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"Mozart und die Frauen": Sittengemälde statt Schlüpfrigkeiten

Wolfgang Amadeus Mozart ist der unbestrittene Meister der subtilen musikalischen Erotik. Das Buch "Mozart und die Frauen" räumt nun mit schlüpfrigen Legenden auf und liefert ein detailreiches Sittengemälde.

War das Genie des Musiktheaters vielleicht auch ein Frauenheld? Zahllos sind die schlüpfrigen Legenden um seine Person, und ein bisschen lässt der Titel "Mozart und die Frauen" Fürchten, die Mozart-Literatur sei damit um ein Schlüsselloch-Buch reicher. In dem Buch des Autoren Duos Enrik Lauer/Regine Müller geht es zwar auch um Mozarts Liebesbeziehungen, im Zentrum des Interesses stehen jedoch die Porträts prägender Frauen im kurzen Leben Mozarts.

Fernab jeder erotischen Spekulation entsteht vor dem Hintergrund dieses vitalen Themas ein detailreiches, akribisch recherchiertes "Sittengemälde", das eher einer spannenden Sozialgeschichte des ausgehenden 18. Jahrhunderts gleicht. So sind die zumeist durchaus soliden Einkommensverhältnisse im Hause des Komponisten ebenso Thema wie seine Vorliebe für exklusive Garderobe.

Berühmt-berüchtigte Cousine

Da sind Constanze, die Ehefrau des Meisters, und ihre Schwester Aloysia, der er zuvor vergeblich den Hof gemacht hat. Ein differenziertes Porträt ist jedoch auch der von der Literatur bisher vernachlässigten Mutter gewidmet, die in Paris begraben ist. Das traurige Schicksal von Mozarts Schwester, der so hoch begabten Nannerl, wird geschildert, die - sie ist doch nur ein Mädchen - vom Vater fallen gelassen wird, als der Rummel um die beiden Wunderkinder nachlässt. Die Cousine Bäsle, Adressatin der berüchtigten Erotik- Briefe, blieb dem Musikgenie doch nur erotisches Experimentierfeld.

Aus der Fülle der angeblichen Geliebten wird die Sängerin Nancy Storace, als "Susanna" im "Figaro" erste Darstellerin der wohl größten Mozart’schen Frauenrolle, vorgestellt und ihre angebliche Affäre mit Mozart überzeugend als Märchen entzaubert. Verblüffend sind dennoch die überraschenden Parallelen in den Biografien der beiden musikalisch Hochbegabten.

Ohne nostalgische Verklärung erzählen Lauer und Müller vom überwiegend harten Schicksal der Frauen in bewegten Zeiten, von Kindersegen und Kindstod, von mangelnder Absicherung und Abhängigkeiten in unglücklichen Ehen. Aber auch von pragmatischer Moral und - nach heutiger Empfindung - gefühlskalten Rabenmüttern berichtet das Buch. Manch romantische Legende wie die vom verarmten Künstler wird enttarnt und gezeigt, dass das geltende Mozart-Bild noch immer geprägt ist vom Geist der Romantik. Der gefühlige Jüngling, der Leckermäuler von den Mozart-Kugeln anschaut, hat nichts mit der Wirklichkeit zu tun.

Gerd Korinthenberg/DPA

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