmen davon in Japan. Nun soll der europäische Markt erobert werden.

Am Messestand der Firma sitzen die Puppen hübsch aufgereiht, tragen Kimonos oder weit geöffnete Blusen. Das Venus-Publikum reagiert zunächst skeptisch, Szenen wiederholen sich: erst prüfende Blicke, dann skeptische Annäherung. Viele der Männer fassen den Puppen an die Brust, dann zwischen die Beine. Lassen erschrocken über so viel Echtheit los. Und greifen noch einmal zu.

Die Ex-Freundin nachbacken

Für ein paar tausend Euro Aufpreis lässt sich die Gestalt der Puppe völlig frei gestalten, selbst Imitate von lebenden Personen fertigt das Unternehmen gerne an. Man kann sich also eine Silikon-Madonna backen lassen oder viel Zeit mit dem Imitat seiner Ex-Freundin verbringen. Bald wird man auch mit ihr sprechen können, interaktive Spracherkennung ist der nächste Schritt im Geschäft mit der konstruierten Frau.

Frank Möller hält nichts von persönlichen Nachbildungen, zumindest dann nicht, wenn sie über den Modellbaubereich hinausgehen. In diesem Feld kann er sich etwas Wirklichkeitsannäherung aber schon vorstellen. "Ich werde mal schauen, ob es auch Modelle mit etwas mehr Rundungen gibt, also so wie die meisten Frauen nun einmal aussehen."

Unterm Strich war die "Venus" für ihn ein Verlustgeschäft, rund 2000 Euro hat er draufgezahlt. Das ärgert ihn schon ein wenig, aber er erträgt es mit der stoischen Ruhe des Modellbaufreundes. Ob er im nächsten Jahr noch einmal wiederkommen wird, weiß er noch nicht genau. Die nächste Messe ist für ihn erst einmal die "InterModellbau" in Dortmund.

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