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"Landlust": Idylle im Zeitschriftenregal

Im digital beschleunigten Computerzeitalter sehnen sich viele nach Ruhe - und Natur. Deshalb sind die Laubenkolonien voll und auch am Kiosk verkauft sich die "Landlust". Das gleichnamige Magazin freut sich über seine steile Auflagenkurve.

Von Johannes Gernert

Die Chefredakteurin hat im Büro keinen Computer. Sie diktiert, bespricht und lässt die fertigen Texte zum Gegenlesen ausdrucken. Alles ohne PC. Zu unproduktiv wäre ein Rechner für ihren vollgestopften Alltag, sagt sie. Vielleicht ist auch das ein Grund, warum das Magazin, das Ute Frieling-Huchzermeyer verantwortet, sich derzeit so erfolgreich verkauft. Es heißt "Landlust" und es animiert mit Hutzelbirnen-Backrezepten und einem Lob aufs Kaffeekränzchen zum "Sich-Erden". So nennt Frieling-Huchzermeyer das. Damit scheint die studierte Landwirtin sich auszukennen. "Runterkommen", sagt sie auch. Die Auflage aber steigt und steigt. Seit 2006 hat sie sich beinahe vervierfacht. Jetzt sind es über 300.000 verkaufte Hefte. Und die Chefin sagt, sie sei ganz sicher, dass es auch noch 400.000 werden.

Bemerkenswert: Die meisten Zeitschriften verzeichnen seit Jahren Auflageneinbrüche. In der Nische dagegen, in der sich Landlust eingerichtet hat, ist jetzt sogar ein zweiter Titel dazugekommen. "Liebes Land". Die Grossisten werden gebeten, es an den Kiosken direkt neben "Landlust" zu platzieren. Es besteht Verwechslungsgefahr, nicht nur optisch. "Die schönsten Seiten des Landlebens" wollen die ersten präsentieren. "Die beste Art zu leben" versprechen die zweiten. Bald kommt auch noch ein drittes Heft dazu: "Landleben". Den Titel hat sich der ipm-Verlag schützen lassen. "Wir sind startbereit", sagt Geschäftsführer Richard Kerler. Wann es losgeht, sagt er nicht

Suche nach Heimeligem

Er hat aber eine Erklärung für die Landliebe der Leser: "Die Leute suchen wieder das Heimelige." Sein Verlag hat Erfahrung im "ländlichen Segment". Auch dessen Magazine "Country Haus" und "Landhaus" gehen immer besser. Das Gefühl, das viele Leser zu den Heften greifen lässt, kenne er selbst. Kerler erinnert sich noch, wie seine Großmutter Holundersekt hergestellt hat, mit Blüten und Wasser in der Sonne. "Solche Sachen wollen die Leute wieder wissen", glaubt er. Dazu kommt das Bedürfnis nach Entschleunigung. "Ruhe finden - Natur entdecken" steht auf einem "Liebes-Land"-Cover. "Nicht mit der rechten Hand im Internet surfen, mit der linken schnell einen Apfel essen und währenddessen kurz nachdenken, was die Oma zu Weihnachten bekommt", sagt Hannes Scholten, der Chefredakteur. "Immer mit der Ruhe" fordert also ein recht esoterischer Besinnungsaufsatz in der September-Ausgabe. Dazu ein Bild: Wald, Bach, Sonnenstrahlen zwischen Zweigen. Tief durchatmen. Was definitiv fehlt: Eine beigelegte CD mit Vogelgezwitscher.

Die wachsende Sehnsucht nach der Natur, dem Ursprünglichen, Unberührten, zeigt sich nicht nur an den Kiosken. "Simplify your life" ist ein Ratgeber-Bestseller. Im Fernsehen suchen Bauern Frauen und TV-Sternchen namens Gülcan machen Stall-Praktikum. In der Realität jenseits des Bildschirms beginnt in den Schrebergärten gerade ein Generationswechsel, hat eine Studie des Städtebauministeriums erst kürzlich festgestellt. Die Wartelisten für Lauben sind besonders in den Ballungszentren übervoll, berichtet der Bundesverband der Gartenfreunde.

Gemieteter Bio-Acker

Land bedeutet für die großstädtische Bionade-Bohème, die den Babybrei im Bioladen bezieht, dabei nicht zwangsläufig Umland. Es muss nicht immer ein Haus im Grünen sein. Manchen reicht auch die Gartenparzelle - oder ein gemieteter Bio-Acker. Auch das gibt es mittlerweile. In Nordrhein-Westfalen bepflanzen Bauern Beete und lassen Pächter gegen Gebühr Unkraut jäten und gießen. Dafür dürfen die Teilzeit-Gärtner am Ende ernten.

Sollten sie sich mit Großmutters Methoden nicht auskennen, erfahren sie in "Liebes Land", wie man die Ernte einmacht. "Landlust" verrät ihnen, was sie mit den gezüchteten Zwiebeln zubereiten könnten. Das Heft beinhaltet viele Rezepte, dazu eine Modestrecke mit Rosenmustern auf Wolle. Es liest sich ein wenig wie eine "Brigitte" für die Bauersfrau. Tatsächlich sind die Gesellschafter des Landwirtschaftsverlag, in dem "Landlust" neben "Milchrind" oder "SUS - Schweinezucht und Schweinemast" erscheint, verschiedene Landwirtschaftsverbände. Drei Viertel der Leser seien Frauen, sagt die Chefredakteurin, deren Mann Landwirt ist. Die Zielgruppe definiert sie als "naturverbundene, wertkonservative Leserschaft". Dass auch sogenannte Lohas dazu zählen, die einen ökologischen "Lifestyle of Health and Sustainability" pflegen und sich auf dem Portal utopia.de den neuesten Müsli-Test zu Gemüte führen, ist nicht ganz ausgeschlossen. Es sei jedenfalls "egal, ob Land- oder Stadtmensch", stellt Frieling-Huchzermeyer fest.

„Respekt vor der Natur“

Man könne das ohnehin schwer trennen, sagt Kiosk-Konkurrent Scholten. Gerade im Speckgürtel seien die Grenzen fließend. Er hat lange Pferdemagazine herausgegeben. Sein Tag beginnt immer noch im Stall, erst danach fährt er ins Büro. Mit "Liebes Land" will er "Respekt vor der Natur" vermitteln, aber nicht das harte Landwirtsleben verherrlichen und auch nicht behaupten, früher sei alles besser gewesen.

"Laub lebt" erklärt das Magazin beispielsweise und lässt einen Biologen winzige Bärtierchen und Sternhaare aus einem Blätterhaufen unterm Mikroskop zeigen. Ein Statement gegen Laubsauger. Weiter hinten liest man, wie Spaten gemacht werden. Die Oktober-Ausgabe beantwortet die Frage: Welche Pflanzschaufel gräbt am besten? Neben den Einweck-Erfahrungen: ein sehr technischer Zugang zum Acker. Dass der Chefredakteur mehr Magazinerfahrung hat als seine Kollegin Frieling-Huchzermeyer merkt man dem Blatt durchaus an. Die Texte lesen sich flüssiger und die Themen auf dem Titel kommen nicht so verrätselt daher. "Bei Kaffee und Marmorkuchen" etwa lautet die kryptische Ankündigungszeile für den Kaffeekränzchen-Artikel in "Landlust". Vielleicht allerdings mögen die Leser genau diesen Wildwuchs - statt allzu sauber gestutzter Texte. Wenn sie den Empfehlungen der Magazinmacher folgen, sehen sie sich ohnehin das ganze Heft an. In aller Ruhe. Da ist es gar nicht so wichtig, was vorne drauf steht.

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