Elfriede Lohse-Wächtler "Ich allein weiß, wer ich bin"


Ihre Zeichnungen und Aquarelle werden von Experten als "kunsthistorisch einmalig" gelobt. Jetzt widmet sich eine Ausstellung in Berlin dem Werk der Künstlerin Elfriede Lohse-Wächtler.

Ein friedliches Bild. Schwatzend, in Handarbeiten vertieft, sitzen die Frauen in der Krankenstube am Tisch. Rechts neben der Tür steht ein Klavier. Als die Dresdener Malerin Elfriede Lohse-Wächtler die Szene 1933 in der Psychiatrischen Heilanstalt Arnsdorf mit Farbstiften festhielt, hatte die Reichsregierung gerade das "Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuches" erlassen.

Lohse-Wächtler und die Frauen "In der Krankenstube" - wie die Malerin ihre Zeichnung nannte - waren damit der Zwangssterilisierung ausgeliefert und wurden später ermordet. Dem ersten Massenvernichtungsgesetz der Nazis fielen etwa 200.000 behinderte und psychisch kranke Menschen als "nutzlose Esser" und "Ballastexistenzen" zum Opfer - darunter Elfiede Lohse-Wächtler, die im Juli 1940 in einer Gaskammer auf dem Pirnaer Sonnenstein starb. Ihre Werke wurden als "entartet" zerstört.

Eine Auswahl der Bilder, die von Angehörigen gerettet wurden, ist bis zum 3. Juni in den Räumen der Vertretung des Freistaates Sachsen in Berlin zu sehen. Die Zeichnungen und Aquarelle der Malerin werden von Experten als "kunsthistorisch einmalig" gelobt. "Es ist kein anderer Fall bekannt, in dem eine Malerin während der eigenen Hospitalisierung die Verbildlichung psychisch Kranker zu ihrem Thema erhob", schreibt die Kunsthistorikerin Hildegard Reinhardt in ihrer biografischen Skizze über die Künstlerin.

Wo immer die Arbeiten der Malerin ausgestellt wurden, erregten sie Aufsehen. "Lohse-Wächtler ragt gegenüber dem heutigen Plätscher-Niveau empor. Sie ist entschieden eine Entdeckung", schwärmte ein Kritiker nach ihrer ersten Ausstellung im Jahr 1929. Eine Einschätzung, die nichts von ihrer Gültigkeit verloren hat.

Anna Frieda Wächtler wurde am 4. Dezember 1899 in Löbtau bei Dresden geboren. Ihr Vater war kaufmännischer Angestellter und Versicherungsagent. Schon als Kind zeichnet das Mädchen viel, hat seinen eigenen Kopf. Sie besteht darauf, Elfriede genannt zu werden. Frieda gefällt ihr nicht. 1915 geht sie auf die Königliche Kunstgewerbeschule, lernt "Mode und weibliche Handarbeiten". Der konservative Vater, der sich "fromme Kinder und ein züchtig Weib" wünscht, will, dass seine Tochter Kostüm- oder Modellschneiderin wird. Doch danach steht dem Mädchen nicht der Sinn. Sie wechselt das Fach, studiert "angewandte Graphik", will freischaffende Künstlerin werden. Mit dem Vater gibt es deshalb Streit. Elfriede Wächtler zieht aus. Sie ist 16.

Fortan teilt sie sich ein Zimmer mit ihrer Freundin Londa Freiin von Berg - der späteren Ehefrau des Malers Conrad Felixmüller. Durch ihn lernt Elfriede Wächtler den Maler Otto Dix und andere Künstler der Dresdner Avantgarde kennen. Sie schneidet sich die Zöpfe ab, trägt Herrenhüte und Männerhosen, raucht Pfeife und Zigaretten. Um dem Makel der damals verpönten "Frauenkunst" entgegenzuwirken, nennt sich Elfriede Wächtler "Nikolaus". Ihren Lebensunterhalt verdient "Laus" - wie Freunde sie kurz nennen - mit Batikarbeiten.

1921 heiratet die Malerin den Sänger Kurt Lohse. Das Paar geht nach Hamburg. Lohse-Wächtler streift durch St. Pauli, malt Prostituierte, Obdachlose, Verlierer. Sie stellt aus, bekommt ausgezeichnete Kritiken. Leben kann die Malerin von ihrer Kunst nicht. Elfriede Lohse-Wächtler wünscht sich Kinder. Doch die Malerin sieht sich mehrfach gezwungen, abzutreiben, weil sie und ihr Man sich keine Kinder leisten können. Währenddessen geht ihr Mann fremd, zeugt drei Kinder mit einer anderen Frau, die er später heiratet. 1929 zeigt Elfriede Lohse-Wächtler die ersten Anzeichen einer Psychose. Sie wird in die Staatskrankenanstalt Hamburg-Friedrichsberg eingeliefert. Hier malt sie die "Friedrichsberger Köpfe" - markante Gesichter von Mitpatienten. Zu dieser Zeit äußert ein Arzt erstmals den Verdacht, dass die Künstlerin unter Schizophrenie leidet. Eine Diagnose, die nie überprüft wird - ihr aber später zum Verhängnis werden soll.

Mittellos kehrt Elfriede Lohse-Wächtler 1931 nach Dresden in ihr Elternhaus zurück. Sie leidet unter Verfolgungswahn. Die Eltern bringen sie in die Heilanstalt nach Arnsdorf - eine moderne psychiatrische Klinik mit über 1.000 Patienten. Acht Jahre verbringt die Künstlerin in Arnsdorf. Sie malt fast ununterbrochen - Ärzte, Schwestern, Mitpatienten. Immer wieder fleht die Malerin ihre Eltern an, sie wieder nach Hause zu holen. "Ich weiß zwar, dass ich Euch sowieso meist nur Kummer bereite, aber ich bitte, das gütigst mir zu verzeihen, ich bin so traurig darüber und einsam und allein." Die Eltern besuchen ihre Tochter häufig, doch ein Leben mit ihr ist nicht möglich. "Wenn mir auch die anderen grollen", schreibt Lohse-Wächtler in einem Gedicht, "Ich allein weiß, wer ich bin".

Im Dezember 1935 wird Elfriede Lohse-Wächtler - gegen den Protest ihrer Familie - in der Frauenklinik des Stadtkrankenhauses Dresden-Friedrichstadt von zwei Ärzten zwangssterilisiert. Die Künstlerin überwindet die psychischen Folgen dieser Operation nicht. Sie malt nie wieder. Fünf Jahre dämmert sie in der Anstalt vor sich hin.

Am 31. Juli 1940 befiehlt eine Schwester der Malerin, ihre Sachen zu packen. Mit 53 Frauen und 33 Männern steigt Elfriede Lohse-Wächtler in einen grauen Bus. Die Scheiben sind blind. Die Patienten sehen nicht, wohin sie fahren. Die "Reise" geht nach Pirna-Sonnenstein, einer ehemaligen Klinik, die Ende Juni mit der Ermordung von zehn Insassen ihren Betrieb als Tötungsanstalt aufgenommen hatte. Ein Arzt, der Elfriede Lohse-Wächtler "untersucht", legt die offizielle Todesursache fest. Danach führt eine Krankenschwester Elfriede Lohse-Wächtler in eine als Duschraum getarnte Gaskammer. Die Stahltür wird geschlossen. Elfriede Lohse-Wächtler stirbt am 31. Juli 1940. Sie ist 40 Jahre alt.

Den Eltern teilt die Anstaltsleitung mit, dass ihre Tochter "an einer Lungenentzündung mit Herzmuskelschwäche verstorben" sei, "trotz aller Bemühungen der Ärzte, die Patientin am Leben zu erhalten."

Kerstin Schneider

"Ich allein weiß, wer ich bin" - Elfriede Lohse-Wächtler (1899-1940)
Ausstellung in der Vertretung des Freistaates Sachsen beim Bund, Brüderstraße 11/12, 10178 Berlin
täglich von 10 bis 18 Uhr. Eintritt frei.
Gruppen werden gebeten, sich vorher telefonisch anzumelden unter 030-20 60 60.


Mehr zum Thema