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"Kurioses aus Venedig": Donna Leons wildes Venedig

Donna Leon hat mal wieder in venezianischen Archiven gestöbert. Dabei ist sie auf Geschichten und Anekdoten gestoßen, von denen sie einige in dem neuen Bändchen "Kurioses aus Venedig" veröffentlicht.

Geschichten sind ein bisschen wie Risotto: Das Ganze köchelt vor sich hin, und nach und nach werden verschiedene Zutaten hinzugefügt. Donna Leons Definition ist zugleich ihr Rezept. Nicht nur für eigene Gerichte respektive Geschichten. Vielmehr hat die amerikanische Autorin und Wahl-Italienerin eine Vorliebe für jahrhundertealte archivierte oder mündlich überlieferte Episoden und Anekdoten, deren variantenreiche Vielfalt sie begeistert und die sie ebenso gern weitergibt. Jüngstes Beispiel ist ihr Büchlein "Kurioses aus Venedig", das passenderweise mit wunderbarer Musik von Antonio Vivaldi ausgestattet wurde, der bekanntlich ebenfalls ein Venezianer war.

Obwohl Leon schon so viele Jahre in Venedig lebt, kommt ihre Perspektive doch immer noch von außen - was ihren Blick für Außergewöhnliches schärfer macht. Dass diese Stadt anders ist als andere Städte, liegt nicht nur an ihrer einzigartigen Bauweise auf Pfählen. Die Autorin vermutet als eine der Ursachen für das oftmals skurrile Verhalten der Venezianer ihre Kaufmannsseele, als eine andere ihren ausgemachten Sinn für Buchhaltung. Letzterem sind auch viele in Archiven dokumentierte Ereignisse zu verdanken, von denen sich einige in dem Büchlein wiederfinden, versehen mit Kommentaren und durchzogen mit dem feinen Humor der Autorin.

Nackte für die Nachwuchsquote

Dass ein Elefant einst in einer Kirche Zuflucht suchte und hier sein Ende fand, ist nicht einmal die ausgefallenste Geschichte. Mehr verwundert und amüsiert die Anekdote, dass Prostituierte Anfang des 15. Jahrhunderts für das Staatswohl eingesetzt wurden. Sie wurden per Gesetz dazu verdonnert, ihre Brüste in beleuchteten Fenstern und auf illuminierten Brücken zur Schau zu stellen, umso die Mannsbilder auf den "richtigen" Weg zu führen. Denn gerade in jener Zeit war männliche Homosexualität auf dem Vormarsch und die Nachwuchsquote eher mau.

Um noch einmal auf die Kaufmannsseele zurückzukommen: Reiche protzten auch damals schon gern mit ihrem Wohlstand. Eine Familie warf sogar nach jedem Gala-Essen die goldenen Teller aus dem Fenster in den Canal, um ihren Gästen zu zeigen, dass sie es sich leisten konnte (angeblich soll das kostbare Geschirr unter den Fenstern mit Netzen wieder aufgefangen worden sein). Um eine solche Verschwendung zu unterbinden, erließ die Stadt ein Gesetz, das öffentliches Zurschaustellen des Reichtums untersagte. Ja, es wurde sogar festgelegt, wie viel - oder besser: wie wenig - Schmuck eine Frau tragen durfte. Und: Schlafen auf diamantbestickten Kissen war grundsätzlich verboten.

Venezianische Meister

Ein Platz in Venedig ist nicht wie die meisten Sehenswürdigkeiten nach bedeutenden Persönlichkeiten, sondern vermutlich nach einem Mörder benannt, der kleine Kinder fing und daraus einen Eintopf machte, der unter Einheimischen berühmt war. Ja, es haben sich schon seltsame Dinge zwischen Renaissance und Barock in Venedig zugetragen. Leon ist es mit zu verdanken, dass diese nicht in Vergessenheit geraten.

Zum Genuss wird das Bändchen aber auch durch die wunderschönen Reproduktionen alter venezianischer Meister - von Canaletto über Tintoretto bis zu Longhi - und die dazugehörige CD mit Vivaldi-Musik, eingespielt auf historischen Instrumenten.

Frauke Kaberka/DPA / DPA
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