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Desktop Dining: "Wie Berufstätige essen, ist ziemlich traurig"

"Mittagessen ist für Schlappschwänze", das wurde schon 1987 im Film "Wall Street" manifestiert. Mittlerweile sieht die Realität aber genau so aus. Wer sich Zeit für den Lunch nimmt, gilt als faul. Ein Amerikaner hat dieses Phänomen in Bildern aufgenommen. 

Person: Alex Eugensen (Mitte)  Job: Partner im Beziehungsmanagement, Citigroup, New York  Essen: Pizza

Person: Alex Eugensen (Mitte)

Job: Partner im Beziehungsmanagement, Citigroup, New York

Essen: Pizza

Eigentlich ist es ja nicht verwunderlich, dass wir uns immer weniger mit unserem Essen beschäftigen – zumindest die Berufstätigen. Mittlerweile gibt es sogar ein Pulver, das laut Herstellerangaben den Nährstoffbedarf eines Erwachsenen voll decke. Niemand muss mehr Zeit für langwieriges Kochen oder ausgiebiges Mittagessen verschwenden, und noch besser: Berufstätige können sich voll auf ihre Arbeit konzentrieren und müssen nicht wertvolle Ressourcen vergeuden, nur weil ein Lunch-Date beim Italiener um die Ecke wartet. Was für Zeitverschwendung! Es ist vor allem eins: günstig und effizient. Und noch etwas: völlig verrückt!

June Jo Lee, amerikanische Ethnographin ist elf Jahre durchs Land gereist, um mit Amerikanern über ihr Essverhalten zu sprechen. Mit einer Architektin aus Seattle führte sie ein 20-minütiges Interview, bis der bezeichnende Satz fiel, der unsere heutige Arbeitsgesellschaft und den Verlust fürs Wesentliche haargenau beschreibt: "Ich glaube nicht, dass ich diese Woche an einem Tisch gegessen habe – abgesehen von meinem Schreibtisch." Für Lee ist diese Entwicklung dramatisch. Sie findet, dass "die Art wie Menschen bei der Arbeit essen" einfach nur "traurig" ist.

Mittagessen ist für Schlappschwänze

Seit 1987 im Film " " der Satz "Mittagessen ist für Schlappschwänze" fiel, hat sich dieses gruselige Phänomen in amerikanischen Unternehmen etabliert. Wer sich Zeit fürs Mittagessen nimmt, ist faul, so die Annahme. Gut 62 Prozent der Berufstätigen nehmen ihr Essen mittlerweile allein am Schreibtisch ein. Wissenschaftler sprechen vom "desktop dining"-Phänomen, also das Essen vor dem Computer. In der Zeit wird zwar Nahrung aufgenommen, aber es werden auch E-Mails beantwortet oder To-do-Listen abgearbeitet.

Wissenschaftler sehen dies zwiespaltig. Zwar esse man tatsächlich weniger, wenn man allein vor dem Computer isst, aber man verliere auch den Sinn des Arbeitsplatzes als einen gemeinschaftlichen, innovativen und sozialen Ort. Deshalb gilt: sich besser etwas Zeit fürs gemeinsame Lunch zu nehmen als jeglichen sozialen Kontakt vor dem PC zu verlieren. 

June Jo Lee hat mit den "desktop diners" gesprochen, Brian Finke (www.brianfinke.com) hat sie fotografiert. 

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