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Archiv des Auswärtigen Amtes: 25 Kilometer deutsche Geschichte

Hitlers Münchner Abkommen ist dort genauso dokumentiert wie die Einschleusung Lenins nach Russland: Im Politischen Archiv des Auswärtigen Amtes befinden sich 20.000 Schriftstücke aus 170 Jahren deutscher Diplomatie.

Einen der Glanzpunkte deutscher Diplomatie bewahrt Außenminister Joschka Fischer in einer Vitrine in seinem Dienstzimmer auf. Es ist der von seinem Vorgänger Hans-Dietrich Genscher ausgehandelte Zwei-plus-Vier-Vertrag von 1990, in dem die vier Siegermächte des Zweiten Weltkrieges den Deutschen die volle Souveränität und damit die Einheit zurückgaben. Der Vertrag gehört zum legendären Politischen Archiv in Fischers Ministerium. Es ist ein Spiegel der deutschen Geschichte in guten wie in schlimmen Zeiten.

Das Archiv unter der Leitung des Wissenschaftlers Ludwig Biewer reicht bis zur Rheinschifffahrtsakte von 1836 zurück. In dem Vertrag garantieren die damaligen Anrainer Länder Baden, Frankreich, Bayern, Hessen, Nassau, Preußen und Niederlande die Freiheit der Schifffahrt auf dem Rhein. Dies entspricht einer der Grundideen der Europäischen Union.

Der Herr der Akten

Biewer ist Herr über zehntausende Aktenbände auf 25 Regalkilometern. Sie lagern heute in den Tresorkellern der ehemaligen Reichsbank in Berlin. Das Gebäude am Werderschen Markt war nach dem Krieg erst Sitz des SED-Zentralkomitees. Nach der Wiedervereinigung wurde es zum neuen Auswärtigen Amt.

Das Archiv zieht pro Jahr mehr als 500 Wissenschaftler an und leiht rund 40.000 Akten aus. Insgesamt sind dort für die Zeit bis 1945 rund 2000 Verträge gesammelt. Für die Zeit der Bundesrepublik bewahrt Biewer bisher 15.000 bilaterale Verträge mit über 150 Ländern, 1400 Verträge mit 61 internationalen Organisationen sowie 1100 Übereinkommen mit jeweils mehreren Partnern auf.

Prachtvoll sind die alten Ratifikationsurkunden, wie zum Beispiel diejenige der Türkei zum Kongo-Vertrag von 1885: Knallroter Samt auf dem Einband außen, Seide auf der Innenseite. Und innen auf Pergament die Signatur des Sultans persönlich.

Spektakuläre Schriftstücke

"Das war damals durchaus üblich", sagt Biewer. Jedes Land habe seine typische Farbe für die Samtauflage gehabt: USA mittelblau, Deutschland meist dunkelrot. Für Schweiz und Vatikan galt weiß. Am vornehmsten gab sich Großbritannien: Die Urkunden des Königreiches sind in goldverziertem Leder gebunden. Biewer: "Und die Siegelbüchsen sind aus massivem Sterling-Silber, einen Millimeter dick."

Aber nicht nur Spektakuläres wie der Rückversicherungsvertrag Bismarcks von 1887 ist aufgehoben. Auch das unscheinbar wirkende Telegramm des Berliner Generalstabs von 1917 über die geglückte Einschleusung Lenins in Russland ist zu sehen. Oder das von Hitler eingefädelte Münchner Abkommen, von dem sich die Westmächte noch am Vorabend des Zweiten Weltkriegs vergeblich Frieden erhofft hatten.

Ein Tiefpunkt deutscher Geschichte

Zu den Tiefpunkten deutscher Politik gehört die einst geheime Landkarte zum Hitler-Stalin-Pakts vom August 1939. Darauf besiegelten Hitlers Außenminister Ribbentrop mit oranger und Stalin mit blauer Signatur die vierte Teilung Polens.

Auch das einzige bekannte Exemplar des Protokolls der Wannseekonferenz von 1942 lagert dort. Auf der Konferenz war die so genannten "Endlösung der Judenfrage" beschlossen worden.

Die Umzugspolitik des Archivs hielt die Kriegsverluste in Grenzen. Nach Beginn der großflächigen Bombenangriffe auf Berlin 1943 wurden die Bestände auf Adelssitze im Osten und im Harz verteilt. Bei Näherrücken der Ostfront wurden die Akten erneut verlagert, allerdings mit Verlusten. Unter anderem brannte ein Lastzug mit Geheimakten der Weimarer Republik vollständig aus.

Die Evakuierung der Akten

Bei Kriegsende 1945 beschlagnahmten US-Truppen alle auffindbaren Papiere. Bereits 1946 wurden sie noch vor der Teilung Berlins wieder zurückgegeben. Ausgerechnet die "Rosinenbomber" der Luftbrücke mussten sie 1948 jedoch wieder ausfliegen, denn die Lage der von den Sowjets blockierten Stadt wurde immer prekärer. Die Sowjets gaben eine Auswahl ihrer Beuteakten erst 1949 an die DDR ab.

Die aus dem Westen Berlins evakuierten Akten landeten in Whaddon Hall nordwestlich von London. Dort wurden die Bestände zum größten Teil auf Film archiviert. Die Papierakten gingen bis 1959 an das Auswärtige Amt zurück, das 1951 in Bonn neu erstanden war.

Nach dem Regierungsumzug brachte das Politische Archiv alle seine Beständen 2000 nach Berlin. Mit der deutschen Einheit fielen ihm auch die Dokumente des DDR-Außenministeriums zu. Das waren aneinander gereiht 3,1 Kilometer. In der selben Zeit hatte DDR-Staatssicherheitsminister Erich Mielke allerdings 180 Kilometer Spitzelakten gehortet.

Frieder Reimold/AP / AP