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Schnarchen: Endlich Ruhe im Bett

Jeder vierte Mann unter 60 schnarcht, bei den älteren sind es deutlich mehr. Aber wie entsteht der nächtliche Lärm? In welchen Fällen ist die Gesundheit gefährdet? Und wann ist eine Operation sinnvoll? Diesen Fragen sind Hals-Nasen-Ohrenärzte auf der Spur.

Von Eva-Maria Schnurr

Der Mann sieht erleichtert aus. Er schüttelt dem Professor die Hand, einen Bekannten werde er auch mal vorbeischicken, sagt er, der habe das Problem ebenfalls. Nicht nur er: Professor Karl Hörmann schaut kurz aus der Tür seines Sekretariats. Alle Stühle im Gang sind belegt, dort warten noch mehr Patienten mit "dem Problem". Sie sind viele. Sie sind laut. Und Hörmann, Präsident der Deutschen Akademie für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde und Direktor der Universitäts-HNO-Klinik Mannheim, soll sie ruhigstellen.

Denn sie schnarchen. Nicht nur ab und zu und nicht nur, wenn sie mal blöd auf dem Rücken schlafen. Echte Schnarcher sägen die ganze Nacht, und so laut, dass sie bisweilen sogar Presslufthämmer übertönen. Statistisch gesehen wird jeder Zweite im Laufe seines Lebens zum nächtlichen Ruhestörer. Hörmann nennt die Risikogruppen: Männer schnarchen häufiger als Frauen, Ältere und Übergewichtige mehr als Junge und Schlanke. Und wer Alkohol trinkt, schnarcht oft, selbst wenn er sonst mucksmäuschenstill schlummert.

Ein zuverlässiges Mittel gibt es nicht

Die Schnarcher da draußen im Gang können froh sein, dass sie heute leben. Früher hätten sie sich Lederriemen um Kopf und Kinn geschlungen, eine fest sitzende Maske, um ihren Mund geschlossen und die Schlafgeräusche so möglichst leise zu halten. Inzwischen sind die Behandlungs- und Operationsmethoden freundlicher - und wirksamer.

Doch das eine, das zuverlässige, das immer hilfreiche Mittel gegen die nächtlichen Lärmattacken, das gibt es nicht. Denn "das Problem", es ist ein anatomisches. Und der Körperbau ist bei jedem Menschen höchst unterschiedlich, auch was die am nächtlichen Lärm beteiligten Organe angeht. Aussicht auf Ruhe besteht nur, wenn die Anti-Schnarch-Profis die Ursache für die nervigen Sägegeräusche möglichst genau bestimmen und Eingriffe ganz individuell planen.

Die Schuldigen: Nase, Gaumensegel, Zungengrund

Schnarchen entsteht in den Atemwegen, erklärt Hörmann. Er holt das lebensgroße Querschnittsmodell eines menschlichen Kopfes aus dem Schrank. Deutet auf die Gegend zwischen Mund, Nase und Luftröhre. Irgendwo dort kommt es bei Schnarchern zu Vibrationen - und die machen Krach. Manchmal pfeift es in der Nase, weil die verstopft oder zu eng ist.

Oft aber ist das Gaumensegel schuld. Das hängt hinten im Rachen und sorgt dafür, dass Essen und Getränke nicht in die Nase geraten. Man kann es sehen, wenn man sich vor den Spiegel stellt, den Mund weit aufsperrt und "A" sagt: Es ist der rosafarbene Schleimhautlappen, an dessen unterem Ende das Zäpfchen hängt. Ist das zu lang oder zu schlaff, flattert das Segel nachts im Wind des Atems - der Mensch schnarcht.

Doch auch der Zungengrund, an dem die Zunge tief im Schlund befestigt ist, kann den Lärm verursachen: Er rutscht im Schlaf nach hinten und verengt den Weg. Quetscht sich die Luft vorbei, gibt es Geräusche.

Schlaffe Muskeln sorgen für Krach

Was das mit Mann-, Dick-, Älter oder Alkoholisiertsein zu tun hat? Professor Hörmann sagt nur zwei Worte: "Schlaffe Muskeln." Im Schlaf sind die Muskeln entspannt, die beim Wachsein die Atemwege offen halten. Je älter man wird, umso schlapper wird die Muskulatur, auch die im Rachen. Und je schlabbriger das Gewebe, desto eher weht es nachts in der Atemluft.

Zwischen 25 und 60 schnarcht nur einer von vier Männern. Danach aber sind es zwei von drei. Alkohol hat eine ähnliche Wirkung, denn er entspannt die Muskeln besonders stark. Bei Übergewichtigen sorgen Fetteinlagerungen dafür, dass die Atemwege enger werden. Frauen sind bis zu den Wechseljahren meist durch das Hormon Östrogen geschützt - es hat eine muskelstraffende Wirkung. "Frauen fangen deshalb erst mit 55, 60 Jahren an zu sägen", sagt Hörmann.

Wer mit "dem Problem" zu ihm kommt, wird zuerst ganz genau diagnostiziert. Denn nicht jedes Schnarchen ist einfach nur laut. Bei einigen Menschen sind die Luftwege so eng, dass sie nachts immer wieder keine Luft mehr bekommen - manchmal bis zu zwei Minuten lang. Diese "Schlaf-Apnoe" äußert sich oft in bleierner Müdigkeit und unwillkürlichem Einnicken am Tag, sie steigert das Risiko für Schlaganfälle und Herzinfarkte.

Das Gehirn meldet Erstickungsgefahr

Vor allem Schlanke und Jüngere trifft stattdessen das "Upper Airway Resistance Syndrom" (UARS) - bei ihnen verengt Gewebe die oberen Atemwege, sodass der Widerstand im Atemweg ansteigt und sie nur unter Anstrengung Luft bekommen. Das Gehirn meldet "Erstickungsgefahr", der Mensch schreckt immer wieder unbewusst auf - und ist tagsüber ständig unausgeschlafen.

"Oft kann man schon am Geräusch erkennen, ob das Schnarchen harmlos oder gefährlich ist", sagt Joachim Maurer, Leiter des Schlaflabors der Universitäts-HNO-Klinik Mannheim. Er demonstriert die Geräusche: Ungefährliches Schnarchen ist regelmäßig, es klingt ziemlich so, wie jeder Schnarchen nachmacht - beteiligt ist meist nur das Gaumensegel. Gefährliches Schnarchen dagegen verläuft oft unregelmäßig: Auf zwei, drei Schnarcher folgt vielleicht eine halbe Minute Pause. Es kommt tief aus der Kehle, hört sich an, als wäre jemand gerade am Ersticken: röchelnd und irgendwie ungut.

Druckmessung in der Nase

Um gefährliche Schnarcherkrankungen auszuschließen, müssen die Patienten zunächst einen Fragebogen ausfüllen, in dem nach Tagesmüdigkeit und sonstigen Schlafproblemen gefragt wird. Dann messen spezielle Geräte eine Nacht lang den Schlaf der Ruhestörer - zunächst ambulant zu Hause, wenn es Auffälligkeiten gibt, noch einmal im Schlaflabor. Den UARS-Schnarchern kommen die Ärzte mit einer Druckmessung auf die Spur: Durch die Nase wird eine Sonde eingeführt, die erkennt, ob der Atemwiderstand nachts ansteigt.

Erst wenn alle Tests unauffällig sind, ist klar: Das Schnarchen ist nicht gefährlich. Was es aber nicht leiser macht. Und das Ruhestörungsproblem zu einem finanziellen werden lässt. Denn harmloses Schnarchen ist eben: harmlos. Und deshalb für die Krankenkassen ein kosmetisches Problem wie Segelohren oder Schlupflider. Sie zahlen keine Behandlung. "Auch die Motivation, etwas machen zu lassen, ändert sich durch die Diagnose", sagt Maurer. Wer nachts Atemstillstände hat, macht die Therapie für sich - und nimmt deshalb eher unangenehme Methoden in Kauf. Wer dagegen einfach nur schnarcht, geht "das Problem" vor allem seinem Partner zuliebe an. Und will es möglichst ohne großen Aufwand lösen.

Anti-Schnarch-Versprechen sind haltlos

Unzählige Anbieter, Erfinder und auch Scharlatane versuchen deshalb, ihre Anti-Schnarchmittelchen an den Mann (oder die Frau) zu bringen: Sprays, Kräutertinkturen, spezielle Kopfkissen, Schnuller oder Gymnastik. Alles nicht so teuer - aber alles auch nicht wirklich wirksam. "Meist setzt man damit nur Geld in den Sand", sagt Maurer, der in einer Kiste unter seinem Schreibtisch sammelt, was ihm an Anti-Schnarch-Versprechen so in die Hände fällt. Wissenschaftlich bewiesen ist nur das Wenigste.

Die Mediziner gehen auch beim harmlosen Schnarchen systematisch vor. "Die Therapie ist ganz von der Anatomie des Einzelnen abhängig", sagt Maurer. Um überhaupt behandeln zu können, muss erst einmal klar sein, wo der Lärm entsteht. Sind die Luftwege in der Nase zu eng? Das kann man mit Nasenklammern oder Nasenspray testen, die nachts die Nase offen halten. Funktioniert das, ist über eine Nasenoperation nachzudenken.

Kein Platz mehr für die Luft

Bei einigen Schnarchern fällt der Unterkiefer nachts so weit zurück, dass im Hals kein Platz mehr für die Luft bleibt. Ihnen hilft eine Zahnschiene, die den Kiefer vorne hält. "Diese Methode eignet sich aber nur, wenn der Patient noch Zähne hat, wenn er nachts nicht knirscht oder beißt und wenn der Unterkiefer sich überhaupt so weit nach vorne ziehen lässt", sagt Hörmann.

Im Rachen können die Mediziner mit einer "Schlafvideo-Endoskopie" nach vibrierendem Gewebe fahnden. Dazu bekommt der Schnarchpatient ein Schlafmittel, durch seine Nase wird ein Schlauch mit einer kleinen Kamera eingeführt, die ausspioniert, wo und warum sich die Luft in Lärm verwandelt. "Am einfachsten ist es, wenn nur der Weichgaumen vibriert", sagt Maurer: Denn der lässt sich ziemlich leicht versteifen.

Die neueste und schonendste Methode sind drei weiße Kunststoffstäbchen, etwa halb so lang und halb so dünn wie ein Streichholz. Sie werden mit einer Art Pistole schmerzfrei im hinteren Gaumenbereich implantiert - parallel nebeneinander stützen sie das Gewebe wie ein Korsett von innen. "Diese Methode ist aber nur für etwa jeden zehnten Schnarcher geeignet", sagt Hörmann: Wer etwa zu große Mandeln oder starkes Übergewicht hat, bei dem wirken die Stäbchen nicht.

Störendes Gewebe im Rachen

Eventuell kommt dann die Radiofrequenzmethode infrage. Dabei wird das Gewebe im Gaumen gezielt geschädigt, es schrumpft und zieht sich zusammen, das Geflatter ist erst einmal vermindert. Mit dieser Methode operieren die Schnarchmediziner inzwischen auch zu lange Zäpfchen oder sonstiges störendes Gewebe im Rachen.

Weil harmloses Schnarchen kein medizinisches Problem ist, gehen sie möglichst schonend vor. "Es kann ja sein, dass jemand, der heute nur schnarcht, in einigen Jahren eine Schlaf-Apnoe bekommt. Dann muss man mit der Behandlung nachlegen können", sagt Maurer. Große Eingriffe, bei denen etwa das gesamte Zäpfchen abgeschnitten und das Gaumensegel radikal verkleinert wird, bietet man harmlosen Schnarchern deshalb nicht mehr an.

Schnarchen im Ohr des Anderen

Ganz verschwindet das Schnarchen übrigens auch nach einer Operation nur selten. "Es wird leiser, oder die Frequenz ändert sich", sagt Maurer. Oft aber reicht das den gequälten Passivschnarchern im Bett nebenan schon: Denn Schnarchen ist ein höchst subjektives Problem. Zwar gibt es inzwischen Geräte wie das "Snorometer", die messen sollen, ob und wie schlimm jemand schnarcht. Doch die Belästigung liegt nicht so sehr in der tatsächlichen Lautstärke, sondern eher im Ohr des Partners: Den einen stört schon lautes Atmen, der andere schlummert neben dem sägenden Partner friedlich weiter.

Das heißt aber umgekehrt auch: Schnarchopfer zu sein ist auch Einstellungssache. "Wer den Lärm des Partners akzeptiert, wird weniger davon gestört", sagt der Regensburger Schlafforscher Jürgen Zulley. Zumindest in Maßen könne man nächtliche Lärmtoleranz erlernen. Schließlich schlafen die meisten auch seelenruhig weiter, wenn vor dem Fenster ein Lkw vorbeibrummt.

Zulley warnt: Wer sich nerven lässt und sich in eine Schnarch-Wut hineinsteigert, wird schon beim kleinsten Schnorcheln wach. Im Zweifel helfen dann nur getrennte Schlafzimmer - gegen den Lärm wie gegen die drohende Schnarchbeziehungskrise, sagt der Mannheimer Schnarch-Experte Karl Hörmann, bevor er den nächsten Mann ins Sprechzimmer winkt. "Das jedenfalls rate ich meinen Patienten immer zuerst."

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  • Eva-Maria Schnurr