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Ein Bild und seine Geschichte: Das letzte Porträt einer Filmgöttin

Als der damals 32-jährige Fotograf Bert Stern im Juli 1962 Marilyn Monroe zum Fotoshooting empfing, gelangen ihm ungewohnt intime Aufnahmen. Es sollten die letzten sein - zwei Wochen später war die Filmgöttin tot.

Von Philipp Gülland

"Sie sind schön." - "Nett, wie Sie das sagen." So klingt der Beginn dreier intimer Tage im Bel Air Hotel in Los Angeles. Die Akteure sind Marilyn Monroe - Blondine, Schauspielerin, Gegenstand unanständiger Männerträume weltweit - und der Fotograf Bert Stern, 32 Jahre alt und bereits einer der Bestbezahlten seines Handwerks. Das Ergebnis wird später als "Marilyn's Last Sitting" Fotografiegeschichte schreiben.

Es ist Juli 1962, Champagner steht kalt und Suite 261 ist vorbereitet. Das Licht ist gesetzt, die Everly Brothers tönen aus der Stereoanlage und der Fotograf wartet angespannt. Nach fünf Stunden kommt der erlösende Anruf: Notorisch unpünktlich wie immer betritt Monroe die Hotellobby, Stern holt sie ab. Die Sexbombe tritt spektakulär unspektakulär auf, ungeschminkt, allein. Ohne Bodyguards und Starallüren ist ihre Wirkung überwältigend - sie hat abgenommen. "Das hatte sie verändert", sagte er später. "Sie war besser als das kräftige, fast überblühte Mädchen, das ich im Kino gesehen hatte."

Das intimste und das letzte Porträt

Monroe hat viel Zeit mitgebracht: "Soviel Sie wollen", versichert sie dem Fotografen entspannt. Zwölf Stunden dauert die erste Fotosession, in der Stern weit mehr bekommt, als er zu träumen gewagt hat. In diesen zwölf Stunden entsteht das bei weitem intimste und vor allem das letzte große Porträt der "amerikanischen Göttin der Liebe". Verspielt, geradezu gelöst agiert Marilyn vor der Kamera und zeigt sich schließlich fast nackt, nur von transparenten Tüchern umhüllt.

Bei "Vogue" ist man begeistert von Sterns Bildern und will mehr, acht Seiten werden der Serie eingeräumt, zwei weitere Termine für Modestrecken werden vereinbart. Mit Bergen teurer Kleider und Pelzmäntel ausgestattet und von einer Redakteurin des Modemagazins begleitet, treffen sich die Diva und der Fotograf wieder in der Hotelsuite. Weitere Bilder entstehen: Irgendwo zwischen Lolita-Charme und erwachsener Sinnlichkeit posiert Marilyn in Pelzen und eleganten Kleidern. Das ganz große Schwarzweißbild für die Ewigkeit schenkt sie ihm zum Schluss: "Ich betrat jenen Raum, in dem bis auf das Klicken der Blitzlampen alles verstummt war. Sie warf den Kopf zurück, lachend, die Arme erhoben, als winke sie zum Abschied. Ich sah, was ich haben wollte, ich drückte ab, und sie war mein. Es war die letzte Aufnahme", wird Stern sich später erinnern.

"Sie hatte sich selbst durchgestrichen"

Er schickt ihr Kontaktbögen und Diapositive zur Freigabe. Zwei Drittel der Bilder kommen durchgestrichen zurück: Schwarzweißabzüge mit roten Filzstiftkreuzen, Dias von einer Haarnadel zerkratzt und damit ruiniert, Stern tobt vor Wut. Später erkennt er: "Sie hatte nicht bloß meine Bilder durchgestrichen, sie hatte sich selbst durchgestrichen."

In der Nacht des 4. August 1962 setzt jene Frau, die noch heute als das Sexsymbol schlechthin gilt, ihrem Leben mit einer Mischung aus Dom Pérignon und Schlaftabletten ein Ende. Um ihren Tod ranken sich Mythen: Sollte es doch Mord gewesen sein? Von der CIA verübt und im Weißen Haus beschlossen, um eine eventuelle Affäre mit US-Präsident Kennedy zu vertuschen?

Stern hat das Unheil geahnt, trotzdem ist er fassungslos: "Ich wusste nicht, was ich fühlte. Ich war wie gelähmt, zutiefst schockiert." Bei "Vogue" stoppt man den Andruck der nächsten Ausgabe. Der "Gruß" an Marilyn Monroe wird zum "letzten Gruß", zum Nachruf, Sterns Bilder als Aufhänger zum letzten großen Porträt einer Ikone des American Dream.