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"Lisa" von Thomas Glavinic: Ein einsamer Alptraum

Ein Vater, ein Sohn, allein in den Bergen. Eine Serienmörderin ist hinter ihnen her. In Thomas Glavinics Roman "Lisa" wird eine Berghütte zur Falle. Oder ist alles doch nur blanker Wahnsinn?

Thomas Glavinic ist ein Meister des literarischen Alptraums. In den Werken des österreichischen Autors irren die Protagonisten in völliger Einsamkeit durch entvölkerte Länder ("Die Arbeit der Nacht", 2006) oder märchenhaft erfüllte Wünsche entwickeln eine tödliche Eigendynamik ("Das Leben der Wünsche", 2009). Es sind metaphysische Psychothriller, in denen die Helden in einer Mischung aus absurder Komik und blutiger Tragik ihre Isolation überwinden wollen. Nun hat Glavinic seinen neuen Roman "Lisa" vorgelegt. In dem Monolog-Roman redet ein Mann um sein Leben. Denn eine Serienmörderin scheint ihm im Nacken zu sitzen.

Der Vater hat sich mit seinem kleinen Sohn in ein abgelegenes Ferienhaus in den Alpen geflüchtet. Weder der genaue Ort noch sein Name werden aus Angst vor Verfolgung verraten. In einer Version von Rimbauds berühmtem "Ich ist ein anderer" sagt er: "(...) nennt mich Tom. Tom, das ist eine Idee von mir. Ich bin eine Idee von Tom."

Horrorszenen wie aus Splatterfilmen

Aus der Ich-Perspektive berichtet dieser Tom auf 205 atemlosen Seiten von der Serienmörderin: Nach einem Einbruch findet die Polizei DNA-Spuren, die schon bei bestialischen Morden auf dem halben Globus sichergestellt worden waren. Ein kasachischer Fußballer wird zu Tode gekocht, ein deutscher Wachmann gehäutet, einem Nigerianer die Zunge herausgerissen, dänische Frauen mit Kettensägen massakriert. Es sind Horrorszenen wie aus Splatterfilmen ohne Jugendfreigabe, die dieser Tom per Internetradio an die Außenwelt hinaussendet.

Je mehr grausame Morde von dieser ominösen Lisa beschrieben werden, desto stärker drängt sich die Frage nach der Glaubwürdigkeit des Erzählers auf. Er kokst sich die Nase blutig, kippt Whisky in sich hinein, sagt: "Wenn mich nicht alles täuscht, habe ich das Stadium erreicht, in dem meine Gedanken die Worte überholen." Er erzählt detailliert und präzise, räumt dann aber ein: "Ich kann mich nicht erinnern, das ist ja komisch."

Eine reale Bedrohung?

Entwirft dieser Tom, der Computerspiel-Tester und passionierter Cineast ist, seine eigene virtuelle Welt? Ist nicht schon das Setting eine Hommage an den Film "Shining" und damit ein Verweis auf die Fiktionalität, wie er ironisch erklärt: "Ich komme mir vor wie Jack Nicholson in diesem Film, wo er durchdreht, allein im Hotel mit der Frau und dem Kind, nur dass hier heißer Sommer ist und keine Frau und ich nicht durchdrehe."

Die Ich-Erzählung ist im Satzbau durch eine Fülle an Gedankenstrichen, Kommata und Punkten elliptisch aufgebrochen. Inhaltlich sind es Monologfetzen, die aus der immer schneller werdenden Welt des World Wide Web zu einer Collage aneinander getaktet sind: Zeitungsberichte über Morde, Stammtisch-Kommentare zu Homosexuellen, Sex, Esoterik, Armut in Afrika und Fußball. So ist der Roman auch eine Art Zustandsbeschreibung des heutigen Medienkonsums: Jeder kann dank World Wide Web bei (fast) allen Themen mitreden.

Oder ist die angebliche Bedrohung auf der Romanebene doch real? Immer häufiger tauchen Autos spätnachts vor der Berghütte auf und machen wieder kehrt. Der Kontakt zu Bekannten, die von Lisa wissen, bricht ab. Plötzlich kommt Musik aus dem Wald. Noch spricht Tom. Noch lebt er. Dann kommt die Schlusspointe dieses formidablen Horrortrips.

Wolf von Dewitz/DPA / DPA
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