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SURREALISMUS: Bitte berühren: »Die unheimliche Frau«

Surrealistische Männerängste sind das Thema einer Ausstellung in Bielefeld, in der die Weiblichkeit aus Künstler- und Künstlerinnenperspektive dargestellt wird.

»Bitte berühren«, forderte Marcel Duchamp, der auf dem Umschlag eines Kataloges eine Gummibrust befestigt hatte, bereits 1947 die Besucher einer Ausstellung auf.

Und »Tapp- und Tastkino« nannte Valie Export 1968 eine ihrer öffentlichen Aktionen. Vor dem Oberkörper trug sie einen verhängten Kasten und drängte die Männer zur Berührung ihrer darunter verborgenen Brüste.

Surrealistische Männerängste sind das Thema einer Ausstellung der Kunsthalle Bielefeld. Vom 1. September bis zum 18. November ist dort »Die unheimliche Frau« zu sehen. Die Schau versucht die Weiblichkeit im Surrealismus aus der Künstler- wie der Künstlerinnenperspektive darzustellen.

Werke von Munch, Dali, Picasso bis Bourgeois

Zu sehen sind Arbeiten von Edvard Munch über Salvador Dali, Max Ernst, Rene Magritte, Paul Delvaux, Meret Oppenheim und Dorothea Tanning bis zu Cindy Sherman und Louise Bourgeois. Rund 110 Werke schlagen einen Bogen von den symbolistischen Vorläufern der Surrealisten im ausgehenden 19. Jahrhundert bis zu den Künstlerinnen der Gegenwart. Denn: Das 20. Jahrhundert war insgesamt ein unheimlich weibliches.

Vollbrüstige »Paranoia«, mordende Würgeengel und kopflose Akte

Die Frauen der Surrealisten sind ambivalente Mischwesen zwischen Erhöhung und Erniedrigung. Ob als naturverhaftete »Mutter Erde« von Andre Masson, als pferdeköpfige Hybris »Reine Vernunft« von Magritte, kopflose, dabei vollbrüstige »Paranoia« von Dali oder als geflügeltes, Männerblut saugendes Insekt bei Victor Brauner, Weiblichkeit flößt den Surrealisten - körperlich und geistig - Angst ein. Zwar ist die Frau stets erotisches Objekt, der Mann aber ebenso ihr Opfer.

Die Surrealistinnen entwarfen eher zaghafte Gegenbilder. Während Meret Oppenheim sich im Alter von 17 Jahren programmatisch als Kinder mordenden Würgeengel darstellte und im Röntgenbild ihre attraktive Erscheinung auf Haut und Knochen reduzierte, schwebt Leonor Fini als Geliebte Max Ernsts mit Kerzen im zerzausten Haar an dessen Freundin Leonora Carrington vorbei. Dorothea Tanning porträtiert sich als verführerischen kopflosen Akt, nur dass sie in der Hand ein Lorgnon aus ihren eigenen Augen hält, mit denen sie sich von außen betrachtet.

Lässig: Nackter mit Bierdose

Die Formulierungen der zeitgenössischen Künstlerinnen zur Weiblichkeit sind kruder - ihre Darstellungen radikal. Und so eigneten sich die Britinnen Sarah Lucas und Tracey Emin Männerposen an. Lakonisch stellt Emin mit ihrer Neon-Plastik eines Frauenunterleibes deren auf Erotik reduzierten Objektcharakter dar, während Lucas? Fotografien das Machotum lächerlich machen. Vor ihrem Körper trägt die Künstlerin das Bild eines breitbeinig dastehenden Nackten, der lässig eine Bierdose aufreißt.

Ihre Weiblichkeit würde von den Künstlerinnen heute nicht mehr in Frage gestellt, meinte Christiane Heuwinkel von der Kunsthalle Bielefeld.

»Sie sind längst selbstbewusster. Und für die Künstler hat sich das Thema erledigt.«