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stern spezial Fotografie: Karl Lagerfeld: Dreams

Kleider machen Leute. Bilder auch. Weiß der Modekönig und profiliert sich immer mehr als Fotograf - von Stars, Models und Freunden.

Wie er das macht? Diese Bilder? Ach, da gibt es keine Geheimnisse. Er reist herum, macht Termine mit Pamela Anderson oder Nicole Kidman oder Jack Nicholson, schaut sich das Haus an, Küche, Schlafzimmer, baut die Kamera auf, fragt dies und das, beantwortet dies und das, und dann, ja dann wird das Foto gemacht.

Karl Lagerfeld neigt leicht den Kopf zur Seite, Fotografie ist nicht unbedingt Kunst, vielmehr ein Werkzeug vielleicht, »die Technik kommt einem heute so weit entgegen, das geht alles ganz einfach«. Vor ein paar Jahren hat er noch anders gedacht, hat von seinen Bildern - Lagerfeld sagt immer »Bilder«, nie Fotos - nur einen Print gemacht und das Negativ sofort vernichtet.

Andere Formate, große Polaroids wurden im Labor eine Woche lang bearbeitet. Und Karl Lagerfeld wäre nicht Karl Lagerfeld, wenn er das nicht in seiner ihm eigenen Hastigkeit erzählen würde, mal in schnellen, tänzelnden Sätzen, mal in leicht getöntem Stakkato.

»Wissen Sie, die Menschen wollen von mir immer wissen, was mein fotografischer Stil ist. Kann ich nicht sagen; sollen die sagen, die sich meine Bilder anschauen. Ich habe da keinen Stil, sondern viele oder eben keinen. Man darf doch nicht stehen bleiben, nicht im Leben, nicht in der Mode, nicht in der Fotografie.« Gesprochen hört sich das bei ihm etwa so an: »IchschauemirmeineBildernichtoftan, daslassichanderemachen, dieauchdieBilderaussuchen.«

Doch obwohl er auch in seinem Studio in Biarritz, wo er sich an einem Tisch erstaunliche Mengen Süßstoff auf einen Zimtquark schüttet, immer wieder die Bedeutung seiner fotografischen Entwicklung verneint - es sind besonders die Bilder aus den Jahren 2001/2002, die eine andere Sicherheit und Souveränität hinter der Kamera erahnen lassen als die Arbeiten davor, für die er 1996 den Kulturpreis der Deutschen Gesellschaft für Photographie bekam und die er in zahlreichen Büchern veröffentlichte.

Es mag an der - nach einer radikalen Diät - offenbar neuen Persönlichkeit Lagerfelds liegen, dass er sich vom fotografischen Illustrator immer mehr zum fotografischen Autor hinüberwagt - »wagen«, wieder ein Wort, das Lagerfeld vehement verneinen würde. Aber wie er selbst wirken jetzt auch seine Arbeiten agiler, leichthändiger und damit oft treffender als die früheren Inszenierungen mit hohem Aufwand.

Damals, ganz am Anfang, sagt er, habe er sich nur zögernd hinter die Kamera getraut. Nicht weil er Respekt vor der Technik oder kritischen Betrachtern hatte, und es war auch nicht die Vorsicht, sich mit den damaligen neuen Fotostars wie Herb Ritts oder Patrick Demarchelier messen zu müssen, all so etwas hat Lagerfeld noch nie interessiert. Es war eher die noch fehlende Übung, mit den Augen zu denken, die ihn zögern und viele Bilder nie veröffentlichen ließ.

Und wieder wäre Lagerfeld nicht Lagerfeld, wenn es dann nicht ein ganz pragmatisches Motiv gegeben hätte, das ihn hinter die Kamera zwang: »In der Art, wie ich an meinen Kollektionen arbeitete, gab es immer diese rhythmische Unterbrechung, wenn die Kollektionen fotografiert werden sollten. Da wartete man auf den Fotografen, hoffte, dass die Bilder auch den Sinn der Kleider wiedergeben, und wartete wieder, bis die Bilder endlich da waren. Das passte nicht in meinen Fluss zu arbeiten, und da habe ich eben beschlossen, meine Kollektion selbst zu fotografieren. So schwer sollte das ja wohl auch nicht sein«, sagt er.

Die dabei fehlende Distanz zwischen Schöpfer und Betrachter ist für ihn kein Problem: »Ich habe Distanz zu meinen Kollektionen, wenn sie fertig sind. Sehen Sie«, und er zeigt auf die Kleiderstangen mit Chanel-Entwürfen, »die habe ich im vergangenen Jahr gemacht, die interessieren mich nicht mehr, es sind fast fremde Kleider.«

Es ist sein kreatives Konzept der Flüchtigkeit, das all seinen Arbeiten in der Mode und der Fotografie eine Wahrheit des Momentes, aber keine Ewigkeit verleiht — »die Nostalgie des Augenblicks, ohne Rückblick«, wie er sagt.

Seine Fotografien sind knappe visuelle Kommentare. »Ich liebe Stummfilme, weil dort in manchen Bildern die ganze Geschichte eines Filmes enthalten ist. Die Stimmung eines Geschehens auf einen Punkt zu bringen, das interessiert mich.«

Er zeigt das Bild von James-Bond-Darsteller Pierce Brosnan mit seinem Sohn an einem Strand, »sehen Sie, wie der mich anschaut. Vor dem Foto haben wir uns lange unterhalten, und Brosnan hat mir die tragische Geschichte seiner Familie erzählt. Als wir dann das Bild machten, hab ich gesagt: 'Nun können Sie aber anders schauen', doch er bekam die Stimmung nicht mehr aus seinem Gesicht heraus.«

Lagerfeld kennt es, fotografiert zu werden, »und da lernt man ja einiges. Wenn ein Fotograf unsicher ist, viel herumhantiert, nicht genau weiß, was er machen soll, verliert man die Geduld und geht. Dann gibt es welche, die haben ein Konzept und sind souverän, mit denen arbeitet man dann. Und dann gibt es noch Helmut Newton, da lässt man alles mit sich machen und fragt sich hinterher, warum.«

Von Bruce Weber hat er den Satz gehört: »Wenn du es nicht schaffst, dass sich die Leute bei drei ausgezogen haben, bist du kein Fotograf.« Daran musste Lagerfeld denken, als er Demi Moore vor der Kamera hatte, »die hat sich sofort ausgezogen, die wollte es nackt. Und dann sollte ich auch noch ihre Kinder nackt fotografieren. Nein, nein, habe ich gesagt, da müssen wir wohl erst den Vater fragen. Bruce Willis immerhin.«

Nacktheit, ach Gott, so aufregend sei das nicht für gute Bilder, »nackt, das ist ja nur die Verlängerung des Gesichtes«, sagt er. Und so sind andere Lagerfeld-Fotos enthüllender, die von Pamela Anderson zum Beispiel. Das fast ungeschminkte Gesicht, die beinahe schmalen Lippen und der traurige Hauch um die Augen erzählen mehr über das Welt-Pin-up-Girl als jedes Foto ihrer Oberweite.

Karl Lagerfelds Fotografien sind Begegnungen, die er dirigiert. Mehr als hundert Bilder hat er in einer Woche in Los Angeles gemacht, mancher Abwehr- und Kontrollmechanismus einer bildereitlen Hollywood-Gesellschaft war seinem blitzgescheiten Geist und seiner Schnelligkeit nicht gewachsen. »Star trifft Star«, sagt er lakonisch, »das hat geholfen.« Er blättert in ein paar Fotos, Arbeitsbildern, Karl neben den Stars, »sehen Sie, ich bin immer besser angezogen als die«.

Man könnte fast sagen, dass er wie ein fotografischer Freibeuter arbeitet, den Namen Lagerfeld wie einen Enterhaken in der Hand. Einer wie Mick Jagger würde sich von keinem Fotografen der Welt mit Plastiktapes einschnüren lassen, von Freund Karl schon. »So was diskutieren wir doch nicht.

Wir reden Stunden über Gott und die Welt, lachen, und dann, ach ja, machen wir noch ein Foto. Das geht bei mir schnell, entweder ich habe den Moment in kurzer Zeit oder ich habe ihn nie«, sagt Lagerfeld. Mag auch sein, dass sich viele der Fotografierten nicht fotografiert fühlen, sondern veredelt. Oder gemalt. Von ihm, von Karl Lagerfeld.

Für ihn sind seine Bilder festgehaltene Momente. Nichts weiter. Oder doch? Gibt es tief in seinen Bildern ein durchgehendes Motiv? Vielleicht sind sie Artefakte eines Wanderers, eines Rastlosen, der eine Welt erst dann versteht und sie bändigt, wenn er sie und die Menschen inszeniert hat. Lagerfeld lehnt sich zurück, »ja, es gibt da ein durchgehendes Motiv, aber darüber spreche ich nicht. Sollen sich die Betrachter doch den Kopf zerbrechen, ich werde es nicht erzählen."

Jochen Siemens