Vor der Eröffnung der Olympischen Winterspiele Giovanni di Lorenzo im Interview: "Ich kenne kein romantischeres Volk als die Deutschen"

  • von Eric Leimann
Debüt als Olympia-Reporter: Der Italienkenner und "passive Sportfan" Giovanni du Lorenzo kommentiert die Eröffnungsfeier der Olympischen Winterspiele Mailand Cortina 2026 an der Seit von ARD-Stimme Tom Bartels.
Debüt als Olympia-Reporter: Der Italienkenner und "passive Sportfan" Giovanni du Lorenzo kommentiert die Eröffnungsfeier der Olympischen Winterspiele Mailand Cortina 2026 an der Seit von ARD-Stimme Tom Bartels.
©  Vera Tammen
Diese Olympische Eröffnungsfeier könnte sich auch wegen ihres Co-Kommentars lohnen: Giovanni di Lorenzo beobachtet an der Seite von ARD-Stimme Tom Bartels den Auftakt der Winterspiele Mailand Cortina 2026. Im Interview verrät der Sportfan schon mal geheimes Wissen über Deutsche und Italiener.

Giovanni di Lorenzo ist Chefredakteur der Wochenzeitung "Die Zeit", Mitherausgeber des "Berliner Tagesspiegel" und Gastgeber der Talkshow "3 nach 9" bei Radio Bremen. Dazu ist der Journalist mit deutscher Mutter und italienischem Vater einer der bedeutenden Intellektuellen unseres Landes, dessen Meinung Gehör findet. Als Sport-Reporter ist er bisher nicht aufgefallen. Trotzdem kommentiert der Wahl-Hamburger nun gemeinsam mit ARD-Stimme Tom Bartels die Eröffnungsfeier der Olympische Winterspiele Mailand Cortina 2026 (Freitag, 6. Februar, 19.50 Uhr, Das Erste). Im Interview verrät der 66-Jährige ungewöhnliche Details über seine große Sportleidenschaft und erklärt, was Deutsche und Italiener verbindet – und trennt.

teleschau: Als Sport-Reporter sind Sie bisher nicht in Erscheinung getreten. Wie kommt es, dass Sie die Eröffnungsfeier der Olympischen Winterspiele mitkommentieren?

Giovanni di Lorenzo: Ich war selbst unfassbar überrascht, dass mich der Bayerische Rundfunk, bei dem ich meine Anfänge als Fernsehmoderator machen durfte, im Sommer gefragt hat. Aber natürlich hat mich das auch gefreut, denn ich bin ein riesiger Sportfan. Aber ich bin auch nicht mehr als der halbitalienische Sidekick des großartigen Tom Bartels.

teleschau: Über Ihre Sportleidenschaft ist bisher wenig bekannt ...

di Lorenzo: Ja, man sieht es mir vielleicht nicht an. Aber jeder, der mal mit mir zusammengearbeitet hat oder mich privat kennt, weiß: Bei mir läuft ständig der Fernseher mit Sportübertragungen. Ich bin von fast allem begeistert. Nur mit Darts und ein paar anderen Disziplinen wie Hockey habe ich Probleme. Ansonsten brenne ich für Leichtathletik, Radrennen und besonders für Tennis. Sämtliche Wintersportarten interessieren mich sehr, da entgeht mir wenig.

" Ich war in allen Sportarten gleich schlecht"

teleschau: Sind Sie auch ein aktiver Sportler?

di Lorenzo: Sagen wir es so: Ich war in allen Sportarten gleich schlecht. Vielleicht kommt daher die Besessenheit, mich passiv so intensiv damit zu beschäftigen. Ich suchte schon früh die Nähe zum Sport. Als Student in München bin ich 1982 extra mit meinem fast schrottreifen Renault 5 nach Schladming zur Ski-WM gefahren, um da einen Job anzutreten.

teleschau: Was haben Sie denn gemacht?

di Lorenzo: Ich arbeitete als Übersetzer für die italienische Firma Olivetti. Der Chef der Olivetti-Delegation war praktischerweise mein Onkel.

teleschau: Wir haben noch nicht über Ihr Verhältnis zum Fußball gesprochen ...

di Lorenzo: Fußball habe ich als "gesetzt" erachtet, ich verfolge ihn sehr intensiv. Mein Lieblingsclub ist mir ein wenig peinlich, weil es dort in den letzten Jahren und Jahrzehnten so viele Skandale gab, es ist Juventus Turin. Jedoch ist es fast unmöglich, sich von der ersten Mannschaft, die man im Leben hatte, zu trennen. In Hamburg schlägt mein Herz übrigens für den FC St. Pauli.

"Das ist für mich eine Höllenqual"

teleschau: Kommen wir zurück zum Wintersport. Haben Wettbewerbe auf Eis und Schnee eine eigene Faszination?

di Lorenzo: Ja, die Geschwindigkeit. Wenn man Abfahrtrennen oder Super-G schaut, ist das einfach ein Rausch der Geschwindigkeit, dem man sich hingibt. Ich bin aber auch an allem anderen interessiert. Das war ich schon immer! Vor allem, wenn Italiener stark waren. Ich kann mich an den total überraschenden Olympiasieg 1968 von Franco Nones im 30-Kilometer-Skilanglauf in Grenoble erinnern. Das Ereignis gehört zu meinen ersten Erlebnissen, an das ich mich als Sportfan erinnere.

teleschau: Für wen sind Sie, wenn Deutsche gegen Italiener antreten?

di Lorenzo: Das ist für mich eine Höllenqual. Gott sei Dank ist es häufig so, dass Deutsche und Italiener teilnehmen, aber nicht unbedingt gegeneinander kämpfen. So habe ich oft Grund zur Freude, weil ich gleich zwei Mannschaften anfeuern kann.

teleschau: Nun kommt es bisweilen vor, dass sich Deutschland und Italien in wichtigen Fußballspielen gegenüberstehen. Da können Sie nicht neutral bleiben, oder?

di Lorenzo: Nein, auch da gilt: Die erste Mannschaft ist jene, die bleibt. 1968 ist Italien Fußball-Europameister geworden. Seitdem bin ich Fan. Auch wenn das Team in letzter Zeit international nicht wirklich wettbewerbsfähig war, aber das ist ein eigenes Thema der Schmach.

"Meine Mutter schwärmte offenbar sehr vom deutschen Wald"

teleschau: Haben Deutsche und Italiener für Sie eine große Gemeinsamkeit?

di Lorenzo: Ich halte Deutsche und Italiener für recht unterschiedlich. Natürlich sind es immer Allgemeinplätze und Klischees, wenn man zwei Nationen miteinander vergleicht. Ein Volk besteht aus vielen, sehr unterschiedlichen Individuen. Dennoch ist an jedem Klischee auch etwas dran – und es gibt große Missverständnisse zwischen Italienern und Deutschen!

teleschau: Welche denn?

di Lorenzo: Italiener gelten als romantisch, dabei kenne ich kein romantischeres Volk als die Deutschen. Italiener hingegen pflegen einen sehr pragmatischen Zugang zur Realität.

teleschau: Woran machen Sie die Romantik der Deutschen fest?

di Lorenzo: An der Fähigkeit, sich für Dinge zu begeistern. Eine meiner frühen Kindheitserinnerungen ist, dass eine wunderbare italienische Tante von mir – eine sehr kämpferische Anti-Faschistin – meine Mutter in Deutschland besuchte. Die beiden machten einen Spaziergang, und meine Mutter schwärmte offenbar sehr vom deutschen Wald. Danach meinte meine Tante: Irgendwie seid ihr Deutschen mir immer noch unheimlich – wegen eurer Begeisterungsfähigkeit und Hingabe. Der Wald war schön, aber wirklich nichts Besonderes. Und meine arme Mutter, die brach erst mal in Tränen aus.

"Dieser Mythos hat allerdings stark gelitten"

teleschau: Andererseits bewundern Deutsche die Emotionalität der Südländer. Auch beim Fußball: Da wird dann von der Begeisterung der Tifosi geschwärmt ...

di Lorenzo: Ich denke, das ist ein typischer Fall von Projektion. Und auch ein wenig der verklärte Blick von außen. Der italienische Fußball hat viel größere Probleme als der deutsche. Die einflussreiche Ultra-Bewegung ist durchsetzt von kriminellen Elementen. Da sind einige wirklich üble Gesellen darunter. Hinzu kommt, dass viele Stadien in Italien marode sind und dass der Clubfußball jahrelang große Fehler gemacht hat. Man hat zu sehr auf Stars gebaut, die ihren Zenit bereits überschritten hatten. Ronaldo bei Juve ist das prominenteste Beispiel. Die systematische Förderung und Sichtung junger Talente ist in Deutschland viel besser organisiert als in Italien.

teleschau: Was vermissen Sie an Italien?

di Lorenzo: Bevor ich Ihre Frage beantworte, muss ich erst mal sagen, dass sich die beiden Länder viel ähnlicher geworden sind, wenn man es mit meiner Kindheit und Jugend vergleicht. Wenn ich früher aus den Ferien in Italien nach Deutschland zurückkam, war ich erleichtert, weil hier alles viel besser funktionierte. Natürlich habe ich das Wetter und das Essen vermisst, aber es hat unglaublich gut getan, dass in Deutschland alles so gut organisiert war. Dieser Mythos hat allerdings stark gelitten. Und das ist leider nicht nur lustig.

"In Peking sah vieles aus, als hätte eine KI Bilder von Sportstätten erzeugt"

teleschau: Wie hat sich Italien verändert seit ihrer Jugend?

di Lorenzo: Ich glaube, fast alle Nationen haben sich in Sachen Bedürfnisse und Mentalität angenähert. Es ist ein Ergebnis der Globalisierung. Wir konsumieren auf sehr ähnliche Art, wir verstehen Politik auf ähnliche Weise. Die Menschen sind in ihrer Art ähnlicher als früher.

teleschau: Gilt das auch für Austragungsorte Olympischer Winterspiele? Spielt es noch eine Rolle, ob Spiele in Italien, Frankreich, Österreich, der Schweiz oder auf anderen Kontinenten stattfinden? Befinden sich nicht überall die gleichen Läden in den Fußgängerzonen?

di Lorenzo: Ich finde schon, dass es ein riesiger Unterschied ist. Vergleichen Sie doch mal Peking in China mit Cortina d'Ampezzo in Italien ...

teleschau: Aber braucht es nicht einfach einen Berg und Schnee vor der Tür?

di Lorenzo: Ich bitte Sie! Allein, wenn Sie die politischen Systeme betrachten. Die färben doch stark auf die Spiele und ihre Atmosphäre ab. Auch der Vergleich eines historischen Wintersportortes mit aus dem Boden gestampften Anlagen fällt eindeutig aus. In Peking sah vieles aus, als hätte eine KI Bilder von Sportstätten erzeugt, die es nicht wirklich gibt. Geschichte, Atmosphäre, gesellschaftliche und politische Realität – all das spürt man in jedem Fall auch bei Olympischen Spielen.

"Es ist immer so eine Sache, wenn man seine Idole trifft"

teleschau: Sie sagten am Anfang, Sie seien selbst unsportlich. Kann man trotzdem Sportexperte sein?

di Lorenzo: Ich bin Sportfan, kein Experte. Ich kommentiere ja auch keine Wettbewerbe. Mein Fantum ist sicher auch ein bisschen Kompensation der eigenen Unbegabtheit. Meine absolute Lieblingssportart ist Tennis. Da habe ich vor mehr als fünf Jahren einen ganz jungen italienischen Sportler für mich entdeckt, über den ich damals jedem gesagt habe: Er wird mal die Nummer eins der Welt. Damals haben viele gesagt: "Ja, ja, Giovanni, träum weiter." Das war Jannik Sinner, von dem ich bis heute kaum ein Spiel verpasse.

teleschau: Sie sind also Sinner-Fan?

di Lorenzo: Das kann man wohl sagen. Ich habe ihn sogar schon mal interviewt, nachdem ich mich sehr um ein Gespräch bemüht hatte.

teleschau: Und wie war er so?

di Lorenzo: Glücklicherweise sehr angenehm und nett. Es ist immer so eine Sache, wenn man seine Idole trifft. Man kann eine große Liebe zerstören, wenn man enttäuscht aus so einer Begegnung herausgeht. In meinem Fall war es aber ein ganz wunderbares Treffen.

TELESCHAU

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