Bildband "Hongkong" Fotos wie von einem Fallschirmspringer

Der in Hongkong lebende US-Journalist und Kunstkritiker Kenneth Baker hat sich den Bildband "Hongkong" von Michael Wolf angesehen. Er ist dabei auf faszinierende Spuren von Menschen gestoßen, die ein Leben führen, dem nur die bedrückend anonyme Architektur ein Gesicht gibt.

Wie es scheint, sehen die Menschen in Hongkong die Dinge anders - so heißt es regelmäßig in Kommentaren über die Kultur dort. Insofern sie mit einzigartigen urbanen Gegebenheiten zurechtkommen müssen, sehen sie in einer Architektur, die in westlicher Sicht für abstumpfende Zweckmäßigkeit und Anonymität steht, ein Versprechen von Bequemlichkeit und persönlicher Unabhängigkeit. Einige von Michael Wolfs Fotografien der neuen Hongkonger Hochhäuser sehen so aus, als seien sie beim Fallschirmspringen zwischen den Gebäuden gemacht worden. Die vertikalen Fassaden, die auf mehreren Bildern Kante an Kante verlaufen, wirken wie nebeneinander gelegte Filmstreifen auf einem Schneidetisch.

Die Wohnarchitektur krempelt das Leben der Menschen um

Donald Young schreibt, dass die neue Hongkonger Wohnarchitektur das Leben der Menschen dort umgekrempelt hat: Die fehlende Privatsphäre in ihrem Zuhause zwingt sie, ihre Individualität in der Öffentlichkeit zum Ausdruck zu bringen. Wolf scheint diese Beobachtung zu bestätigen: Aus seiner Arbeit spricht eine Faszination nicht nur für die ungeheure Größe und die einengende Bauart von Hongkongs neueren Hochhäusern, sondern auch für das Einsickern von Individualität durch ihre gesichtslosen Außenhüllen. Ein genauer Blick auf irgend eines seiner Architekturbilder enthüllt Unterschiede – bei Fensterabdeckungen, bei Wäschestücken, die gleich Fahnen persönlicher Identität herunterhängen, bei behelfsmäßigen Außenstauräumen –, die aus den scheinbar identischen Apartments nach außen blinzeln.

Wahrscheinlich reimt sich kein anderes Bild in diesem Buch genauer auf seine Aufnahmen von wäschebehangenen Fassaden als die Nahaufnahme von einer Metallwand, durch die sich eine - zum größten Teil unsichtbar dahinter verborgene - Pflanze vor und zurück durch die Metallperforation schlängelt und das Hindernis in eine Stütze verwandelt.

Wolfs Hongkong-Bilder zeigen fast gar keinen Mittelgrund zwischen den Totalen der abschreckenden Architektur und den Nahansichten von Dingen und Vorgängen auf der Straße. An mehreren Stellen des Buchs kollidieren diese Perspektiven miteinander, am deutlichsten dort, wo die Teleperspektive eines älteren klotzigen Apartmentturms an die Nahaufnahme einer sonderbaren blaugefliesten Nische stößt.

Die Nische erscheint verlassen, obwohl sie einen aufgestöberten Stuhl verborgen hält, der mit Klebeband verstärkt auf eine Kiste gestellt wurde, von wo ein Sitzender einiges sehen könnte, ohne selbst gesehen zu werden. Dass diese beiden Aufnahmen nebeneinander gestellt werden, hat weniger mit einer räumlichen Verbindung zwischen den abgebildeten Orten zu tun. Stattdessen ist zu vermuten, dass sie zwei Facetten einer Lebensweise präsentieren.

Immer wieder untersucht das Buch diese Facetten der Reihe nach: faszinierende Spuren des privaten Einfallsreichtums von Menschen, die ein Leben führen, dem nur die bedrückend anonyme Architektur ein Gesicht gibt.

Dieser Lebensstil der Menschen in Hongkong erzeugt in Wolfs Augen eine eigene Ästhetik. Offensichtlich ohne dekorative Absicht hat jemand verschiedene Kabelstücke und Plastikschnüre um einen ausgedienten Rahmen geschlungen, um sie hier für einen möglichen späteren Gebrauch aufzubewahren. Dieses unbewusste Vorgehen hat eine Art Strauß aus farbigen Wimpeln geschaffen, wodurch die Riemen für eine künftige Verwendung sichtbar bleiben und nebenbei einen ansonsten öden Hintergrund aufhellen.

Während uns ein Fotograf wie Andreas Gursky mit der Anzahl von Menschen in einer Massenszene oder der Bevölkerungszahl überwältigt, die an eine sich bis zum Horizont erstreckende Mülllandschaft gemahnt, lässt Wolf eine für ihre Überbevölkerung bekannte Stadt beinahe verlassen erscheinen, ob er nun eine Teleperspektive wählt oder eine intime Ansicht.

Riesige Hochhäuser ohne Menschen

Eines der ersten Bilder in Wolfs Buch setzt diese paradoxe Qualität in Szene. Es zeigt einen - leeren - Plastikstuhl auf einem grasbewachsenen Vorgebirge. Der Stuhl überschaut große Blöcke hoher Wohntürme, die wie eine geologische Formation aus der Erde emporragen. Es ist kaum abzuschätzen, wie viele in ihre winzigen Wohnräume eingeschlossene Menschen dieses Bild einbezieht – und doch ist niemand zu sehen.

Etliche Aufnahmen zeigen die Fassaden von ungeheuer hohen und sich wiederholenden Hochhäusern, abgeschnittene Ansichten, die die Gebäude erscheinen lassen, als ob sie sich unbegrenzt nach oben und unten fortsetzten. Die Kamera schwebt und lässt uns beinahe das Gefühl dafür verlieren, in welcher Richtung es erdwärts geht, selbst bei den Bildern, auf denen die Spitzen von Straßenlaternen zu sehen sind. Fast scheinen diese Gebäude von der Erde losgelöst umher zu treiben und sich endlos in den Raum auszudehnen; die Arbeiter, die auf einer Aufnahme auf einem Baugerüst herumklettern, sehen so ungeschützt aus wie Astronauten bei einem Weltraumspaziergang.

Kenneth Baker

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