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"Abends um 10": Die Suche nach dem Glück

Kinder leiden oft unbemerkt, wenn ein Elternteil depressiv ist. "Abends um 10" heißt das bemerkenswerte Deutschlanddebüt der Neuseeländerin Kate de Goldi, das von Frankie und seiner kranken Mutter erzählt.

"Abends um 10" schleicht Frankie immer ins Zimmer seiner Mutter. Bei ihr lädt er all seine Sorgen und Ängste ab, nur sie kann ihn beruhigen. Ma versichert Frankie, dass er garantiert keine Hepatitis oder Vogelgrippe hat, die Erdbebenvorräte der Familie ausreichen und das Ozonloch uns nicht demnächst alle verschlingt. Gegen eine Angst ist aber auch sie machtlos: Frankie will nicht so werden wie seine Mutter - also: nicht ganz "normal".

Die neuseeländische Autorin Kate de Goldi gibt mit "Abends um 10" ihr gelungenes Deutschlanddebüt. Sie erzählt die berührende, komische und nachdenklich machende Geschichte einer außergewöhnlichen Familie. Manche mögen es seltsam finden, dass der 12-jährige Frankie und seine halbwüchsigen Geschwister Gordana und Louie einen Vater haben, der "Onkel George" heißt.

Eine lange Sorgenliste

Nur wenige aber wissen, dass Frankies Mutter zwar eine hervorragende, berufsmäßige Kuchenbäckerin ist, aber das Haus seit Jahren nicht mehr verlassen hat. Frankies bester Freund Gigs ist eingeweiht, spricht seinen Kumpel aber am liebsten nicht auf das Problem an.

Als die freche Sydney mit den Rastalocken und den Glubschaugen neu in die Klasse kommt, freundet sich Frankie mit ihr an. Doch schon schnell wird ihm ihr Übermut unheimlich, denn ihre neugierigen Fragen machen auch vor Frankies anstrengendem Familienleben nicht halt. Dabei hat es Sydney selbst alles andere als leicht.

Sydneys forsche Art verhilft Frankie zu mehr Selbstbewusstsein. Doch "die Nagestimme", die dem Jungen seine Ängste einflüstert, verstummt nicht. Im Gegenteil: Frankies Sorgenliste wird immer länger. Aber er will das alles nicht mehr: "diese ganzen Sorgen, Sorgen, Sorgen, um sich selbst, um Ma, um die Welt."

Mit Witz und Ironie

Als Sydney ankündigt, sie müsse mit ihrer Mutter in eine andere Stadt ziehen, bricht Frankies sorgsam aufgebaute Alltags-Fassade zusammen. Er erleidet einen echten Zusammenbruch, kommt tagelang nicht mehr aus dem Bett und findet erst bei einer seiner drei exzentrischen Tanten Trost und die Kraft für einen Neuanfang - und für ein erstes offenes Gespräch mit der Mutter über seine Gefühle.

Die Autorin zeigt wie zart und verletzlich Kinderseelen sind, auch wenn sie sich nach außen stark geben und als echte Stützen des schwierigen Familienlebens verlässlich funktionieren. Frankies Leidenschaft sind Vögel - oft scheue, aber freie und unabhängige Wesen, deren unterschiedliche Eigenschaften er gerne auch Menschen zuordnet. Am Ende der Geschichte gibt es zwar kein Happy End, aber Frankie verlässt den Käfig, in dem er seine Emotionen kontrollieren wollte. De Goldi ist ein starker Roman gelungen, der Kindern und Eltern neuen Mut geben kann. Witz und Ironie kommen dabei nicht zu kurz.

Elke Vogel/DPA / DPA