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Interview Josef Wilfling: "Der größte Tatort ist das Internet"

Exhibitionismus, Sadismus, Mord aus purer Mordlust - über seine 42 Jahre als Ermittler hat Josef Wilfling ein Buch geschrieben. Im Interview mit stern.de erzählt er über menschliche Abgründe und seine krassesten Erlebnisse als Chef der Münchner Mordkommission.

Herr Wilfling, Sie waren 42 Jahre bei der Münchner Polizei und haben bis zur Ihrer Pensionierung die Mordkommission geleitet. Jetzt haben Sie ein Buch darüber geschrieben, wie Menschen zu Mördern werden. "Abgründe", nennen Sie es. Wie haben Sie die Fälle ausgewählt?
Ich habe das Buch in Anlehnung an die sieben Todsünden aufgebaut, ein Fall zu jedem Mordmerkmal. Mir war wichtig, dass ich über Fälle schreibe, die ich bis auf einen selbst bearbeitet habe. Darin kommen Verhaltensweisen vor, die das normale Maß sprengen. Wie kommt jemand auf die Idee, seinem Opfer einen Besenstiel in den Hals zu rammen? Oder ein Polizist enthauptet mit einer Axt in einer Nacht zwei Menschen bei lebendigem Leib, aus purer Habgier, danach geht er zum Biertrinken beim Betriebsausflug. Das ist unvorstellbar, auch für mich, der 20 Jahre Mordfälle bearbeitet hat, und das verstehe ich unter Abgründe. Ich habe auch ein Kapitel über sexuelle Perversitäten aufgenommen. Exhibitionismus, Fetischismus, Sadismus sind alles Dinge, die schon was mit Tötungsdelikten zu tun haben.

Anhand des Falles eines 18-jährigen Jugendlichen, der völlig grundlos einen Arzt auf offener Straße niedergestochen hat, beschreiben Sie detailliert das Suchen und Stochern im Nebel. Wie motiviert man sich, jede Kleinigkeit zu sammeln, jeden Tag wieder zu suchen?
Man motiviert sich durch den Kontakt mit den Angehörigen. Ihnen fühlt man sich verpflichtet, und das belastet am meisten. Die Tat hatte die Stadt geschockt, der Täter hat seine Tötungsfantasien am Nächstbesten ausgelassen, ihn mit zwölf Stichen ins Herz auf einer Fläche so groß wie eine Hand gezielt getötet - ohne Spuren zu hinterlassen. Mordlust ist ohnehin ein ganz seltenes Motiv, das Opfer ist willkürlich gewählt. Ein Mitarbeiter von mir hat sich wochenlang Tag und Nacht am Tatort herumgetrieben und nach Jugendlichen gesucht, die in Frage kamen, nachdem wir einen Hinweis von einem Obdachlosen bekommen hatten. Wir stießen auf eine Mauer des Schweigens, weil der Täter Angst und Schrecken verbreitet hat, haben den Fall aber gelöst.

Wie sind Sie mit der Belastung umgegangen, diese schrecklichen Bilder, die Sie gesehen haben?
Alles, was in dem Buch steht, ist in meine Festplatte eingebrannt und habe ich dort abgerufen. Man kann die Bilder nie ausradieren. Wie man damit vernünftig umgeht, muss jeder selbst lernen. Ich bin nicht so ein sensibler Mensch, liege nicht nachts schlaflos im Bett und habe auch nicht den Glauben an die Menschheit verloren. Es gibt immer noch mehr anständige als böse Menschen. Ich sehe das ganz pragmatisch: Mord ist das schlimmste aller Verbrechen, den muss man mit allen Mitteln, die erlaubt sind, bekämpfen.

Gibt es Fälle, wo Sie ein Gefühl des Versagens beschlichen hat?
Das gab es, wenn ich mich von Emotionen leiten lassen habe, kam aber selten vor. Ich erinnere mich an einen Fall: Der Täter hat eine Frau in München getötet und ist nach Portugal geflüchtet, wo er eine junge Touristin in seine Gewalt gebracht hat und sie wochenlang in einem Schafstall auf die allerübelste Weise sexuell missbraucht hat. Als ich ihn nach seiner Festnahme abgeholt habe, begegnete mir ein Mann voller krassem Selbstmitleid, der überhaupt nicht darüber nachgedacht hat, was er dem Mädchen angetan hat. Den konnte ich nicht verhören, ich hätte nicht neutral sein können.

Gab es Triumphgefühle?
Wenn man die Wahrheit herausbekommen hat, hat man als Ermittler grundsätzlich ein Erfolgserlebnis. Mein größter Erfolg war das Geständnis des siebenfachen Frauenmörders Horst David, der mir plötzlich drei Morde gesteht. Das war ein Gefühl wie Weihnachten.

Wie bringt man die Menschen zum Reden?
Das ist das Schwierigste. Das Kernproblem ist nicht, die Lüge zu erkennen, das lernt man mit der Erfahrung, sondern jemanden dazu zu bringen, die Wahrheit zu sagen. Da gibt es Vernehmungstechniken, die ich nicht ausplaudern will, sonst lynchen mich die Kollegen. Man muss eine Vertrauensbasis aufbauen, darf niemals jemanden der Lüge bezichtigen, wenn man es nicht beweisen kann. Bei Horst David war es klassisch. Er hat abgestritten, jemals bei Prostituierten gewesen zu sein, wir konnten ihn mit den Fingerabdrücken konfrontieren, er ist zusammengebrochen.

Sind Verbrechen heute leichter aufzuklären durch die moderne Technik?
Das ist eine riesengroße Hilfe. Aber die Aufklärungsquote war bei Mord schon immer sehr hoch. Früher gab es keine DNA-Analyse, da musste man Alibis überprüfen. Die Anforderungen der Gerichte sind aber enorm gestiegen. Die Rechte der Beschuldigten werden immer mehr ausgebaut, die Möglichkeiten der Ermittler immer stärker eingeschränkt. Wir dürfen nicht mal mehr eine Blutentnahme anordnen, ohne den Staatsanwalt zu fragen. Die Belehrungspflichten werden immer schwieriger, der geringste Formfehler macht die Vernehmung nicht mehr verwertbar. Ein Polizist muss heute schon ein halber Jurist sein. Der ganze Zirkus um den Datenschutz ist für mich eindeutig Täterschutz. Freiheit im Netz, da wird mir immer schlecht, wenn ich an Kinderpornografie denke. Jedes Bild ist ein missbrauchtes Kind, jedes einzelne Bild. Dann gibt es Leute, die demonstrieren für die Freiheit im Netz. Der größte Tatort der Welt ist das Internet.

In 80 Prozent der Fälle ist Alkohol die Triebfeder.
Alkohol gehört strikt verboten für alle unter 18 Jahren, auch Bier und Wein. Das geht nur nicht, weil die Wirtschaft blockiert. Da jammern wir, wie wir die Auswüchse von Jugendkriminalität bekämpfen, sind aber nicht in der Lage, ein Alkoholverbot für Jugendliche auszusprechen.

Im Buch lassen Sie anklingen, dass Sie das Strafmaß für Mord zu niedrig finden. Welche Reformen würden Sie anstreben?
Ich würde die sogenannte lebenslange Freiheitsstrafe abschaffen und den Gerichten die Freiheit geben, eine zeitliche Strafe zu verhängen, die teilweise wesentlich höher sein kann als diese 15 Jahre lebenslänglich. Dann würde ich das Jugendstrafrecht ändern, keine härteren Strafen, die bringen nichts, aber ab 18 Jahren muss das Erwachsenenstrafrecht gelten. Ich kann überhaupt nicht verstehen, dass Polizisten Tag und Nacht gefährliche Verbrecher bewachen müssen, die frei rumlaufen. Wer gefährlich ist, darf nicht auf die Menschheit losgelassen werden. Das hat den achtjährigen Peter, dem ich das Buch gewidmet habe, das Leben gekostet. Weil man einen herauslassen musste, von dem jeder wusste, dass er wieder töten wird. Auf einmal gab es eine nachträgliche Sicherheitsverwahrung. Da frage ich mich, warum das nicht vorher möglich war? Musste erst ein Kind sterben, damit die Politiker aufwachen?

Sind Sie misstrauischer geworden in Ihrem persönlichen Umfeld?
Wenn junge Schreibkräfte kamen, konnten wir beobachten, wie sie gelernt haben, nicht mehr so naiv zu sein. Man verliert die Blauäugigkeit, sieht das Leben realistischer und lernt, dass die Menschen lügen, sich irren und von Vorurteilen geleitet sind. Man braucht ein gesundes Misstrauen, die Betonung liegt auf gesund, ohne in paranoide Wahnvorstellungen zu verfallen.

Sind Sie gläubig?
Ich würde mich als Agnostiker bezeichnen, weil ich katholisch erzogen wurde. Das bleibt hängen. Ich würde mir ein Jenseits wünschen, wo es nicht nur das Paradies gibt, sondern auch die Hölle. Es gibt so viele Verbrecher, die ungeschoren davonkommen, da muss es irgendwo eine ausgleichende Gerechtigkeit geben. Ehrlich gesagt, ich glaube daran nicht.

Gucken Sie Fernsehkrimis an?
Wenn sie gut sind, ja. Zu viele Verstrickungen sind allerdings realitätsfremd. Das Leben ist einfach, schwierig ist die Überführung des Täters. Wir wissen meistens sehr schnell, wer es war, aber das müssen wir erst beweisen. Der Fernsehermittler fährt draußen rum und hat Action, der echte Ermittler sitzt 90 Prozent seiner Zeit am Schreibtisch und macht stundenlang Vernehmungen. Das ist die Wahrheit.

Kathrin Buchner
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