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Ein Bild und seine Geschichte: Aus der weiten Welt in die Küche

Er ist weit gereist. Von einem Bauernhof im Saône-Tal durch die halbe Welt und wieder zurück: Feldern, Wiesen Kühen, Heuböden. In Raymond Depardons "La ferme du Garet" verschmelzen Vergangenheit und Gegenwart mit einem melancholischen Augenzwinkern.

Von Philipp Gülland

"Ich glaube, Fotografie war schon immer in mir", bemerkt Raymond Depardon einmal, "Als ich sie schließlich fand, wurde sie stärker als ich und ich habe mich in sie geflüchtet." Als Kind sei er still gewesen - "un taisieux", wie die Franzosen sagen. Aufgewachsen ist der leidenschaftliche Bilderjäger auf einem Bauernhof nahe Villefranche-sur-Saône, seine Familie lebt seit Generationen von der Landwirtschaft. Einfache, bodenständige Leute, keiner der Verwandten hat mit Journalismus oder Fotografie zu tun. Die Eltern dürften gestaunt haben, woher sie kam, diese Obsession für die Kamera. Depardon blickt zurück und stellt fest: "Ich hatte meinen Kopf buchstäblich in den Wolken, oder eher auf dem Heuboden." So werden die Bilder das bestimmende Element in Depardons Leben und der stille - aber eben auch rastlose - Junge zieht aus, die Welt zu entdecken.

Von Flucht und Heimkehr, Glück und Schmerz

Es ist eine weite Reise, auf die Raymond Depardon geht - fast eine Art Flucht vor seinen ländlichen Wurzeln. In der Schule wird der Bauernsohn von seinen Mitschülern als rückständig belächelt und geneckt; Frankreich nach dem Krieg, das ist schließlich Aufschwung, Fortschritt und Technik - nicht Kühe, Schweine und Heuböden. "Ich spürte Ärger und Trotz" wird er später zurückblicken und den Philosophen Gilles Deleuze zitieren, für den Trotz Kreativität keimen lässt.

"Ich war allein in einer fremden Welt, der ich etwas beweisen wollte," fasst Depardon später die Beweggründe seiner weiten Reise zusammen. So sind es im Kern Trotz und Stolz, die den jungen Fotografen die Agentur Gamma gründen lassen und ihn auf der Suche nach Geschichten um die ganze Welt treiben. Seine Arbeitsweise charakterisiert er mit den Worten "Das Licht ist Glück, der Rahmen ist Schmerz." Der Rahmen, das seien sein Standpunkt, seine Vergangenheit, seine Kultur, seine Einsamkeit, die seinen Blick bestimmen. Es sei die Karikatur des stets missmutigen, unzufriedenen französischen Kleinbauern, erklärt er. Dieses Wechselspiel von Flucht und Heimat, Glück und Schmerz bestimmt seine Arbeit, es führt seinen fotografischen Blick - und lässt ihn schließlich wieder heimkehren.

Wie der Kreis sich schließt

"Ich bin einen langen Umweg gegangen", schmunzelt Depardon rückblickend. "Als ich 36 war, zweifelte ich am Fotojournalismus und wechselte von 'Gamma' zu 'Magnum'. Etwas später gab es dieses Regierungsprojekt: Fotografen sollten einen Aspekt Frankreichs dokumentieren, der ihnen wichtig war. Ich beschloss, auf den Hof meiner Eltern zurückzukehren; jenen Ort an dem alles begann und sich der Kreis schließt." Hier kommt der rastlose Depardon zur Ruhe, taucht mit der Großformatkamera ein in die fremd-vertraute Welt seiner Kindheit und versöhnt sich mit seinen Wurzeln.

"Ich ging auch zurück, weil ich Angst hatte, zu vergessen", bekennt der Fotograf später, "ich wollte meinen Eltern eine Liebeserklärung machen." Drei Jahre, von 1981 bis 1984 arbeitet er an der Geschichte - seiner Geschichte. Erst 1995 wird "La ferme du Garet" als Buch veröffentlicht, den neueren Bildern stellt Depardon Aufnahmen aus seiner Jugend zur Seite. Es entsteht eine faszinierende visuelle Zeitreise. Besonders faszinierend ist das Bild von Raymonds Mutter am Küchentisch. Es fasst die gesamte Entstehungsgeschichte des Essays zusammen: Heimat, Geborgenheit, ländliches Leben, Entfremdung und Wiederannäherung verschmelzen in dieser einen Aufnahme. Die alte Dame mit dem schneeweißen Haar erscheint verwischt, zwischen Ofen und geblümter Wachstischdecke ist sie nur schemenhaft zu erkennen. Es ist eine Langzeitbelichtung, vier Minuten Liebeserklärung.

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