Ein Mann holt seine Frau von der Arbeit ab, um sie mit einem Ausflug zu überraschen. Eine romantische Geste, so sieht Ronan Doyle (Barry John Kinsella) das. Dass Grace (Lucianne McEvoy) ihn vor Kurzem verlassen hat und er sie mit einer Waffe zum Mitkommen zwingen muss – nebensächlich: "Früher hast du mich geliebt, und das wirst du auch wieder, ich versprech's dir!"
Ging es im vorherigen Fall um einen Femizid aus verletztem männlichen Stolz, führt die Kränkung durch eine Frau im zwölften Film der ARD-Reihe "Der Irland-Krimi: Du gehörst mir" am Donnerstagabend zu einer blutigen Geiselnahme. – Ein Fall für das Team von Superintendent Sean Kelly (Declan Conlon) und Kriminalpsychologin Cathrin Blake (Désirée Nosbusch). Per Handyortung können sie den Weg der Doyles verfolgen. Bei einem Zwischenstopp in einem Pub eskaliert die Situation: Ronan erschießt den Besitzer und bringt die Gäste in seine Gewalt.
Die Macht der Kränkung
Was Kränkungen und verletzter Stolz auslösen können, beschreibt der Psychologe Reinhard Haller in seinem Buch "Die Macht der Kränkung": "Was kränkt, macht krank, was kränkt, löst Krisen aus." Er sei sicher, dass Kränkungen "Ehen zerstören, Amokläufe erklären und psychosomatische Krankheiten bewirken" können.
Bei Ronan Doyle kommt eine narzisstische Störung hinzu. Zu dieser Diagnose kommt Cathrin Blake nach einem Telefonat mit ihm, in welchem ihr auffällt, wie extrem er auf Lob reagiert. Knut Gärtner, Oberarzt an der Klinik für Persönlichkeits- und Traumafolgestörungen der Asklepios Klinik Nord-Ochsenzoll, bestätigt das: Narzissmus sei eine "übersteigerte Form des Strebens nach Selbstwert". Betroffene brauchen die Bestätigung durch andere. "Sie können unter psychischem Stress schlecht zwischen Sachebene und persönlicher Ebene unterscheiden, bei Kritik wird ihr gesamtes Dasein infrage gestellt, nicht ein punktuelles Verhalten."
Psychologin gegen Verhandlungsexperte
Und Cathrin weiß: Wenn Narzissten sich gedemütigt fühlen, steigt die Wahrscheinlichkeit für gewalttätige Ausbrüche. Ihre Taktik daher: "Er braucht Lob und Bewunderung, also kriegt er Lob und Bewunderung" – und das freundliche Angebot, einen Fluchtwagen zu bekommen, um eine friedliche Lösung zu erreichen.
Damit bringt die Psychologin den Verhandlungsexperten Daniel McCurren (Richard Clements) gegen sich auf. Ein arroganter Macho, der auf Härte und direkte Konfrontation setzt. Cathrin krieche Doyle in den Allerwertesten, so werde er sie nie als Autoritätsperson respektieren. – "Das braucht er auch nicht, als Gesprächspartnerin reicht mir völlig."
Drehbuchautorin Katrin Bühlig interessierte an Ronan Doyles Figur besonders, "warum jemand eine Trennung nicht akzeptieren kann und ihm scheinbar keine anderen Bewältigungsstrategien zur Verfügung stehen". Seine narzisstische Persönlichkeitsstörung erkläre vieles: "Er fordert Aufmerksamkeit und Bewunderung, kann sie anderen aber kaum entgegenbringen. Gleichzeitig ist er unsicher und verletzlich – Facetten, die zunächst widersprüchlich wirken, aber durchaus Teil einer solchen Störung sein können."
"Der Irland-Krimi: Du gehörst mir" ist eine interessante Lektion zum Thema Narzissmus und toxische Männlichkeit, eingebettet in ein spannendes Krimidrama.
"Der Irland-Krimi: Du gehörst mir" – Do. 16.04. – ARD: 20.15 Uhr